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Weintrend nach Corona: China gewinnt

Philipp G. Axt vor einem kleinen Teil seiner geheimen Rebstöcke.
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Seit über 10 Jahren ist Philipp G. Axt Winzer in Südafrika und erzeugt den teuersten Luxuswein des Landes. Wegen Corona hat die Regierung alles verboten, was den Weinverkauf ermöglicht. Was sind die Folgen für die Weinwirtschaft und wer wird durch Corona gewinnen?
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Er verfolgte diszipliniert seinen großen Traum: Winzer eines Luxusweins sein. Und setzte ihn dort um, wo es bis dahin noch gar keinen wirklich teuren Wein gab: Südafrika. Der Unternehmensberater Philipp G. Axt schmiss vor 11 Jahren seinen alten Job hin und startete das Projekt 4G Wines. Eine Flasche G. kostet knapp 500 Euro! Aber es gibt einen günstigeren Zweitwein. Der Captain berichtete ausführlich:

Südafrika: der Elite-Wein

Südafrikas Weinwirtschaft steht mit dem Rücken zur Wand. Wochenlang waren Verkauf und Transport von alkoholhältigen Getränken streng verboten. Hintergrund ist die irre hohe Zahl schwerer Verkehrsunfälle (laut BBC 34.000 pro Woche), die Besoffene verursachen und damit die Intensivstationen der Krankenhäuser auf Trab halten. Doch wegen Corona werden die Betten nun für schwerkranke Virus-Patienten gebraucht. Der Captain sprach am 28.4.2020 mit Philipp G. Axt, wie er und seine Firma klarkommen.

Wann waren sie das letzte Mal in Südafrika? Am 3. März, wir waren mitten in der Ernte. 2020 wird übrigens ein großer Jahrgang! Wir sind super happy damit. Damals sah noch alles normal aus, aber drei Wochen später: harter Lockdown.

Wie ist der aktuelle Stand bei 4G Wines? Wie gehen sie mit der Situation im Betrieb um? Glücklicherweise hat das Virus an der Grenze zu Südafrika geduldig gewartet, bis wir 95% unserer Plots geerntet hatten. Seit 26. März steht das Land still. Man darf nicht mal mit dem Hund raus. Polizei und Militär kontrollieren mehr oder weniger erfolgreich die Ausgangssperre. Die ersten drei Tage im Lockdown waren für uns alle das große Zittern, weil Weinproduktion nicht auf der Liste der „essential activities“ der Regierung stand. Das wurde aber schnell nachgeholt und so konnten wir die Trauben in Ruhe bearbeiten. Mit unserem kleinen Team können wir uns gut an die Vorsichtsmaßnahmen halten, das läuft alles prima soweit. Was wenig Spaß macht, ist das strikte Verkaufs- und Exportverbot für Alkohol im Lockdown (Anmerkung des Captain: wurde nach diesem Gespräch gelockert). Unsere Umsätze in Südafrika sind auf null. Wir können keinen Wein in die USA schicken, wo wir gerade neue Kunden in Texas gewannen. Wir haben jetzt alle Investitionen zurückgestellt, auch über den Launchtermin des neuen Jahrgangs G. 2016 müssen wir intensiv nachdenken.

4G Wines ist ein Schweizer Unternehmen mit Firmensitz im Kanton Schwyz. Ergibt sich daraus ein Vorteil? Absolut, das ist momentan unsere Überlebensversicherung. In der Schweiz bekommen wir unkompliziert Liquiditätshilfen, die es uns ermöglichen, alle Mitarbeiter zu halten und auch ein paar Monate ohne nennenswerten Umsatz zu überleben.

Wo lagern Ihre Flaschen? Können sie versenden? Aus Südafrika geht bestimmt noch einige Wochen gar nichts. Unsere aktuellen Jahrgänge liegen aber zum Großteil in Deutschland und der Schweiz. In beiden Ländern sind wir perfekt lieferfähig. Versand in andere EU-Länder ist zum Teil schwierig, da ändert sich die Situation von Woche zu Woche. Natürlich ist die Nachfrage aus der Gastronomie weltweit komplett eingebrochen. Wir geben hier einen Teil der Allokationen für Privatkunden frei, aber ich muss natürlich für die Sterne-Restaurants einiges zurückhalten. Vor allem in den Märkten, wo wir erst starten, wie USA und Asien.

Wie gehen sie und ihre Frau mit dem Virus um? Wie sieht ihr beider Alltag aus? Vanessa und ich leben in einer winzigen, aber gemütlichen Wohnung am Zuger See und freuen uns, mal ein paar Wochen nicht reisen zu müssen. Seit Jahresanfang bis zum Lockdown war ich gerade mal 11 Tage zuhause. Wir machen jetzt Home-Office und arbeiten liegengebliebene Papierstapel ab, bereiten neue Produkte vor und knüpfen virtuell Kontakte, um wieder durchstarten zu können, sobald die Grenzen sich öffnen. Zum Glück gibt es hier in der Zentralschweiz nur ganz wenige Corona-Fälle und der Weinhandel gilt als lebensnotwendig. Somit kommen wir ganz gut und beschwingt durch den Alltag.

Bitte geben sie eine Prognose für die südafrikanische Weinwirtschaft – was wird geschehen und was passiert, wenn sich die aktuelle Lage nicht ändert? Für die Weinindustrie, vor allem die kleinen Qualitätsproduzenten, kann das der Todesstoß sein. Täglich wird auf der Suche nach Alkohol in Weingüter eingebrochen. Der lokale Markt ist ein zartes Pflänzchen, das schnell erstickt sein wird. Jeder Tag ohne Export bringt nicht nur Millionenverluste, sondern gefährdet die Präsenz der Südafrika-Weine im internationalen Markt. Denn wer nicht mehr liefern kann, fliegt aus den Regalen und von der Weinkarte. Gerade die kleinen Weingüter haben kaum finanzielle Reserven, da besteht die Gefahr, dass viele der spannenden Weine, die in den letzten Jahren raus kamen, wieder verschwinden.

Hier zeigt Axt seine geheimen Rebstöcke und erklärt, wie die 4G-Weine gemacht werden:

Sie sind Betriebswirt, waren Unternehmensberater und beschäftigen sich seit vielen Jahren intensiv mit dem Luxus-Weinmarkt. Was sind die mittel- bis langfristigen Folgen für die Branche? Kurz- bis mittelfristig wird es auf jeden Fall erstmal sehr holprig. Viele Prognosen gehen in die Richtung, dass sich der Weinkauf ins Internet verlagert, dass der Konsum zuhause zunimmt – zulasten der Gastronomie. Ich bin mir da aber nicht so sicher. Wein ist nach wie vor ein besonders emotionales Produkt, das live erlebt werden will, gerade im Premiumbereich. Das wird sich nicht groß ändern. Die kurzfristige Krise, die mit Sicherheit bevorsteht, führt hoffentlich zu kreativen Ideen. Wir werden mehr Erlebnisangebote sehen, um Kunden an die Marken zu binden. Da ist noch viel Potential. Langfristig haben andere Faktoren einen viel größeren Einfluss auf den Markt als der Umsatzeinbruch durch Corona. Man muss nur mal nach China blicken und sehen, was sich dort entwickelt. Die sind inzwischen nicht nur einer der größten Weinproduzenten der Welt, sondern auch wertmäßig der viertgrößte Importeur. Zwischen 2000 und 2011 mit einer Steigerung um 26.000 Prozent! Ein Deutscher trinkt statistisch 26 Liter Wein pro Jahr. Wenn die Chinesen ihren Pro-Kopf-Verbrauch von etwas über einem Liter pro Jahr verdoppeln, bleibt für uns nicht mehr viel übrig.

Soll man jetzt Weine aus Südafrika bunkern? Weine, die man gerne mag, sollte man grundsätzlich bunkern. Vor allem hochwertige und langlebige Tropfen. Das war auf lange Sicht immer eines der besten Investments. Noch vor Aktien, Gold und Kunst. Wenn man Südafrika liebt und die Winzer unterstützen möchte, dann sollte man jetzt kaufen. Am besten direkt vom Weingut, wo das möglich ist. Einfach hinschreiben und fragen. Damit hilft man, Existenzen zu sichern und Arbeitsplätze, von denen das Überleben vieler Familien abhängt.

Was trinken sie derzeit privat am liebsten, außer natürlich 4G-Weine? Jordan Nine Yards, einer meiner liebsten Chardonnays aus Südafrika. Wenn es etwas zu feiern gibt, Champagner von Bruno Paillard. Gerade die Millésimes sind jeden Cent wert. Wenn jetzt langsam der Sommer kommt, französischen Rosé, aktuell Château de Nages, ein kleiner Bio-Produzent mit ehrlicher, sauberer Weinbergsarbeit. Und noch ein Geheimtipp: sizilianischer Bio-Blutorangen-Edelbrand mit Tonic auf Eis von Wilhelm Marx aus Niederbayern. Zum Niederknien!

 


Datum: 28.4.2020 (Update 2.5.2020)
 

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