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Grüner Veltliner: der kühne Plan

Wein-Entwickler mit Durchblick: Lenz Moser V
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Ein neu entwickelter Luxuswein mit viel Grünem Veltliner soll der weißen österreichischen Leitrebsorte endlich zum internationalen Durchbruch verhelfen.
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Der Captain bereitet sich spirituell auf seine nächste Reise vor. Es geht in eine seltsame und für Zugereiste schwer zu entschlüsselnde Stadt und das gleich für mehrere Wochen lang: Wien. 12 Jahre hielt es der Captain dort aus und ging dann leichten Herzens fort.Seitdem war er nur mehr zu sporadischen Besuchen dort.

So lange wie diesmal schaute er schon ein Vierteljahrhundert nicht mehr vorbei. Wetten, dass sich NICHTS verändert hat? Vielleicht werde ich berichten.

Was der Captain schaffte, ist der weißen österreichischen Leitrebsorte trotz vieler Versuche nie gelungen: im Ausland sesshaft werden.

Ja, der Grüne Veltliner, Stolz und Stütze der österreichischen Weinkultur (neben der famosen roten Sorte Blaufränkisch) ist ein local hero geblieben.

Daran konnte auch ein liebevoller Artikel in der New York Times nichts ändern, der vor 5 Jahren erschien und seither manchem Weinvermarkter Österreichs als hilfloser Nachweis einer internationalen Karriere dient.

Den verhinderten Aufstieg des Grünen Veltliner zur globalen Weindelikatesse könnte man unter dem Titel eines weltberühmten Buches aufschreiben: Das Drama des begabten Kindes. Das wäre der österreichische Weg – jammern und die Schuld auf andere schieben.

Einen völlig unösterreichischen Pfad beschreitet nun ausgerechnet ein Österreicher namens Lenz Moser V, der nicht zufällig genauso heißt, wie der bekannteste Weinbaupionier des Landes. Der Captain macht es wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk und wiederholt im Hauptabendprogramm die Textpassage eines älteren Artikels, den er über den listigen Lenz schrieb:

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In der österreichischen Weinwelt hat der Name Moser einen Klang wie die Pummerin. So nennen die Wiener die mächtige Kirchenglocke ihres Stephansdoms. Großvater Lenz Moser III (1905-1978) gilt als wegweisender Weinbaupionier, der die Weinwirtschaft für die Moderne fit machte und die sogenannte Hochkultur erfand, bei der im Gegensatz zur Stockkultur die Triebe an Drahtrahmen festgebunden sind. Auf diese Weise gelangt mehr Licht für die Photosynthese an die Pflanzen und Weinbergsmaschinen lassen sich bequem durch die Gassen zwischen den Rebzeilen steuern. Als der → Glykolskandal von 1985 viele Betriebe in den Ruin trieb, wurde das Weingut der Familie an den Lebensmittelkonzern VOG AG verkauft, unter dessen Dach das Überleben gesichert war. Der junge Lenz Moser V verweilte im Unternehmen, wurde im Alter von 30 Jahren sogar Geschäftsführer und blieb insgesamt 11 Jahre, bis er zur europäischen Tochtergesellschaft des kalifornischen Mondavi-Imperiums ging und in die Welt der Premiumweine eintauchte. Heute steht die alte österreichische Weinmarke Lenz Moser eher für Supermarktweine, die man auch in deutschen Regalen findet.

Weinmacher Lenz Moser V ist eine der schillerndsten Persönlichkeiten der österreichischen Weinszene und seit vielen Jahren Entwicklungshelfer für Premiumweine in China. Auf dem Foto oben sieht Lenz dem britischen Schauspieler Donald Pleasence (1919-1995) ähnlich, der für seinen durchdringenden Blick bekannt war. Kennst du nicht? Doch. Donald spielte Ernst Stavro Blofeld in „James Bond – Man lebt nur zweimal“. Er ist der Bösewicht mit der weißen Katze im Arm.

Das Weingut im Norden Chinas, wo Lenz immer wieder arbeitet, sieht aus wie ein gewaltiges Loire-Schloss und trägt sogar seinen Namen:

Chateau Changyu-Moser XV: unser Mann in China

Bisher entwickelte Lenz 6 Weine für die Chinesen. Darunter auch zwei Weiße, obwohl diese Farbe in China (noch) keine Rolle spielt.

Zaghafte Versuche, auch einen Grünen Veltliner in China herzustellen, scheiterten am Unverständnis der Hausherren. Kann ja noch werden, wenn der Wein, von dem hier gleich die Rede ist, zum Verkaufshit gerät. Dann stehen Lenz und dem Grünen Veltliner Türen offen, die heute noch verschlossen sind.

Jetzt und nach langer Vorrede zu meinem Abendwein, dem New Chapter Gruener Veltliner von Lenzmark Wines, einem Unternehmen, das zu gleichen Teilen Lenz und dem österreichischen Winzer Markus Huber gehört, der im kalkreichen Traisental südlich der Wachau ein großes Weingut betreibt.

Auf der Flasche steht: „Tomorrow’s Gruener Today“. In der Flasche befinden sich 95% Grüner Veltliner, davon der größte Teil im Stahl gereift und immer wieder aufgerührt (→ Bâttonage), um Cremigkeit zu erzielen. Ein kleiner Teil reifte in diversen Holzgebinden, um Komplexität einzubringen. Für die restlichen 5% zeichnen verantwortlich: Sauvignon Blanc, Chardonnay, Muskateller. Die letztgenannte Traube sorgt für das Nasenkino. Im Glas sattes Gelb. Ich rieche Apfelschale, Wurzelgemüse und duftig-florale Noten. Dann Sellerie, Pastinake, Gänseblümchen, Kerbel, Fruchtfleisch von gelben Äpfeln, Zitronenabrieb. Im Mund mittelgewichtig, dabei sehr kompakt, saftig-delikat und zartbitter. Ich schmecke Mandarine, junge Ananas, grüne Banane und spüre auf der Zunge seidige Creme, mittlere Säure im Wettstreit mit einem Tropfen goldgelber Restsüße und sehr viel Trinkfluss, der endlos plätschert wie ein alter Dorfbrunnen. Sehr interessante und griffige Neuinterpretation einer Rebsorte, die seit langem auf den großen Durchbruch wartet.

Mit diesem Wein, der knapp 30 Euro kostet, wollen Lenz und Markus die internationale Weinszene erobern. Nicht mehr und nicht weniger. Ein wahrlich kühnes Unterfangen.

Weil der Captain mutige Menschen bewundert, bat er Lenz zum Interview und fragte: Warum hat es der Grüne Veltliner bis dato nicht so weit gebracht?
LENZ: Irgendwas machen wir Österreicher nicht richtig. Dabei hat Grüner Veltliner sogar noch mehr Biss und Druck am Gaumen als Riesling. Und bisweilen sogar eine tolle Länge. Ich bin mir ziemlich sicher, dass man dem Grünen Veltliner die Pfefferwürze nehmen muss, um ihn international konkurrenzfähig zu machen.
CAPTAIN: Wenn das deine Kollegen in Österreich lesen, holen sie die Mistgabeln raus.
LENZ: Ich habe keine Angst. Wenn es hart auf hart kommt, haue ich nach Dubai ab und Markus regelt das.
CAPTAIN: In welcher Liga spielt du mit dem New Chapter?
LENZ: Ich sehe diesen Wein in einer Linie mit Cloudy Bay, Kiedrich Turmberg Riesling von Robert Weil, dem genialen Pouilly-Fumé von De Ladoucette und dem Cru Classé von Château Carbonnieux, ein weißer Klassiker aus Bordeaux.
CAPTAIN: Haben sich diese Winzer schon für die Ehre bedankt?
LENZ: Nein, bisher noch nicht.
CAPTAIN: Wie kam es zu diesem Wein?
LENZ: Es geschah im ersten Lockdown im Februar 2020 auf der Weinmesse Vinexpo in Paris. Ich traf Markus Huber und da sowieso wenig los war, kamen wir ins Gespräch. Markus macht 50 verschiedene Weine ohne bestimmten Fokus. Er wollte sich weiterentwickeln, suchte nach einer Herausforderung. Das war der Anfang. Es folgte eine faktenbasierte Analyse des GV-Marktes, die ergab, dass dank einiger bekannter Winzer wie Knoll, Pichler, Hirtzberger Grüner Veltliner unter Profis und fortgeschrittenen Kennern einen tollen Ruf genießt, beim Rest des Publikums aber nicht die geringste Rolle spielt. Grüner Veltliner kostet im Ausland durchschnittlich weniger als 4 Euro pro Liter. Die Exportqualität ist einfach zu gering, um für Aufmerksamkeit zu sorgen.
CAPTAIN: Welche Konsequenzen ergaben sich daraus?
LENZ: Wir mussten an drei verschiedenen Schrauben drehen. Erstens: Geschmacksprofil. Wir konzentrierten uns nicht auf die Typizität der Rebsorte, sondern auf Eleganz und Finesse. Ich glaube, dass das Geschmacksprofil des Grünen Veltliner insgesamt einer Erneuerung bedarf. Dieser Wein wurde aus 20 verschiedenen Partien cuvéetiert. Wir erfanden eine neue GV-Formel. Zweitens: Erscheinungsbild. Flaschenform, Etiketten, Weinfarbe – alles ist anders und weiblicher. In der gehobenen Gastronomie sind Frauen inzwischen wichtiger als Männer. Drittens: Positionierung. Die meisten guten GV sind zu billig. In den USA wird man unter 30 Dollar nicht ernst genommen. Wir sind jetzt schon in 20 Ländern vertreten. Bis Ende 2021 sollen es 50 sein.
CAPTAIN: Was ist die wichtigste Voraussetzung, um einen neuen Premiumwein zu kreieren?
LENZ: Man braucht PURPOSE. Einfach nur viel Geld verdienen zu wollen ist zu wenig. Man muss sich in den Dienst einer höheren Sache stellen. Bei uns ist es die klare Absicht, den Grünen Veltliner weltweit bekannter zu machen. Das ist so eine schöne Sorte, die mehr Aufmerksamkeit verdient.
CAPTAIN: Was sind die Weinmacher-Tricks bei diesem Wein?
LENZ: Für die Gärung verwenden wir teilweise Champagner-Hefen, um mehr Finesse reinzukriegen. Wenig Holzeinsatz, denn wir wollten den Kalkboden mit seiner Salzigkeit rausarbeiten. Die Bâttonage sorgt für cremige Textur. Um unser Ziel nicht aus den Augen zu verlieren, schrieben wir zu Beginn ein Manifest, wie dieser Wein schmecken soll.
CAPTAIN: Eigentlich ist dieser Grüne Veltliner gar kein reiner Grüner Veltliner…
LENZ: Ja, 5% stellen andere Rebsorten für den letzten Schliff. Sauvignon Blanc, Chardonnay und Muskateller. So bringt man Wein auf der Zunge zum Tanzen.

 

Datum: 8.8.2021 (Update 9.8.2021)
 

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