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Silvaner: eine Frage des Überlebens

Weinmacher mit eigenem Kopf: Harald Wörner
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Der Captain trinkt Franken-Weißwein aus wurzelechten Reben, die eine Katastrophe überstanden. Was das genau heißt, steht in diesem Artikel.
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Bevor der Captain seinen heutigen Abendwein vorstellt (von wurzelechten Stöcken – dazu gleich mehr) will er eine andere Entdeckung verkünden: lustige Weinwerbung!

Das ist wirklich selten. Aus nicht nachvollziehbaren Gründen ist Weinwerbung meistens todernst. Eigentlich seltsam, da es sich beim Gegenstand von Weinwerbung ausnahmslos um Produkte handelt, die nichts anderes wollen als Spaß machen und Genuss spenden.

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Trotzdem ist Weinwerbung in Deutschland von einer getragenen Ernsthaftigkeit geprägt, die mich ratlos macht. Ganz anders verhält es sich bei dem Projekt Historische Rebsorten, für das ein urkomisches Video produziert wurde. Geht doch:

Jetzt aber zum köstlichen Bio-Getränk Cosmowein Alte Rebe Silvaner herb von Wörners Schloss in Franken, dessen eigentümliche Namensgebung auf mehr verweist als einfach nur guten Wein. Denn Winzer Harald Wörner bewohnt nicht nur ein Schloss, in dem ein romantisches Hotel untergebracht ist, sondern auch den interessanteren Teil der Weinwelt, wo es nicht nur um Absatzzahlen und Märkte geht, sondern auch um Ideen und Haltung.

Welche Gedanken in Wörners Weinen stecken, hat der Captain bereits in einem Artikel beschrieben:

Wörner: Wieviel Esoterik verträgt Wein?

Deshalb geht’s jetzt mit dem Getränk weiter, dessen Trauben an wurzelechten Rebstöcken hingen.

Wurzelecht – was heißt das eigentlich? Ganz einfach: Fast alle europäischen Rebsorten sind Pfropfreben (Veredelungen) und damit keine Direktträger, da nach dem Einschleppen der Reblaus im 19. Jahrhundert die europäischen Weingärten fast vollständig vernichtet wurden.

Die kleine Reblaus ist kaum groß genug, um sie mit bloßen Augen wahrzunehmen, befällt die Wurzel der Rebe und pflanzt sich in der Rinde und auf der Blattunterseite fort. Im 19. Jahrhundert befiel sie Weinreben in ganz Europa und vernichtete den Großteil der Weinberge. Die Not der Winzer und Weingenießer war so groß, dass sich die Reblaus tief in das Geschichtsbewusstsein einnisten konnte. Sogar in Gedichte, Filme und Lieder – wie dem Wienerlied „Die Reblaus“ – hat sie es geschafft. Zum Glück erkannte man in ihrer ursprünglichen Heimat Nordamerika, dass die Rebstöcke dort resistent gegen das gefräßige Insekt sind und rettete 40% des europäischen Weinbestands mittels → Aupfropfen der Reben. Die Reblaus ist in Europa keineswegs ausgerottet. Immer wieder gibt es Meldungen über befallene Rebstöcke, auch in Deutschland. Experten fürchten, dass der Klimawandel die Ausbreitung des Schädlings begünstigt.

Noch einmal, weil das nur Wenigen bewusst ist: Fast jeder Rebstock, der in europäischem Boden steckt, fußt in einem Nachkommen amerikanischer Reben, die bis heute in deutschen Rebschulen gezüchtet und an Winzer verkauft werden. Rebstöcke, welche die Plage überlebten und ihre Nachkommen bezeichnet man als wurzelecht.

Wurzelechte Reben sind hierzulande eine streng regulierte Seltenheit und der wahre Weinadel mit uralter Genetik – egal, wie wohlklingend oder nicht der Name des Weingutsbesitzers lautet. Einer, der über solche wurzelechten Stöcke verfügt, darf aus den Ruten keine neuen Reben züchten, denn das würde einer neuerlichen Verbreitung der Reblaus-Seuche Vorschub leisten.

Genug mit dem ganzen Hintergrundwissen, der Captain will, dass du trinkst und genießt und dir nicht zu viele Gedanken machst. Dafür ist dieser charaktervolle Bio-Silvaner genau richtig: Im Glas glänzendes mittleres Gelb. In der Nase erdiger Grundton mit viel zitrischer Frische von aufgeschnittener Pomelo, grünem Apfel, weißer Birne. Im Mund aufregend trocken, fast schon staubig und bar jeder Frucht. Dieser Wein ist sowas von straight und schmeckt kompromisslos nach Stein. Natürlich weiß der Captain, dass man nackten Stein nicht schmecken kann, eher mikroskopische Flechten, die sich auf ihm angesiedelt haben. Mit der Wärme schleichen sich dezente Fruchtnoten ein, kühl und kräutrig-frisch, und bilden eine dezent-schmelzige Textur. Ich schmecke Sternanis, etwas grünen Apfel, Mesokarp. So nennt man die weiße Substanz zwischen Fruchtkörper und Schale von Zitrusfrüchten. Mit noch mehr Wärme dann fast schon heimelige Steinobstnoten. Faszinierender Wein von eleganter Mineralik und konsequenter Trockenheit. Eine wirklich schöne und im Zusammenhang mit der Philosophie des Winzers (kosmobiologische Handarbeit, Feng Shui, Geomantie) interessante Entdeckung.

 

Datum: 29.3.2021
 

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