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Luca Maroni: Ende der Weinkritik?

Luca Maroni.
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Der Captain mag Rebellen. Deswegen traf er sich mit dem Gottseibeiuns der italienischen Weinkritik: Luca Maroni, der mit seinen Bewertungen die Weinwelt seines Landes auf den Kopf stellt.
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Mit seinen Weinbewertungen, die manch günstigen und vordergründig-fruchtigen Tropfen höchste 99-Punkte-Weihen zuteil werden lassen, rüttelt Luca Maroni an den Grundfesten der klassischen Weinkritik. Mehr als 300.000 Weine probierte der Weintester gemäß Eigenauskunft seit 1988. Für ihn zählt nur der Genuss der normalen Weintrinker, sagt er und baut sich ein Imperium auf, das vielen Weinmenschen Angst macht.

Maroni sieht älter aus als er ist. Geboren 1961, Wirtschaftsdiplom 1986, danach drei Jahre Zusammenarbeit mit dem großen Gourmetphilosophen und Weinkritiker Luigi Veronelli (1926-2004). 1993 erschien Maronis erste Ausgabe des Weinführers „Annuario dei Migliori Vini Italiani“. Es folgten unzählige weitere Bücher. Aber Luca Maroni testet nicht nur Weine, sondern auch Gedichte. Eines seiner Bücher heißt „Annuario delle Migliori Poesie Mondiali“ = Jahrbuch der besten Gedichte der Welt.

Die Bewertungsmethode des charmant parlierenden Herrn, der stest im feinen Zwirn auftritt, fußt auf drei Parametern: Konsistenz [Maroni meint Konzentration], Ausgewogenheit [Balance], Integrität [Reintönigkeit]. Für jeden der drei Parameter gibt es maximal 33 Punkte, was im Idealfall 99 Punkte für einen Spitzenwein nach Maronis Kriterien ergibt. Da kommt es schon mal vor, dass ein Wein für weniger als 10 Euro die Höchstnote kassiert, weil er nach Meinung des Meisters das Genussmaximum verspricht. Maronis Methodik kollidiert ganz erheblich mit dem 100-Punkte-System anderer Kritiker, die für den Wine Advocate des ehemaligen Rechtsanwalts Robert Parker werten oder für den Vinum-Weinguide und Gault&Millau-Weinführer, um zwei deutschsprachige Anbieter zu nennen.

Ist Maroni ein genialer Weinclown, der allen Profis die lange Nase zeigt?

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Mit seinen Weinbewertungen, die manch günstigen und vordergründig-fruchtigen Tropfen höchste 99-Punkte-Weihen zuteil werden lassen, rüttelt Luca Maroni an den Grundfesten der klassischen Weinkritik. Mehr als 300.000 Weine probierte der Weintester gemäß Eigenauskunft seit 1988. Für ihn zählt nur der Genuss der normalen Weintrinker, sagt er und baut sich ein Imperium auf, das vielen Weinmenschen Angst macht.

Maroni sieht älter aus als er ist. Geboren 1961, Wirtschaftsdiplom 1986, danach drei Jahre Zusammenarbeit mit dem großen Gourmetphilosophen und Weinkritiker Luigi Veronelli (1926-2004). 1993 erschien Maronis erste Ausgabe des Weinführers „Annuario dei Migliori Vini Italiani“. Es folgten unzählige weitere Bücher. Aber Luca Maroni testet nicht nur Weine, sondern auch Gedichte. Eines seiner Bücher heißt „Annuario delle Migliori Poesie Mondiali“ = Jahrbuch der besten Gedichte der Welt.

Die Bewertungsmethode des charmant parlierenden Herrn, der stest im feinen Zwirn auftritt, fußt auf drei Parametern: Konsistenz [Maroni meint Konzentration], Ausgewogenheit [Balance], Integrität [Reintönigkeit]. Für jeden der drei Parameter gibt es maximal 33 Punkte, was im Idealfall 99 Punkte für einen Spitzenwein nach Maronis Kriterien ergibt. Da kommt es schon mal vor, dass ein Wein für weniger als 10 Euro die Höchstnote kassiert, weil er nach Meinung des Meisters das Genussmaximum verspricht. Maronis Methodik kollidiert ganz erheblich mit dem 100-Punkte-System anderer Kritiker, die für den Wine Advocate des ehemaligen Rechtsanwalts Robert Parker werten oder für den Vinum-Weinguide und Gault&Millau-Weinführer, um zwei deutschsprachige Anbieter zu nennen.

Ist Maroni ein genialer Weinclown, der allen Profis die lange Nase zeigt?

Deutsche Sommeliers und Sommelièren (so heißt die weibliche Form) rollen mit den Augen, wenn man ihnen mit dem Namen Maroni kommt. Spüren sie, dass da einer mit dem Presslufthammer an die Grundmauern ihres Berufstands geht? Häufigster Vorwurf gegen Maroni ist die Fixierung auf Süße, deren Gewicht er ungebührlich hoch bewerte. Maroni kontert mit dem Argument, Süße sei ein Grundbedürfnis des Menschen und insbesondere bei normalen Weinfreunden beliebt, wenn sie gut eingebunden ist.

Wenn das Modewort disruptiv auf irgendjemanden in der Weinwelt zutrifft, dann heißt er Luca Maroni. Der Mann ist in Italiens Weinszene in aller Munde. Seine Bewertungen gewinnen nicht nur deshalb an Popularität, weil sie einfach zu verstehen, sondern auch, weil sie Teil eines Perpetuum mobile des Weinmarketings sind. Denn mit jeder tollen Maroni-Bewertung zünden die beglückten Winzer ein Dauerfeuer auf Konsumenten, um mit ihren Punkten zu protzen. Die wiederum werten die Omnipräsenz des Namens Maroni als Bedeutungsbeleg und folgen beim Weinkauf seinem Urteil. Auch das System Parker funktioniert seit Jahrzehnten so. Dass Maroni dann auch noch mit der Ausfertigung von Urkunden Kasse macht, ist nur logisch. Die Verleger der deutschen Weinführer tun es ähnlich. Mit eher sprödem Marketingzauber allerdings.

Der Captain kennt viele jener, die gewissenhaft und jedes Jahr aufs neue die deutschen Weinführer Vinum, Gault&Maillau, Eichelmann und Falstaff füllen (habe ich einen vergessen?) und hat großen Respekt. Denn oft sitzt er daneben, wenn diese Herren (Frauen gibt es nämlich kaum) kenntnisreich verkosten und ihr Urteil entsprechend begründen. Der Captain kennt auch viele Winzer, die sich über diese Bewertungen freuen. Sie sagen aber auch: Viel zu kompliziert. Normale Weintrinker erreicht das nicht. Ist die Zeit reif für einen deutschen Maroni?

Wie mächtig sind die Weintester?

Der Captain befragte Menschen der italienischen Weinwelt über Luca Maroni und blickte in ernste Gesichter. Nein, über Maroni lacht keiner. Antonio Rallo, Eigentümer der Donnafugata-Gruppe und Präsident der rasant aufstrebenden DOC Sicilia: Luca Maroni besitzt den talentiertesten Gaumen Italiens. Francesco Liantonio, einflussreicher Weinpolitiker und Besitzer von Torrevento in Apulien, wo im Jahr über 10 Mio. Flaschen abgefüllt werden: Ich kenne Luca gut und bewundere ihn. Er macht einen großartigen Job. Diplomatische Ehrfurcht vor der Macht eines berühmten Weinkritikers oder echte Begeisterung? Ich weiß es nicht.

Lest mein Gespräch mit Luca Maroni, das am Rande einer Weinpräsentation im Hamburger Hotel Atlantic stattfand. Maroni und der Captain saßen in einem Nebenraum des großen Festsaals, wo die Winzer in Maronis Schlepptau ihre Präsentationstische aufgebaut hatten, rundherum Händler und Einkäufer. Es brummte wie in einem Bienenstock

Planen Sie auch einen deutschsprachigen Weinführer? Den gab es schon im Jahr 2000 mit dem Hugendubel-Verlag. Dann wurde die Firma umstrukturiert und das Projekt gestoppt. Inzwischen wäre es komplett unökonomisch so ein Buch auf Deutsch zu publizieren. Bücher werden immer unwichtiger. Ich konzentriere mich auf das Internet. Da sind meine Bewertungen hochaktuell nachzuverfolgen. Sie können alle Weinbewertungen von mir gratis → auf meiner Webseite nachlesen.

Bitte erläutern Sie in einfachen Worten Ihr Konzept. Ich produziere Wissen und gebe den Konsumenten Hinweise auf Weine, die ihnen gefallen könnten. Weine, die ohne Einschränkungen wie Lagerzeit und Kaufpreis trinkbar sind. Meine drei Parameter, die ich zur Bewertung anwende, treffen auf die sensorischen Fähigkeiten des Durchschnittstrinkers. Sie sind nicht für Kenner und Weinprofis gedacht. Menschen, die mit Wein arbeiten, stellen andere Ansprüche. Sie wollen mehr Säure, Oxidation und Bitterkeit.

Wie kamen sie auf diese Art Weine zu bewerten? Ich beschäftigte mich 10 Jahre lang intensiv mit dem Thema Wein, bevor ich meine Methode erfand, die den Empfindungen normaler Menschen entspricht und nicht auf der Meinung von Experten beruht. Ich bin der erste, der so etwas macht und setze auf Logik, wo keine Logik erlaubt ist. In jeder anderen Sparte der Lebensmittelbranche – und Wein ist ein flüssiges Lebensmittel – gelten Frische und Bekömmlichkeit als oberstes Prinzip. Nicht jedoch in der Weinwelt. Hier findet man Säure und Bitterkeit ganz toll.

Maronis Weine

Was Sie Qualität nennen, trifft absolut nicht den Geschmack erfahrener Weintester. Warum sind Sie so sicher, dass Sie richtig liegen? Weil ich Fehler erkenne, wo andere nichts merken oder darüber hinwegsehen. Die Weinwelt hat sich in den letzten 15 Jahren grundsätzlich verändert. Primitivo war früher in jeder Hinsicht schrecklich. Orange Farbe, keine Frische, nur Alkohol. Jetzt hat er violette Reflexe, ist voller Frucht und macht Freude. Man hat die Qualität der Trauben und ihre Vinifikation verbessert. Als ich meine Methode vor 25 Jahren vorstellte, war die Hinwendung zur Klarheit, Sauberkeit und Frische revolutionär. Meine Idee war von Beginn an, dass sich die Produzenten umbesinnen, wenn immer mehr Menschen meine Bewertungen lesen und Winzer davon ablassen zu behaupten, so sei eben ihr Wein und erst in 20 Jahren würde er perfekt schmecken. Damit kaschieren sie doch nur, dass ihr Wein fehlerhaft ist. Ich will, dass die Weine in dem Augenblick perfekt sind, in dem sie abgefüllt werden.

Was ist der größte Unterschied zwischen Ihren Bewertungen und jenen der anderen Instanzen? Parker, Suckling, Gambero Rosso – niemand erklärt, welche Parameter diese Tester anwenden. Ich würde gerne wissen, wie sie arbeiten. Keiner von ihnen sagt, was Qualität ist. Ich schon. Ich bin der einzige Verkoster der Welt, der das tut und ich bin nicht stolz darauf. Die Menschen haben ein Recht darauf zu wissen, wie man zu einem Urteil kommt.

Mögen Sie keine flaschengereiften Weine? Verstehen sie mich bitte richtig. Früher haben die Weinmacher auf Zeit gespielt, weil sie ihr fehlerhaftes Arbeiten so verschleiern konnten. Wein, der reift, gewinnt an Balance, verliert Säure und Tannine. Die Fehler werden schwächer, aber der Wein wird nicht besser. Darauf setzen viele Hersteller. Ich sage, guter Wein muss von Beginn an frisch und ausgewogen schmecken. Dann bleibt er es auch.

Der Captain äußert den Wunsch, gemeinsam mit Maroni zu verkosten, um seine Methode besser zu verstehen. Sogleich eilt der Mann in den Probiersaal und kehrt mit einer Flasche zurück, auf der ein kitschiges Etikett klebt. Es ist der Caravaggio Rosso aus der Cantina Romagnoli, der von Maroni drei Mal hintereinander 99 Punkte erhielt und in Deutschand knapp 13 Euro kostet. Es ist eine Cuvée mit großen Anteilen von Barbera und Merlot. Maroni: Ein typisches Beispiel für Frucht und maximale Freude. Er hat viele Tannine und Säure, beides typisch für Barbera, aber großartig ausbalanciert. Man spürt die perfekt gereiften Beeren und genau das richtige Maß an Holzeinsatz mit neuen Barriques. Seine 14 Volumenprozent Alkohol merkt man gar nicht, sie sind von Fruchtfleisch umschlossen. Dieser Wein kostet in Italien zwischen 6 und 7 Euro. Ich bewerte keine Weine nach Preis, Macht oder Einfluss des Winzers. Sinne sind alles, das intellektuelle Wissen über Wein zählt nichts.

Weinfreunde auf der ganzen Welt loben die salzig-mineralischen Weine vom Ätna. Für sie müssten diese Tropfen allerdings der reine Horror sein. Es gibt Weine und Weine am Ätna. Kennen Sie Sole di Sesta von Cottanera? Ein reinsortiger Syrah. Hier können Sie sehen, dass es am Ätna möglich ist, einen runden und ausbalancierten Wein herzustellen. Es kommt auf die Fähigkeiten des Winzers an, um die perfekte Reife der Frucht zu erwischen.

Von was leben Sie? Wir organisieren Events, in denen wir Produzenten mit Importeuren und Händlern zusammenbringen. Ein kleiner Teil ist Bücher und ein wichtiger Teil ist die Beratung von Winzern, die sich verbessern wollen. Ich helfe ihnen mit meinem Geschmackssinn, die perfekte Cuveé zu kreieren. Vielen fehlt das Gefühl dafür.

Dank Klimawandel werden deutsche Rotweine immer besser. Es gibt sogar deutschen Sangiovese, Nebbiolo, Lagrein etc. Was muss ein deutscher Winzer bezahlen, damit Sie ihm helfen? Ich verrechne 900 Euro pro Wein. Der durchschnittliche italienische Winzer verfügt über fünf Hektar Rebland. Mein Honorar ist ihren Möglichkeiten angepasst. Ich bin demokratisch. Der Winzer kommt mit seinen Fassproben zu mir. Wir gehen alle durch und ich erkläre ihm genau, wie er die ideale Harmonie erreicht. Auf meiner Website ist das sehr detailliert dargelegt.

Das Gespräch führte CaptainCork-Gründer Marcus Johst

 


Datum: 25.10.2019 (Update 21.11.2019)
 

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