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Mohr: Kennst du den besten Bio-Winzer?

Bio-Winzer Jochen Neher.
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Unter den "Besten Winzern" und "Besten Weinen", die 2020 von Weinzeitschriften in unendlich vielen Kategorien namens DIES UND DAS ausgezeichnet wurden, befindet sich auch das Bio-Weingut Mohr in Lorch am Rhein. Der Captain kennt die Weine gut.
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Es ist Spätherbst und die große Zeit der Auszeichnungen. Der Captain hat den Überblick verloren. Eine Welle von Medaillen, Urkunden und Superlativen regnet auf die Winzer herab. Überall irgendein Bester. Man fragt sich manchmal, wer eigentlich KEINE Auszeichnung erhält.

Das Ganze ist nur im Zusammenhang mit dem Geschäftsmodell der etablierten Weinmedien zu verstehen, die kaum mehr normale Weinfreunde erreichen und sich deshalb auf eine andere Zielgruppe fokussieren: Winzer, die etwas Nettes über sich selber lesen möchten. Das ist ein kleiner, aber stabiler Markt, den man mit Ehrungen und Medaillen bei Laune halten kann. Ein Beispiel ist der Rotweinpreis eines bedeutenden Weinverlages in der Pfalz, für den 2018 rund 1.200 Weine aus 13 deutschen Anbaugebieten getestet wurden. Und wer wurde Sieger? Das kann man nicht so genau sagen, denn es wurden sage und schreibe 763 Medaillen vergeben. In insgesamt 8 Kategorien. Allein das Thema Rebsorten deckt schon drei Kategorien ab, in denen es Preise hagelte: 1. Internationale Rebsorten, 2. Heimische Rebsorten, 3. Sortenvielfalt. Nein, das ist jetzt keine Satire!So macht man Sieger.

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Einer jener Winzer, die sich in diesen Tagen über eine Ehrung freuen, heißt Jochen Neher vom Weingut Mohr im Rheingau, das von den Verkostern einer Weinzeitschrift den Titel „Bestes Bio-Weingut Deutschlands“ verpasst bekam. Damit kann der Captain wenigstens was anfangen, obwohl er nichts auf solche Titel gibt. Aber er kennt die Weine von Neher, hat bereits → über eine faszinierende Rarität berichtet, die aus der ältesten Rebpflanzung des Rheingau kommt, die 1934 angelegt wurde und Neher gehört:

Rheingau: Mohr bleibt Mohr

Jedoch will ich dich jetzt nicht mit alten Geschichten langweilen, sondern habe einen neuen Wein (aus Trauben von alten Reben) des Winzers Jochen Neher aus dem Schiffsbauch geholt und verleihe im nun die goldene Medaille für den BESTEN WEIN des heutigen Tages in der Kategorie WEISSER WEIN, DER SITZEND UND MIT EINEM AUSGESTRECKTEN BEIN GETRUNKEN WIRD. Herzlichen Glückwunsch!

Ach ja, der Wein heißt → Riesling Alte Reben trocken und ist ein faszinierendes Trinkerlebnis, das für seine Qualität nicht viel kostet. Im Glas sattes Gelb mit grünlichen Reflexen. In der Nase sehr frisch nach Mandarine, Litschi, kaltem Rauch. Dann Holunderblüte, etwas Sellerieknolle und kühle Mineralik. Im Mund irre stoffig und von dichter Saftigkeit, gepimpt von einem Quentchen Restsüße (6,4 Gamm), die dem Weine eine Dimension hinzufügt. Ich schmecke Mandarine, Pampelmuse, grünen Apfel und spüre viel weiche Mineralik, die an den Duft von bemoosten Fels erinnert. Großartiger Nachdenkwein, fast zu schade für die Rolle als Speisenbegleiter. Es sei denn, es handelt sich um ein zart gewebtes Gericht, das diesem bemerkenswerten Tropfen Raum gibt. Der Captain lernte diesen Bio-Wein aus dem deutsch-türkischen Weingut Mohr im Berliner Restaurant „Osmans Töchter“ kennen und war von der Harmonie entzückt. Umami und Orient-Würze vertragen sich einfach ganz toll mit seinem Süße-Säure-Spiel.

Jochens Ehefrau Saynur kommt ursprünglich aus Trabzon am Schwarzen Meer und veranstaltet (wenn CORONA nicht alles lähmt) türkische Kochkurse im Weingut, die Kult sind. Vor der Lese 2020 blieb die Küche leider kalt und Saynur stand im Weinberg:

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Nehers Vorfahren stammen von maurischen Vertriebenen ab, die nach der christlichen Rückeroberung der Iberischen Halbinsel zunehmend unbeliebt wurden (so wie die dort ansässigen Juden auch) und teils gen Norden drängten. Neher: Unser Name stammt aus dem 15. Jahrhundert, als die Familie im heutigen Deutschland ankam und wegen ihrer dunklen Hautfarbe so genannt wurde. Nehers Urgroßvater zeugte vier Töchter, aber keinen Sohn und so verschwand der Name Mohr. Das Weingut jedoch hieß weiterhin so.

Was bedeutet hier eigentlich „Alte Reben“? Diese Zuschreibung ist ja sehr beliebig und nicht reguliert. Jochen Neher: Die Rebstöcke sind zwischen 40 und 60 Jahre alt und der Wein eine Selektion aus verschiedenen Weinbergen in dieser Altersklasse.

Die Verwendung von „Alte Reben“ auf dem Weinetikett ist gesetzlich nicht geregelt. Danke, brauchen wir auch nicht, es gibt schon genug Vorschriften im Weingesetz und überall, wo der Krakenstaat seine Finger im Spiel hat. Manche Winzer schreiben „Alte Reben“, wenn die Stöcke gerade mal 20 Jahre alt sind. Das ist natürlich Unsinn.

Kann man alte Reben schmecken? 2016 wurde eine entsprechende Studie der Landwirtschafts-Uni Geisenheim umgesetzt, in der man Rieslingreben aus den Jahrgängen 1971 bis 2012 verglich. Der Unterschied: keiner. Weder bei Mostgewicht, pH-Wert, Gesamtsäure und Sensorik. Ist „Alte Reben“ nur ein Gag? Natürlich nicht. Erfahrene Verkoster berichten, dass man ab einem Rebstockalter von ca. 50 Jahren von spürbaren qualitativen Unterschieden sprechen kann. Ich zitiere aus dem Fachmagazin Meiningers Sommelier: Bei den besten Weinen aus Uralt-Parzellen gelingt eine bemerkenswerte Kombination aus Kraft und Finesse, sie haben Druck ohne Schwere und strahlen große innere Ruhe aus.

Der Captain wird Nehers Wirken mit bereitgestellten Gläsern weiter verfolgen und hofft auf mehr Spezialitäten, die der Mann aus dem Steilhang (im mittigen Bild oben mit Ehefrau Saynur) in einer aktuellen E-Mail verspricht: Während viele Kollegen schon mit der Ernte fertig waren, haben wir das Risiko von Regenwetter und einhergehender Fäulnisgefahr nicht gescheut und abgewartet, bis die Traubenreife auf ihrem Höhepunkt war. Und es hat sich gelohnt! Goldgelbe, aromatische Rieslingtrauben bis zum Schluss! Doch HALT! Einen Weinberg haben wir noch nicht abgeerntet. Wir hoffen hier noch auf eine schöne Auslese oder Beerenauslese oder Eiswein.

 

Datum: 20.11.2020
 

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