X
Newsletter
X
X
Login
Passwort vergessen?


Konto erstellen

Rheingau: Mohr bleibt Mohr

Rheingau-Winzer Jochen Neher.
Kommentare
Ähnliche Weine
Ähnliche Artikel
Vor 150 Jahren gründeten die Vorfahren von Jochen Neher das Weingut Mohr, dem sie ihren Namen gaben. Der Winzer ist stolz darauf und würde lieber auch so heißen. Der Captain trank Nehers edlen "Riesling 34" von 84 Jahre alten Rebstöcken und war ganz hingerissen. Es sind übrigens die ältesten im Rheingau.
Anzeige

In Berlin wird die U-Station Mohrenstraße umbenannt. Die Mohren-Apotheke von Mainz musste unter dem öffentlichen Druck ihr uraltes Logo löschen. Und in Vorarlberg (Österreich) gerät die älteste Brauerei weit und breit ins Visier der Tugendwächter: Mohrenbräu. Und was passiert im Rheingau?

Hier geht Winzer Jochen Neher in den Keller und schert sich nicht um das Geschrei. Sein Weingut Mohr ist (noch) nicht zum Spielball von Aktivisten geworden.

Schon länger wollte der Captain über dieses Haus berichten. Erst recht, als er (vor dem Corona-Irrsinn) im türkischen Szene-Wirtshaus „Osmans Töchter“ (Berlin-Charlottenburg) zu Abend speiste und köstlichen Wein dazu trank. Es war der → Riesling Alte Reben von Mohr. Dass die Flasche auf der Karte dieses sehr empfehlenswerten Gasthauses steht, hat einen Hintergrund.

Nehers Nähe zum orientalischen Kulturkreis rührt nicht nur daher, dass stoffiger Rheingau-Riesling einfach gut zu den Umami-starken Gerichten der gehobenen türkischen Küche passt, sondern auch weil der Winzer mit einer Frau verheiratet ist, die ihre türkische Herkunft im Rahmen gut besuchter → Kochkurse abfeiert, dass es eine Freude ist.

Als junger Winzer lernte Neher seine Saynur (aus Trabzon am Schwarzen Meer) bei einer Weinprobe kennen. Auf diese Weise kehrte die Tradition des Hauses wieder dorthin zurück, wo sie herkam – in den Orient.

Nehers Vorfahren stammen nämlich von maurischen Vertriebenen ab, die nach der christlichen Rückeroberung der Iberischen Halbinsel zunehmend unbeliebt wurden (so wie die dort ansässigen Juden auch) und teils gen Norden drängten. Neher: Unser Name stammt aus dem 15 Jahrhundert, als die Familie im heutigen Deutschland ankam und wegen ihrer dunklen Hautfarbe so genannt wurde. Nehers Urgroßvater zeugte vier Töchter, aber keinen Sohn und so verschwand der Name. Das Weingut jedoch hieß weiterhin so: Mohr. Ihr Nachkomme kann in dieser Namensgebung nichts Herabwürdigendes finden, ganz im Gegenteil:

Wenn ich mir etwas wünschen könnte, würde ich gerne wieder Mohr heißen. Ich bin stolz auf die Geschichte der Mauren, die viel Fortschritt nach Europa brachten: moderne Bewässerungsmethoden, Kunst, Medizin. Es hat einen Grund, warum es in Deutschland so viele uralte Mohren-Apotheken gibt.

Apropos alt, eigentlich wollte ich über einen Wein von Uralt-Stöcken schreiben, die dem gebräuchlichen Namen „Alte Reben“ ausnahmsweise mal wirklich Ehre machen. Dabei heißt dieser Wein gar nicht „Alte Reben“ (vielleicht weil seine Stöcke wirklich alt sind und dieses sehr beliebig vergebene Attribut für einen Wundertrank wie diesen untauglich ist), sondern anders: Lorcher Schlossberg Riesling 34.

Was bedeutet die Zahl? Ganz einfach: 1934 ist das Pflanzjahr der Rebstöcke, die Neher am großen Lorcher Schlossberg kultiviert, einer 50 Hektar großen Weinlage, wo der Winzer eine knapp 1.000 Quadratmeter große Parzelle besitzt. Es ist die älteste belegte Pflanzung im Anbaugebiet Rheingau. Und so schmeckt Nehers Wein aus Methusalem-Reben, der für seine herausragende Stellung gar nicht übertrieben viel kostet – um die 30 Euro: Im Glas schimmert sattes Gelb. In der Nase vornehm zurückhaltend: Grapefruit, Apfel, Limette, ein bisschen Petrol. Nicht weiter spektakulär. Aber dann im Mund: rauchige Kräuterwürze nach sommerlichem Heu, Wiesenblumen, konzentriertes Fruchtmark von gelbem Obst, dass es nur so kracht, und Salz. Dieser edelrassige Wein fährt dir ins Geschmackszentrum wie ein warmes, blankpoliertes Buttermesser durch ein Stück kalter Leberwurst. Großartiger Ausnahmewein, wie man ihn selten schmeckt. Völlig zurecht ist der Winzer stolz darauf. Bitte dringend probieren!

Was heißt eigentlich „Alte Reben“? Eigentlich nichts, denn die Verwendung ist nicht gesetzlich geregelt. Danke, brauchen wir auch nicht, es gibt schon genug Vorschriften im Weingesetz und überall, wo der Krakenstaat seine Finger im Spiel hat. Manche Winzer schreiben schon „Alte Reben“ auf ihre Etiketten, wenn die Stöcke gerade mal 20 Jahre alt sind. Das ist natürlich Unsinn.

Kann man alte Reben schmecken? 2016 wurde eine entsprechende Studie der Landwirtschafts-Uni Geisenheim umgesetzt, in der man Rieslingreben aus den Jahrgängen 1971 bis 2012 verglich. Der Unterschied: keiner. Weder bei Mostgewicht, pH-Wert, Gesamtsäure und Sensorik.

Ist „Alte Reben“ nur ein Gag? Natürlich nicht. Erfahrene Verkoster berichten, dass man ab einem Rebstockalter von ca. 50 Jahren von spürbaren qualitativen Unterschieden sprechen kann. Ich zitiere aus dem sehr gut gemachten Fachmagazin „Meiningers Sommelier“: Bei den besten Weinen aus Uralt-Parzellen gelingt eine bemerkenswerte Kombination aus Kraft und Finesse, sie haben Druck ohne Schwere und strahlen große innere Ruhe aus.

 

Datum: 4.7.2020 (Update 19.11.2020)
 

Ähnliche Weine

 

Ähnliche Artikel