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Vertikale: Alte zuerst, Kinder zuletzt!

Signora Rallo, welches Glas soll ich zuerst...?
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Der Captain traf Signora Josè Rallo, Co-Chefin der sizilianischen Weingruppe Donnafugata, und lernte, warum man die älteren Jahrgänge eines Weines zuerst probieren soll.
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Wer weiß nicht, was eine sogenannte Vertikale ist? Dieser Begriff hat bei erfahrenen Weinfreunden eine ganz besondere Bedeutung. Die Vertikale ist ein Weinprobeformat. Es werden ausschließlich oder überwiegend Weine eines einzigen Weingutes probiert, und zwar in der Zeitachse vertikal nach unten. Von jung bis alt. Der Zweck einer Vertikalen ist es, im direkten Vergleich herauszufinden, welche Jahrgänge gut gelungen und welche weniger empfehlenswert sind. Nicht immer ist die Reihenfolge der Jahrgänge chronologisch.

Es gibt übrigens auch eine Horizontale. Das ist keine Weinprobe im Liegen, sondern eine Verkostung, in der die Weine eines Anbaugebietes und Jahres von verschiedenen Produzenten gegeneinander verglichen werden.

Warum ich euch das erzähle, ist schnell erklärt. Es begab sich nämlich, dass der Captain eine Winzerin traf, die ihn mit einer ganz besonderen Sitte vertraut machte. Ich nenne sie die aufsteigende Vertikale. Von alt nach neu. Die Winzerin heißt José Rallo und das Weingut ihrer Familie nennt sich Donnafugata.

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Wer weiß nicht, was eine sogenannte Vertikale ist? Dieser Begriff hat bei erfahrenen Weinfreunden eine ganz besondere Bedeutung. Die Vertikale ist ein Weinprobeformat. Es werden ausschließlich oder überwiegend Weine eines einzigen Weingutes probiert, und zwar in der Zeitachse vertikal nach unten. Von jung bis alt. Der Zweck einer Vertikalen ist es, im direkten Vergleich herauszufinden, welche Jahrgänge gut gelungen und welche weniger empfehlenswert sind. Nicht immer ist die Reihenfolge der Jahrgänge chronologisch.

Es gibt übrigens auch eine Horizontale. Das ist keine Weinprobe im Liegen, sondern eine Verkostung, in der die Weine eines Anbaugebietes und Jahres von verschiedenen Produzenten gegeneinander verglichen werden.

Warum ich euch das erzähle, ist schnell erklärt. Es begab sich nämlich, dass der Captain eine Winzerin traf, die ihn mit einer ganz besonderen Sitte vertraut machte. Ich nenne sie die aufsteigende Vertikale. Von alt nach neu. Die Winzerin heißt José Rallo und das Weingut ihrer Familie nennt sich Donnafugata.

Donnafugata? Das erinnert an den „Palazzo di Donnafugata“ aus Giuseppe Tomasi di Lampedusas Roman „Der Leopard“. Viele kennen sicherlich die prachtvolle Verfilmung von Luchino Visconti mit Burt Lancaster und Claudia Cardinale. Es heißt, ein mittelalterlicher Herrschaftssitz, der heute an der Schnellstraße Palermo-Sciacca liegt, inspirierte den Schriftsteller zu seinem Buch. Das gleichnamige Weingut ganz in der Nähe gehört zu den größeren Playern auf der heißen Insel und macht seit einiger Zeit von sich Reden. Die historische Kellerei liegt am Rande des Zentrums der mittelalterlichen Hafenstadt Marsala.

Donna José von Donnafugata lud den Captain also ein, die Weine der Rallos zu verkosten und fuhr im Berliner Gourmettempel von Tim Raue ihr gesamtes Flaschenrepertoire auf. Auch längst vergriffene Jahrgänge waren dabei, um die Lagerfähigkeit der sizilianischen Tropfen (insbesondere der Rebsorte Nero d’Avola) zu demonstrieren. Der Captain konnte nicht alle probieren, doch die Interessantesten hat er sich für diesen Artikel rausgepickt.

Als dann der Captain sich anschickte, drei verschiedene Jahrgänge des Flaggschiffweines von Donnafugata namens Mille e una Notte (1996, 2008 und 2012) zu probieren, entsponn sich ein Gespräch mit der Gastgeberin, die sah, wie er das Glas mit dem jüngsten der drei Knaben zum Munde führte. Tun sie das nicht! Wie bitte? Fangen sie mit dem ’96er an. Wieso? Weil das der älteste Jahrgang ist. Fangen sie damit an! Das verstehe ich nicht. So machen wir das in meiner Familie. Wir probieren zuerst die ältesten Weine und trinken uns dann bis zum neuesten Jahrgang durch. Sie müssen nicht. Aber ich empfehle es ihnen. Bitte erklären sie mir, wozu das gut sein soll. Ganz einfach. Weil gereifte Weine in der Regel eleganter und balancierter sind als die Jungen. Die haben Kraft, sind manchmal aggressiver in Nase und Mund. Es ist eine Frage der Dramaturgie und ob sie nach der Verkostung der aromenstarken Jungen noch bereit sind, die feinen Nuancen der alten Jahrgänge zu spüren. Interessant. Bisher begann ich immer mit dem jüngsten Jahrgang. Es ist eine Frage der Philosophie. Auf unsere Weise bin ich auch in der Lage, der Chronologie eines Weinguts zu verfolgen. Wie änderte sich die Stilistik im Laufe der Jahre? Insbesondere unseren Passito verkoste ich auf diese Art.

Machen sie das immer so? Natürlich nicht. Manchmal trinke ich Wein ohne zu denken. Aber wenn man ein Weingut bereits kennt, macht top down drinking wirklich Spaß. Sie werden sehen.

Der Captain hat also wider etwas dazugelernt. So ist das in der Weinwelt. Kaum hat man sich an eine These gewöhnt, springt einer um die Ecke und beweist genau das Gegenteil. Ich kenne kein Gebiet auf der Welt, in dem alles Gelernte so schnell auf den Kopf gestellt wird, wie beim Wein.

Alle besseren Sizilianer – und insbesondere die Roten – leiden unter einem einschlägigen Ruf. Es heißt, sie schmecken breit, fleischig und wirken überreif und alkoholisch. Typisch heißer Süden eben. Wieder so ein Standpunkt, der sich nicht halten lässt. Denn das ist bei vielen Spitzenweinen von der Insel gar nicht der Fall. Insbesondere, wenn es sich um Tropfen der einheimischen Rebsorten Nero d’Avola und Nerello Mascalese handelt.

Donnafugata brachte seinen Mille e Una Notte 1995 auf den Markt. Als Geburtshelfer fungierte der 2016 verstorbene Giacomo Tachis, zu Lebzeiten der einflussreichste Weingutsberater Italiens, der die Weinlegenden Sassicaia und Solaia erfand und für den Aufstieg von Antinori zum Weltweingut mitverantwortlich gemacht werden kann. Tachis begann in den frühen 1990er-Jahren Weine für Donnafugata zu entwickeln. Aber zuerst verfeinerte er den „Tancredi“, eine Cuvée aus Nero d’Avola und Cabernet Sauvignon, die man nach einer ungestümen Romanfigur aus dem Leoparden benannte.

Tachis war eng mit dem Super-Önologen Emile Peynaud von der Uni Bordeaux befreundet, der ihm in die Feinheiten der bordelaiser Weinbereitung einführte. Peynaud beriet hunderte Weingüter und gilt als Wegbereiter der kontrollierten malolaktischen Gärung (Weinlexikon → biologischer Säureabbau). Einer seiner Schüler war der Winzersohn Michel Rolland aus dem Pomerol, ebenso ein Tausendsassa des Weinbaus und heute wahrscheinlich der einflussreichste Weinberater der Welt.

1995 war es dann soweit, als Tachis wieder einmal ein paar Fassproben aus Nero d’Avola im Donnafugata-Keller zog und ganz hin und weg war. Die Idee zum Flaggschiffwein war geboren und im Handumdrehen umgesetzt.

Um genauer zu sein: Ursprünglich war der Mille e Una Notte ein Verschnitt aus Nero d’Avola und ein bisschen Perricone, auch so eine sizilianische Urtraube. Tachis war gar nichts anderes übriggeblieben, als Kraut und Rüben gemeinsam auszubauen, denn die älteren Nero d’Avola-Pflanzungen von Donnafugata wurden im gemischten Satz mit Perricone angebaut. Das war damals noch auf Sizilien so üblich.

Gemischter Satz? Wer nicht genau weiß, was das ist, schlägt in meinem Lexikon nach → Gemischter Satz

Um die Jahrhundertwende wurde der Mille e Una Notte reinsortig, ab 2009 mischte man Syrah hinzu, ein Jahr später auch etwas Petit Verdot, um frische Würze einzubringen und ein klares Statement gegen die überreifen Bomber Siziliens zu setzen. Die Trauben des Mille gedeihen im Zentrum der Insel in der Appellation Contessa Entellina DOC auf 200 bis 600 Metern Höhe, wo die Böden aus kalkhältigem Lehm mit jeder Menge Metall durchsetzt sind: Kalium, Mangan und Eisen. Rund 14 Tage lang vergären die zerquetschten Trauben auf der Hefe, dann wandert der Saft für ca. 14 Monate in neue französische Barriques. Die gefüllten Flaschen werden nach drei Jahren für den Verkauf freigegeben.

Die Rallos machten schon Mitte des 19. Jahrhunderts in Wein und produzierten in Marsala den berühmten, gebietstypischen Süßwein, der heute ziemlich aus der Mode ist. Donnafugata wurde aber erst 1983 von den Eltern der dunkelhaarigen José gegründet und nach modernen Marketing-Gesichtspunkten aufgezogen.

José Rallo kann mit Zahlen und Noten. Ihren Job als Excel-Virtuosin im Dienste des Wirtschaftsprüfungskonzerns Anderson Consulting hängte sie zuliebe des Familienbetriebs an den Nagel und stieg im Weingut ein. Nebenbei nahm sie eine Jazz-CD auf. Wie gut José singen kann, bewies sie dem Captain während seines Besuchs im Barriquekeller von Donnafugata:

Gemeinsam mit Bruder Antonio führt José Rallo den Betrieb, der Rebflächen in allen wichtigen Anbaugebieten Siziliens bewirtschaftet und über fünf Produktionsstätten verfügt, inklusive einer Kellerei auf der kleinen Vulkaninsel Pantelleria.

Man darf sogar die Weine besuchen und ihnen beim Werden zusehen. Der Firmensitz in Marsala hat das ganze Jahr über geöffnet. Das Weingut in Contessa Entellina, im Landesinneren zwischen Palermo und Marsala gelegen, ist auf Anfrage zu besichtigen. Die Kellerei auf Pantelleria ist nur im Sommer zugänglich.

Sizilien ist mit seinen 113.000 Hektar Rebfläche trotz seiner uralten Weinbautradition ein önologischer Spätzünder, der erst um die letzte Jahrhundertwende in die Moderne aufbrach. Das allerdings geschah mit Maserati-Rasanz.

Waren bis vor 20 Jahren noch die Weltsorten Syrah, Cabernet Sauvignon, Merlot, Viognier, Chardonnay und Sauvignon Blanc die Inselstars, hat sich der Wind zugunsten autochthoner Reben gedreht. Heute stehen Nero d‘ Avola, Frappato, Nerello Mascalese und Nerello Cappuccio (rot) sowie Inzolia, Grillo, Ansonica, Catarratto, Grecanico und Zibibbo (weiß) hoch im Kurs. Besonders die Weine vom Ätna, die teilweise auf knapp unter 1.000 Metern Höhe wachsen, erfreuen sich großen Zuspruchs.

 


Datum: 20.12.2019 (Update 1.1.2020)
 

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