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Pfeif auf die Lage!

Da unten fließt die Mosel.
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Was tun, wenn man köstliche Mosel-Rieslinge keltert, über tolle Steillagen, aber ohne klingende Namen verfügt? Die Gebrüder Römer aus Traben-Trarbach hatten eine Idee.

Das Dilemma fängt schon bei der Adresse an: Gewerbegebiet Mont Royal lautet die Anschrift des Riesling-Weinguts Römerhof in Traben-Trarbach.

Schon ist die ganze Moselromantik im Eimer.

Und dann noch die Lagen: Trabener Kräuterhaus, Trabener Würzgarten, Kröver Steffensberg, Kröver Letterlay…

Schon mal gehört? Eben.

Es ist schon ein paar Monate her, da erreichte den Captain diese E-Mail von einem gewissen Jürgen Römer: „Vor mehr als 30 Jahren habe ich mit meiner Frau Martina und meinem Bruder Walter in Traben-Trarbach das Weingut Römerhof gegründet, in das wir die Weinberge unserer Eltern aus Kröv mit eingebracht hatten. Martina und ich waren zu der Zeit gelernter Lehrer (na sagen wir, gerade mit dem Studium fertig), mein Bruder Winzermeister. Wir fingen zunächst ganz erfolgreich an. Zumindest was den Verkauf betrifft. Die Qualität damals war noch sehr überschaubar der Abverkauf prima. Heute ist es umgekehrt.“

Alle rackerten sich ab, die Weine wurden immer besser. Jedoch keiner interessierte sich für die mit großem Eifer hergestellten Tropfen. Die Weine aus teilweise mühsam von Steillagen heruntergeholten Trauben landeten zum Großteil im eigenen Werbegeschenke-Vertrieb, den sie mit individuell bedruckten Flaschenetiketten verließen. Und mit herzlichen Grüßen irgendwen beglückten, der seine 10-jährige Betriebszugehörigkeit damit begießen durfte.

Während Winzer Walter Römer jahrein-jahraus die demütigende Erfahrung wiederholte und allmählich ans Aufhören dachte, zerbrach sich Marketing-Mann Jürgen Römer in seinem Präsenteparadies den Kopf und fragte sich: Wie kriegen wir es hin, dass wir uns endlich von den austauschbaren, immergleichen, bodenverherrlichenden Langweilerlagenweinen absetzen?

Nach langem Grübeln kam die rettende Idee. Ein neues Konzept. Pfeif auf die Lagen!

Walter Römer: „Was nützt mir die Lagentypizität, wenn sie keiner zu schätzen weiß?“

Jürgen entwickelte ein trotteleinfaches System, das die Weine vom Römerhof fortan in drei verschiedene Typen aufteilte. Von federleicht bis vollmundig, von staubtrocken bis edelsüß. Ein Weinstil-Indikator auf dem Flachenetikett zeigt mit verständlicher Grafik an, mit welchem Geschmackserlebnis zu rechnen ist. Fort mit den herkömmlichen Qualitätsstufen, die sowieso kein Weinlaie versteht. Wer mal im Bekanntenkreis nachfragt, was der Unterschied zwischen Prädikatswein und Qualitätswein ist, dem wird klar, welches Problem deutsche Weine haben.

Dazu habe ich einen passenden Artikel verfasst:

Wie lese ich ein deutsches Weinetikett? Teil 1

Die Römers entrümpelten also ihr Weingutssortiment. Seither gibt es in der Regel nur drei Römerhof-Weine: Necto 1 bis 3.

Der feinherbe Necto II kommt am besten an, berichtet Walter Römer. Halbtrocken liegt halt im Trend.

Der Captain hingegen mag den edelsüßen Necto III am liebsten und liegt damit völlig neben der Spur. Ein knisternder, sinnlicher Wein voller Spannung, der mich reizt und wiederholt nachschenken lässt. Aber er ist der Ladenhüter am Römerhof. Deutscher Süßwein hat definitiv ein Imageproblem beim normalen Weinfreund. Wer immer das auch ist.

Von Jahrgang zu Jahrgang komponiert Walter seine drei Nectos aufs Neue. Je nachdem, wie die Säfte schmecken, die seine Lagen hergeben. Nach endlosem Verschneiden und Herumprobieren bleiben 4 bis 6 Cuvées übrig. Dann kommt der Endspurt bis drei Weine fertig sind.

50.000 Flaschen holen die Römers im Durchschnitt pro Jahr aus ihren Weinbergen raus. 2017 waren es nur 15.000. Dafür aber bestes Zeug, betont Walter und gehört damit zu den zahlreichen Weinmenschen, welche diesem Horrorjahr mit seinen Wetterkapriolen etwas Gutes abgewinnen.

Was beim Probieren der drei Nectos auffällt, ist ein konsequenter Verzicht auf Säurespitzen. Jeder Wein plätschert butterweich die Kehle runter. Rieslingfreunde, die manchmal von allzu ätzendem Säurespiel genervt sind, werden frohlocken.

Walters Credo ist die sogenannte physiologische Reife. Im Gegensatz zur technisch definierten Zuckerreife, die in Öchslegraden gemessen wird.

Reif ist, was reif schmeckt, sagt die physiologische Reife, die zu bestimmen sowohl einer gewissen Erfahrung als auch Intuition bedarf.

Wenn die Beere im Mund zerplatzt und der Winzer die gewünschte Reife schmeckt, ist es soweit. Ein Blick noch auf die Färbung von Fruchtfleisch und Kernen, die Verholzung der Rappen, die Verdünnung der Beerenschalen und wie locker sich die Kerne aus der Frucht lösen. Wenn das alles passt, kann die Lese beginnen.

„Wir ernten von Mitte Oktober bis Mitte November“, sagt Jürgen. Fast alles von Hand. Im Keller kommt so wenig Mechanik wie möglich zum Einsatz. Die Maischestandzeit dauert zwischen 12 und 24 Stunden, je nach Jahr. Dass die Säure gut abgepuffert wird, ist Walter ganz wichtig. Man schmeckt das. Und auch die Spontangärung. Jeder der drei Nectos hat diese Wildheit.

2016 stieg Sebastian, Sohn von Martina und Jürgen, in die Firma ein. Inzwischen hat er den Betrieb komplett übernommen. Er gab seinem Vater zu verstehen, dass er das Weingut nur dann weiterführen möchte, wenn der Vertrieb professionalisiert wird. Jetzt klotzen alle ordentlich ran.

Jürgen senior ist jetzt 61 Jahre alt. Zitat: „In mir ist der Ehrgeiz wieder entfacht, unsere Super-Qualitäten auch in eine vernünftige Vermarktung zu überführen.“

Ich habe die Weine vom Römerhof schon ein paarmal getrunken und auch etliche meiner Leser, die vor einigen Monaten an einer Marktforschungs-Umfrage teilnahmen, damit der Captain weiß, was er besser machen soll. Fazit: beim Captain gibt es noch manches zu verbessern, bei den Römers wohl kaum.

 


Datum: 22.8.2018
 

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