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Schlumberger-Bernhart: die Gutedel-Prinzessin

Jungwinzerin Johanna Bernhart.
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Der Captain serviert spektakulären Wein von einer blutjungen Winzerin, die vor etwas mehr als einem Jahr ihre Ausbildung abschloss.
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Ihr Name ist Johanna Bernhart und ihre Herkunft ist das badische Markgräflerland im äußersten Südwesten, von romantisch gesinnten Menschen auch Toskana Deutschlands genannt. Die Nachbarn heißen Frankreich und Schweiz.

Hier ist die Heimat einer merkwürdigen Traube: Gutedel, über die der Weinbuch-Autor und wahrscheinlich dienstälteste Verkoster in der deutschen Weinwelt aufklärt: Rudi Knoll, der dem Captain den spektakulär-konzentrierten Gutedel Kracher von Schlumberger-Bernhart nahelegte.

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Die Winzerfamilie Schlumberger-Bernhart hat übrigens nichts mit dem Hause Schlumberger aus Wien zu tun, das auf den Stuttgarter Alwin Schlumberger zurückverweist, der im 19. Jahrhundert in der Champagne Karriere machte, bevor er sich auf einer Bootsfahrt am Rhein in ein österreichisches Mädchen verliebte und ihretwillen in die Donaumetropole zog, wo er ein Sektimperium hochzog, das heute von einem schwedischen Pharma-Milliardär beherrscht wird, dessen Familie auf der Nordseeinsel Föhr lebte und wegen der kommunistischen Überzeugung ihres Oberhauptes vor den Nazis fliehen musste.

Mein Gott, ist das alles kompliziert. Wer sich dafür interessiert, kann hier nachlesen.

Bleiben wir bodenständig und konzentrieren wir uns auf Gutedel und die Winzertochter Johanna Bernhart.

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Boshafte Menschen bezeichneten Gutedel oft als Hochstapler. Das war früher. Denn die Sorte war selten gut und edel, sondern ein eher schlichter Weißwein für den Alltag, bei dem seine Hersteller selten Ambitionen erkennen ließen. Deshalb wurde er meist für kleines Geld verkauft.

Neidisch schauten die deutschen Winzer in die Schweiz, wo die Sorte Chasselas heißt (oder Fendant im Wallis) und im Vergleich relativ teuer offeriert wurde. Lange Zeit pflegten die Eidgenossen damit biologischen Säureabbau, der den Weinen Milde undeinen deutlichen Sauerkraut-Duft verlieh. Kamen solche Getränke in Vergleichsproben mit badischem Gutedel auf den Tisch, senkten die Verkoster die Daumen.

Inzwischen erkannten die Schweizer, dass ihr Chasselas mehr Profil gewinnt, wenn etwas Säure vorhanden ist. Allmählich loteten die Markgräfler bei ihrer Traditionsrebe, die Ende des 19. Jahrhunderts im Gebiet zwischen Freiburg und Basel einen Flächenanteil von 90 Prozent einnahm, ihr Potenzial aus. Wettbewerbe wie der vor 20 Jahren eingeführte Gutedel-Cup spornen an.

Im Jahr 2000 wurde sogar ein Jubiläum gefeiert: 5000 Jahre Gutedel. Zur Beweisführung dienten Wandgemälde aus alten Königsgräbern am mittleren Nil. Hier waren unverkennbar Gutedel-Blätter zu sehen. Über die alten Griechen, Römer und Phönizier kam die Rebe vermutlich nach Europa und fand als erste Heimat ein Gebiet südöstlich von Mâcon im Süden der Bourgogne, wo es einen Ort namens Chasselas gibt.

Auf deutschem Boden wurde Gutedel schon im 17. Jahrhundert in Württemberg, Franken und Sachsen angebaut. Im Markgräflerland wurde sie deshalb heimisch, weil sie der Markgraf von Baden anno 1780 als wertvoll empfahl.

Wertvoll kann Gutedel in der Tat sein. Immer mehr Winzer zeigen beim Preis Selbstbewusstsein und strengen sich gehörig beim Ausbau an. Geradezu einen Urknall zündete Hans-Peter Ziereisen aus Efringen-Kirchen für seinen 2015er-Gutedel 10 hoch 4. 125 Euro verlangt er für die Flasche. Ziereisen rechtfertigt seinen Preis mit einem immens hohen Aufwand bei der Trauben-Selektion und dem Ausbau im Holz. Offenbar avancierte dieses Vorgehen zum Vorbild für den Nachwuchs.

Die 24-jährige Weinmacherin Johanna Bernhart war schon mit 14 überzeugt, dass sie Winzerin wird. Nach dem Weinbaustudium in Geisenheim ging sie im CORONA-Jahr 2020 nach Südafrika auf Fortbildung – auch ein Trend der Zeit, denn vor gut 20 Jahren sahen junge Winzer kaum über den eigenen Kirchturm hinaus. Weil Johanna ihre Bachelor-Thesis über Gutedel vorlegen wollte, musste ein passender Wein her.

Mit dem Jahrgang 2019 wagte sie sich nach starker Ertragsreduzierung mit verschiedenen Partien an eine Maischestandzeit von bis zu 24 Stunden ran. Es folgte eine extrem lange Lagerung auf der Feinhefe in neuen und gebrauchten Barriques.

Das Ergebnis nennt sie Kracher, aber nicht, weil es der Wein geschmacklich krachen lässt, sondern weil Krach ein altes Synonym für Gutedel ist, abgeleitet von Chasselas Croquant. Das bedeutet so viel wie knackig, knusprig und ist ein Hinweis auf die harte Schale der Beeren.

Im Vergleich zum teuren Ziereisen-Wein ist der Kracher von Johanna ein Schnäppchen. Sie verlangt „nur“ 18 Euro dafür. Kein geringer Preis, aber Johannas Kracher ist auch eine Offenbarung, die du probieren musst: In der Nase Walnusskerne, Sesam-Samen, Mandel, Banane, Feuerstein, etwas Kardamom, ein Hauch Brioche und frisch gekochte Pellkartoffel. Im Mund geradezu explodierend: viel Schmelz wie bei gutem Weißburgunder, wunderschöne Konzentration und eindrucksvolle Würze, dabei federleicht und von milder Säure geprägt. Das ist tatsächlich gut und edel und ein Lehrstück darüber, was man aus dieser Rebsorte machen kann.

Ein wahrlich kühnes und konzentriertes Stück Forschungswein, das erst recht beeindruckt, wenn man weiß, dass in ihm nur zarte 12% Vol. Alkohol walten.

 

Datum: 30.5.2021