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Sterben die Weinführer?

Reinhard Löwenstein in seinem natürlichen Habitat.
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Der deutsche Verlag des Gault&Millau-Weinführers kündigt die Lizenz und will das Buch nicht mehr machen. Der Captain sprach mit Moselwinzer Reinhard Löwenstein, dem das Treiben der Notenvergeber schon lange missfällt.
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Der Weinführer von Gault&Millau hat eine ungewisse Zukunft. Der ZS Verlag in München hat die Lizenz gekündigt, weil man → von der Zusammenarbeit frustriert sei und lässt offen, ob er einen eigenen Guide für deutsche Weine herausgeben will. Das nichtsagte ZS-Geschäftsführer Jürgen Brandt dem Captain, der eher glaubt, dass in München Schluss mit Weinguide ist.

Der gut gemachte Gault&Millau-Weinguide Deutschland steht neben den Weinführern von Eichelmann, Vinum und Falstaff vor der Nase des Captain, der gerne darin blättert, um sich rasch zu informieren. Alle vier Bücher sind sorgfältig recherchiert und voll geballter Informationen über bis zu tausend Winzer und noch viel mehr Weinbewertungen. Als Medienmacher sagt der Captain: Hut ab! Doch offenbar ist das Verlegen dieser Schwarten kein gutes Geschäft mehr. Früher mal, da reicht das Geld der Käufer. Dann begannen die Weinguides bei den Winzern abzukassieren. Und jetzt?

Einer, der eigentlich kein Problem haben müsste, die Gebühren der Guides zu bezahlen, ist Reinhard Löwenstein, wohlsituierter Spitzenwinzer der Mosel, ehemaliges DKP-Mitglied und leidenschaftlicher → Buchautor. Löwenstein wettert gegen viel, auch gegen die Guides. Der Captain sprach mit Reinhard Löwenstein, der ihm gleich zu Beginn das Du-Wort anbot. Ist wahrscheinlich was Sozialistisches.

Buddha & Berserker: Reinhard Löwenstein

Du giltst als Kritiker von Weintests, die für Winzer kostenpflichtig sind. Seid ihr zu arm, um zu bezahlen? Nicht der Preis ist das Problem, sondern die Abkassier-Kultur, die eine unabhängige Weinkritik in Frage stellt. In Deutschland sind wir gottseidank noch nicht so weit, aber in Österreich wird das auf die Spitze getrieben. Winzer stellen pro Jahr 15.000 Euro ins Budget, um in den relevanten Weinführern zu stehen. Das ist ruinös. Wesentliche Kraft, die das vorantrieb, ist der Falstaff-Verlag, der auch in Deutschland die höchsten Gebühren nimmt. Hawesko schrieb mich vor einiger Zeit an und fordert mich auf, meine Weine von Falstaff testen zu lassen, damit die das in ihrem Marketing verwenden können. Vermutlich gab es eine Kooperation zwischen beiden Firmen. Damals sagte ich, jetzt reicht’s. Das hat doch alles nichts mehr mit Weinjournalismus zu tun.

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Der Weinführer von Gault&Millau hat eine ungewisse Zukunft. Der ZS Verlag in München hat die Lizenz gekündigt, weil man → von der Zusammenarbeit frustriert sei und lässt offen, ob er einen eigenen Guide für deutsche Weine herausgeben will. Das nichtsagte ZS-Geschäftsführer Jürgen Brandt dem Captain, der eher glaubt, dass in München Schluss mit Weinguide ist.

Der gut gemachte Gault&Millau-Weinguide Deutschland steht neben den Weinführern von Eichelmann, Vinum und Falstaff vor der Nase des Captain, der gerne darin blättert, um sich rasch zu informieren. Alle vier Bücher sind sorgfältig recherchiert und voll geballter Informationen über bis zu tausend Winzer und noch viel mehr Weinbewertungen. Als Medienmacher sagt der Captain: Hut ab! Doch offenbar ist das Verlegen dieser Schwarten kein gutes Geschäft mehr. Früher mal, da reicht das Geld der Käufer. Dann begannen die Weinguides bei den Winzern abzukassieren. Und jetzt?

Einer, der eigentlich kein Problem haben müsste, die Gebühren der Guides zu bezahlen, ist Reinhard Löwenstein, wohlsituierter Spitzenwinzer der Mosel, ehemaliges DKP-Mitglied und leidenschaftlicher → Buchautor. Löwenstein wettert gegen viel, auch gegen die Guides. Der Captain sprach mit Reinhard Löwenstein, der ihm gleich zu Beginn das Du-Wort anbot. Ist wahrscheinlich was Sozialistisches.

Buddha & Berserker: Reinhard Löwenstein

Du giltst als Kritiker von Weintests, die für Winzer kostenpflichtig sind. Seid ihr zu arm, um zu bezahlen? Nicht der Preis ist das Problem, sondern die Abkassier-Kultur, die eine unabhängige Weinkritik in Frage stellt. In Deutschland sind wir gottseidank noch nicht so weit, aber in Österreich wird das auf die Spitze getrieben. Winzer stellen pro Jahr 15.000 Euro ins Budget, um in den relevanten Weinführern zu stehen. Das ist ruinös. Wesentliche Kraft, die das vorantrieb, ist der Falstaff-Verlag, der auch in Deutschland die höchsten Gebühren nimmt. Hawesko schrieb mich vor einiger Zeit an und fordert mich auf, meine Weine von Falstaff testen zu lassen, damit die das in ihrem Marketing verwenden können. Vermutlich gab es eine Kooperation zwischen beiden Firmen. Damals sagte ich, jetzt reicht’s. Das hat doch alles nichts mehr mit Weinjournalismus zu tun.

Offenbar langt das Geld der Käufer nicht mehr für das klassische Verlegermodell. Wer soll denn die fleißigen Tester bezahlen, wenn nicht die Winzer selbst? Wir Winzer sollten zwei Weinführer mit jeweils einer teuren Anzeige für 50.000 Euro finanzieren, damit die Weine anständig verkostet werden. Im VDP hab ich das angesprochen. Hat leider nichts gebracht. Wahrscheinlich bin ich unrealistisch.

Wahrscheinlich sind deine Kollegen einfach nur geizig. Wie soll es nun weitergehen? Ich glaube, diese Weinführer werden von Konsumenten gar nicht gelesen, sondern von Winzern, die sich selber darin finden. Das ist Onanie. Fakt ist, dass sich Printmedien nicht mehr lohnen. Dann muss man sich vielleicht damit abfinden, dass die bankrott machen. Im Zeitalter des Internets fragt man sich sowieso, wozu das noch gut ist.

Genauso wie das zweigleisige Geschäftsmodell der Weinführer prangerst du die Bewertungssysteme mit Punkten an, obwohl die bei Konsumenten beliebte Orientierungshilfen sind. Warum willst du den Menschen diese Unterstützung nehmen? Ich bemängle diese Punktesysteme nicht generell, sondern nur für Kulturweine.

Bitte was ist Kulturwein? Es gibt Beethoven-Weine und es gibt Dieter-Bohlen-Weine. Für letztere macht es ja Sinn, Schulnoten zu verteilen. Ich habe kein Problem mit Weinen für 2,99 Euro im Supermarkt. Es ist völlig ok, wenn die bewertet werden. Das sind Weine, die man unfallfrei trinken kann. Sie verhalten sich zu kulturbeseelten Weinen wie Flipflops zu handgenähten Lederschuhen.

Kulturbeseelt? Weine mit einer kulturellen Message. Das sind Wein für Menschen, die sich damit beschäftigen wollen. Es sind emanzipative Weine, die im positiven Sinne dazu beitragen, unseren Gefühls- und Bewusstseinshorizont zu erweitern. Wie Oper und guter Gesang. Wir vinifizieren Weine, die unseren kulturellen und moralischen Vorstellungen entsprechen. Wir wollen nicht Geschmack optimieren sondern Kultur. Ich könnte jeden meiner Weine vermeintlich besser machen, indem ich die Schubladen ziehe, die mir die Industrie anbietet. Aber unser Wein schmeckt ein bisschen schlechter als er schmecken könnte und ist ein bisschen teurer, weil er mit viel mehr Arbeit und Herzblut hergestellt wurde. Solche Weine schmecken nach dem komplexen Zusammenspiel verschiedener Weinberge, dem Klima und den vielen beteiligten Mitarbeitern. 400 Millionen Jahre alte, versteinerten Meeresböden, können so sinnlich erfahren werden.

Und warum soll man diese Weine nicht mit Punkten bewerten? Weil Kultur keine Schulnoten kennt. Mozart 97 und Vivaldi 94 Punkte? Und was bekommen die Rolling Stones? Diese Bewertungsansätze stammen aus der Welt der Industrie. Und passen daher auch nur für Weine, die im industriellen Spirit hergestellt wurden. Weinführer sollten sich mit den kulturellen Aspekten der Weine beschäftigen. Sie sollten sich im Interesse des Verbrauchers mit der Frage beschäftigen, wie Marketing und Realität übereinstimmen. Weinführer sollten kritisch die Message von Weinen hinterfragen und es dem Leser ermöglichen, eine Vorstellung von Region, Rebsorte, Klima, Boden und den jeweiligen Menschen zu bekommen.

Luca Maroni: Ende der Weinkritik?

War früher in den 1980ern alles besser? Damals steckte die Biotechnologie noch in den Kinderschuhen. Da konnte man noch sagen, dieser Wein schmeckt am besten, also ist er der beste. Heute, im Zeitalter von food-design ist das Schnee von gestern. Unsere Sinne werden übertölpelt. In Australien kreuzt man wilde Hefen von der Mosel in Zuchthefen rein, um den aalglatten Scheiß ein bisschen stinkig, wild und animalisch zu machen.

Auf eurer Facebook-Seite sieht man dich mit strahlendem Gesicht und einer roten Urkunde vom Vinum-Weinguide in der Hand. Wie passt das zu deiner Kritik an den Weinführern? Ich empfinde eine gewisse Dankbarkeit. Das Verkoster-Team ist ja beinahe geschlossen vom Gault&Millau zu Vinum übergelaufen. Das sind Leute, die 30 Jahre daran mitgearbeitet haben, dass der deutsche Wein international salonfähig wurde. Diese Menschen muss man unterstützen.

Das Gespräch führte CaptainCork-Gründer Marcus Johst.

 


Datum: 27.11.2019 (Update 28.11.2019)
 

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