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Pfeffingen: der Bibliothekar

Winzer Jan Eymael.
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Winzer Jan Eymael legt die besten Weine jedes Jahrgangs zur Seite und lässt sie langsam reifen. Für Rieslingfreunde ist das ein schöner Glücksfall.
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Der Captain widmet sich einem seiner Lieblingsthemen: gereifter Riesling. Bekommt man ja nicht so leicht zu kaufen, außer der Winzer legt ein paar Flaschen weg. Das tun aber nicht viele. In Familienbetrieben zählt der stete cash flow, um Lebenskosten und Ausgaben für Investitionen zu decken. Aus demselben Grund sind vornehm gereifte Rieslingweine im Handel kaum zu finden.

Eine erfreuliche Ausnahme ist der Ungstein Herrenberg Riesling trocken GG 2013 von Pfeffingen in Bad Dürkheim (Pfalz), wo ein jugendlich wirkender Chef namens Jan Eymael (Jahrgang 1975, siehe oben) gemeinsam mit Kellermeister Rainer Gabel die Weine zubereitet.

Pfeffingen? Eymael? Nie gehört oder gelesen. Warum hatte der Captain diese Namen nicht am Schirm? Ist er zu doof oder der Winzer ein diskreter Künstler seines Fachs, der kein Aufhebens um sich macht? Jan Eymal gibt die entwaffnende Antwort: Wahrscheinlich beides.

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Da erübrigt sich jeder weitere Kommentar. Nach ein bisschen Recherche lernt der Captain, dass es sich um ein Spitzenweingut handelt. Website und Instagram-Konto: beides wirkt aufgeräumt und sehr ordentlich. Das liegt daran, dass die gelernte Winzerin und Ehefrau Karin Eymael nebenbei professionell ausgebildete Journalistin und PR-Fachfrau mit Job in einer Agentur ist. Neben den Aufgaben als dreifache Mutter wohlgemerkt. Jan über Karin: Sie ist eben ein Tausendsassa.

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Eymael fing schon 2003 damit an, Flaschen auf die Seite zu räumen. Natürlich nur solche aus den Spitzenlagen des Betriebs: Weilberg und Herrenberg, für die die Eymaels von den wichtigsten Testern überschwänglich gelobt werden. Von solcher Herkunft ist auch mein Wein für diesen Artikel, ein sogenanntes Grosses Gewächs. Was ist das?

Im Jahr 2002 koppelte sich der kleine, aber feine Verband Deutscher Prädikats- und Qualitätsweingüter e.V. (VDP) teilweise von den gesetzlichen Weinprädikaten ab und präsentierte eine eigene Qualitätspyramide für trockene Weine. An deren Spitze stehen seitdem die „Grossen Gewächse“. Diese stammen aus entsprechend definierten, parzellenrein abgegrenzten Weinlagen und unterliegen strengen Restriktionen in Bezug auf Rebsorten, Hektarertrag, Weinbergspflege und Ausbau im Keller. Ziel war es, eine Bezeichnung zu finden, die analog zum französischen „Grand Cru“ zuverlässig Spitzenweine kennzeichnet. Gerne hätte der VDP seinen Mitgliedern das Monopol vorbehalten, Weine als „Grosses Gewächs“ zu deklarieren. Dank eines Musterurteils, das der Winzer Konstantin Guntrum gegen erbitterten Widerstand erstritt, ist das nicht mehr möglich. Jeder Winzer mit Selbstbewusstsein darf heute „Grosses Gewächs“ auf seine Flaschen schreiben.

Eymaels Ungstein (so heißt ein Ortsteil von Bad Dürkheim) kommt aus dem schwierigen Weinjahr 2013, das den Winzern viel Kopfzerbrechen bereitete. Kalter Frühling, späte Weinblüte, eine verregnete Lese, die zur sorgfältigen Selektion der Trauben zwang. Die FAZ schrieb 2014 sogar, die Verkostung des Jahrgangs 2013 sei ein Desaster gewesen.

Eymael sagt, wer die 2013er zu früh aufmachte, bekam von diesen Weinen Zahnschmerzen, und meint damit die hohe Säure, die der Wetterverlauf brachte. Jedoch: In der Weinwelt lauern hinter jeder Ecke Überraschungen. Gerade solch säuregeprägten Weine erweisen sich manchmal als Geschmacksbomben mit eingebautem Zeitzünder. Das Phänomen ist noch lange nicht ausgeforscht und hat (unter anderem) mit der sogenannten Veresterung zu tun, die Säure abmildert. Je nach Rebsorte verändert sich in alterndem Weißwein die Aromatik und wird toastig, nussig oder tendiert Richtung Honigrauch, wie bei Riesling oft üblich.

Jan Eymael findet das Thema „gereifter Weißwein“ so interessant, dass er irgendwann beschloss, eine eigene Linie für zurückgehaltene Flaschen zu schaffen, die sogenannte LIBRARY SELECTION. Aus ihr stammt dieser sinnliche, aber nicht gerade günstige Tropfen, der sehr gut schmeckt: Im Glas glänzendes Goldgelb. In der Nase zartes Petrol nach altem Gummiboot, dann Honigmelone, Maistortilla, getrocknete Feige. Im Mund knacktrocken und zitrig nach Orangenschale, später Earl-Grey-Tee mit Zitrone, etwas weißer Pfeffer. Irre frischer Säurezug. Ich spüre Grapefruit, Grapefruit, Grapefruit und einen Tropfen Honig. Das ist eine Kaskade feinster Bitter-Aromatik mit viel Saft und pflanzlicher Noblesse.

Diesen Winzer und seinen Wein wird der Captain garantiert nicht mehr vergessen.

 

Datum: 4.6.2021
 

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