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Der gute Mensch von Lammershoek

Raues Land, feiner Kerl: Andreas Abold, Chef von Lammershoek.
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Als Andreas Abold das Weingut Lammershoek im wilden Swartland von Südafrika auf Vordermann bringen wollte, stieß er auf unfassbare Zustände. Ein Podcast über soziale Verantwortung im Weinbau.
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Januar 2019, es ist Hochsommer in Südafrika. Der Captain sitzt mit Andreas Abold auf der Veranda von Lammershoek, das er 2013 gemeinsam mit Franz Beckenbauer und dem Sportfunktionär Fedor Radmann aus dem Fußballgeschäft übernahm. Angenehm kühlt der Wind. Der Blick schweift kilometerweit übers Land, das sich als gewaltige Kulisse auftut. Einfach herrlich.

Weiter unten in einer windgeschützten Senke befinden sich die Häuser der Arbeiterfamilien, die auf Lammershoek seit Generationen leben, arbeiten und sterben. Die schmucke weiße Siedlung ist ein idyllischer Anblick, der manche Tragödie verschleiert.

Abold: „Als wir den Betrieb kauften, dachten wir noch, wir setzen uns mit den Zigarren auf eine Bank und sehen zu, wie sich das Weingut erholt. Das war ein gewaltiger Irrtum.“

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Januar 2019, es ist Hochsommer in Südafrika. Der Captain sitzt mit Andreas Abold auf der Veranda von Lammershoek, das er 2013 gemeinsam mit Franz Beckenbauer und dem Sportfunktionär Fedor Radmann aus dem Fußballgeschäft übernahm. Angenehm kühlt der Wind. Der Blick schweift kilometerweit übers Land, das sich als gewaltige Kulisse auftut. Einfach herrlich.

Weiter unten in einer windgeschützten Senke befinden sich die Häuser der Arbeiterfamilien, die auf Lammershoek seit Generationen leben, arbeiten und sterben. Die schmucke weiße Siedlung ist ein idyllischer Anblick, der manche Tragödie verschleiert.

Abold: „Als wir den Betrieb kauften, dachten wir noch, wir setzen uns mit den Zigarren auf eine Bank und sehen zu, wie sich das Weingut erholt. Das war ein gewaltiger Irrtum.“

Lammershoek geriet durch seine kühne Naturweinpolitik in Schieflage und wurde notverkauft. Zur Sanierung von Keller und Weinbergen und der Neupositionierung der Marke, gesellte sich noch eine dritte Herausforderung hinzu, mit der man nicht gerechnet hatte. Die Einheimischen von Lammershoek hausten in erbarmungswürdigen Unterkünften, die Familien waren zerrüttet. Vor allem Müttern und Kindern mangelte es am Nötigsten. Gewalt in den Familien war und ist ein gravierendes Problem auf Lammershoek und in ganz Südafrika. Die Ursachen sind vielfältig und lassen sich nur grob zusammenfassen: Dysfunktionales staatliches Sozial- und Bildungssystem, Alkohol, Drogen.

Hört euch meinen Podcast mit Andreas Abold an:

Andreas Abold, der als Sportmanager schon viele Jahre in Südafrika lebte und ab 2002 an Deutschlands Bewerbung für die Fußball-WM 2006 arbeitete: „Der friedliche Umbruch durch Mandela war ein Wunder. Nichtsdestotrotz ist ein Großteil der Probleme des Landes ungelöst. Langsame Fortschritte machen mich trotzdem optimistisch.“

Ein paar Hundert Familien leben im Aprilskloof Valley, das zur Region Paardeberg gehört. Lammershoek ist eines von 14 Weingütern im Tal. Abold lernte, dass die Sanierung von Lammershoek nur funktionieren kann, wenn man die Lebensbedingungen der Arbeiter verbessert. Und so flossen erhebliche Mittel der Investoren zunächst in die Versorgung mit Frischwasser, Elektrizität, Medizin und Hygiene. Abold setzte sich mit den anderen Winzern zusammen, gründete Kinderkrippe, Kindergarten und Vorschule. Es gibt drei Mal Essen täglich und bei Bedarf psychologische und medizinische Versorgung. Wenn gar nichts mehr hilft, werden misshandelte Kinder an Pflegefamilien vermittelt.

Die Eigentümer von Lammershoek hängen das nicht an die große Glocke. Bei aller berechtigter Kritik an Beckenbauers gespielter Naivität über die Zustände auf den Baustellen von Katar – das Wirken in Lammershoek verdient Respekt.

Am Abend trifft der Captain bei einer kleinen Winzerparty mit vielen jungen Weinmacher-Praktikanten aus Deutschland auf Eben Sadie. DEN legendären Eben Sadie, der in direkter Nachbarschaft von Lammershoek lebt und arbeitet. Ein Baum von Mann, von dem es heißt, er sei wortkarg und verschlossen. Stimmt nicht. Jedenfalls quatschte Mr. Swartland (der vor dem Weinbau professionell mit dem Surfbrett über Wellen ritt) den Captain eine Stunde lang mit südafrikanischer Weingeschichte zu, woraus ein Artikel entstehen wird. Sadies Frau stand daneben, mit einem einheimischen Baby im Tragetuch. Riesige braune Augen bestaunten die Party. Die Sadies nehmen regelmäßig Kleinkinder aus Problemfamilien auf und behüten sie liebevoll, bis eine Pflegefamilie gefunden ist.

Abold startete auf Lammershoek ein Ausbildungsprojekt für Weinbau. Mit erstaunlichem Effekt: „Der Unterricht funktioniert in beide Richtungen. Wir lernen von den Menschen, die hier seit Generationen den Boden bearbeiten, was landwirtschaftlich alles möglich ist. Das schlägt definitiv auf die Qualität unserer Weine durch.“

Und die können sich schmecken lassen. Der Captain ist begeistert von der kühlen Mineralik des Swartlands. Was Lammershoek-Winemaker Schalk Opperman neuerdings auf die Flasche bringt, ist zum Niederknien und wird bald in einem Extra-Artikel behandelt. Ich sage nur: Salz, Salz, Salz!

Im Keller im Lammershoek dröhnt lauter HipHop aus gewaltigen Boxen. Das ist so ganz anders als in deutschen Weingutskellern, wo die andächtige Stille einer Tropfsteinhöhle herrscht. Die Menschen scherzen und lachen. Es ist mitten in der Lesezeit, als der Captain zu Besuch kommt.

Der Umgang mit dem Personal gestaltete sich für ihn zu Beginn extrem schwierig, erinnert sich Abold: „Das war ein Schock für mich, wie untertänig die waren. Keiner wollte mir in die Augen sehen. Man sagte Master oder Sir zu mir. Jetzt, nach 7 Jahren, herrscht endlich Vertrauen.“

Südafrikas Weinbau ist 100%-iges Erbe der Kolonialgeschichte des Landes und mit brutaler Ausbeutung und Sklaverei verbunden. Der Captain kennt eine kitschige (aber wahre) Geschichte aus dieser Zeit:

Jenseits von Afrika

Neulich war Abold war auf einer Tagung des südafrikanischen Winzerverbands, der 800 Mitglieder zählt. Er sah dort etwa 10 Menschen mit schwarzer Hautfarbe. Auch das wird sich ändern, ist Abold überzeugt. Seit 1994 gibt es die sogenannte BEE-Politik (Black Economic Empowerment). Stark verkürzt beschreibt das die Umverteilung von Weiß auf Schwarz, inklusive Enteignung. Abold: „Es ist der richtige Weg in die Zukunft, wenngleich durch Präsident Zuma sehr viel Korruption aufkam. Das wird gerade repariert, glaube ich.“

Apropos Korruption. Für Abold, der im Fußballgeschäft jahrelang mit der FIFA zu tun hatte und in die Abgründe menschlicher Gier blickte, ist das Thema Selbstbedienung wirklich nichts Neues. Aber: „In der Weinwirtschaft Südafrikas habe ich noch kein einziges Mal Bestechlichkeit erlebt.“

Wie schaut denn das Verhältnis der schwarzen Südafrikaner zum Weingenuss aus? „Im Fußball hatten wir viel Kontakt mit schwarzen Spielern und Managern. Da war Alkohol kein Thema. Die rührten kein Glas Wein an.“ Weinfanatiker Abold litt bei gesellschaftlichen Anlässen. Seine Geschäftspartner bestellten immer nur Tee mit warmer Milch. Heute, also rund 15 Jahre später, trinken in Johannesburg 60 bis 70 Prozent der schwarzen Geschäftsleute Wein, schätzt er und ortet ein gewachsenes Geschmacksbewusstsein. „Da ist ein gewisser Stolz zu spüren. Auch das ist eine große Chance für Lammershoek.“

 


Datum: 19.1.2020 (Update 20.1.2020)
 

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