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„Biowein hilft mehr als eine Feinstaub-Plakette“

Monsieur Biowein Klaus Herrmann.
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Ein Deutscher ist oberster Verkoster der wichtigsten Biowein-Messe der Welt. Der Captain sprach mit Klaus Herrmann über Glyphosat, das unser Restvertrauen in die Politik vergiftet, und warum Biowein die Welt zu einem besseren Ort macht. Obwohl er gar nicht besser schmeckt.
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Zum ersten Mal ist ein Deutscher Chefverkoster des renommierten Biowinzer-Wettbewerbs Millésime Bio Challenge: Klaus Herrmann, Önologe, Ökowein-Experte und Mitbegründer der Fachzeitschrift „Wein+Markt“, wird mit renommierten Weinverkostern aus verschiedenen Ländern Europas die besten Weine der Messe auszeichnen.

Fast 1.000 Winzer aus der ganzen Welt stellen sich am 17. Januar 2018 dem Vergleich – knapp vor der Biowein-Messe Millésime Bio, die vom 29. bis zum 31. Januar 2018 im Parc des Expositions in Montpellier stattfindet.

Aber wer braucht Biowein und für was ist Biowein gut?

Bevor ich mit Klaus Herrmann darüber spreche, blende ich ein paar Wochen zurück.

Ende November 2017. Der Vorgang lässt selbst hartgesottene Zyniker kurz den Atem anhalten. Entgegen der offiziellen Abmachung stimmt der geschäftsführende Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) im Alleingang für die Verlängerung der EU-weiten Zulassung des umstrittenen Unkrautvernichters Glyphosat.

Die Empörung ist heftig aber kurz. Drei Tage später dann diese Meldung: „Hendricks und Schmidt sprechen sich nach Glyphosat-Streit aus.“ Schmidt lässt scheinheilig ein Foto mit seiner Kollegin im Umweltministerium twittern:

Und die Hendricks spielt mit. Irgendwie verstehe ich die Leute, die meinen, das alles sei vorher bis rauf zur Kanzlerin genauso abgesprochen worden. Jetzt hocken die drei Wahlverlierer-Parteien in Berlin beisammen und tüfteln aus, wie sie sich gegenseitig an der Macht halten.

Klaus Herrmann, ein industrienaher Spitzenpolitiker ermöglicht weiterhin das Verspritzen von Pflanzengift. Gleichzeitig erscheint auf Seite eins der „Welt am Sonntag“ ein Leitartikel, in dem ein bekannter Klimaskeptiker erklärt, warum Glyphosat eigentlich gut für die Artenvielfalt sei. Sein Argument: Biolandbau ist ineffizient, weil er zu viel Fläche benötige. Hochproduktive Agrarflächen jedoch, die frei von Unkraut gehalten werden, geben Platz für Biotope frei, in denen sich Insekten, Vögel und Kleinsäuger tummeln. Sind wir Teil einer riesigen Satire oder hat der Mann vielleicht sogar ein bisschen recht? Meiner Meinung nach sollte der Einsatz von synthetisch-chemischen Mitteln in der Landwirtschaft generell ständig hinterfragt werden. Arbeitstechnisch war die Erfindung dieses extrem wirksamen Breitband-Herbizids eine enorme Erleichterung für Landwirte und Winzer, denn es ersetzte harte Handarbeit und intensiven Maschineneinsatz. Aber die Verarmung unserer Böden und der dramatische Rückgang der Artenvielfalt in Flora und Fauna verbieten meiner Meinung nach einen weiteren ungebremsten Einsatz dieses Produkts. Unsere moderne industrielle Landwirtschaft in großflächigen Monokulturen wird ohne Glyphosat eine Reihe von Problem bekommen. Aber im Weinbau haben die Biowinzer längst bewiesen, dass es sehr wohl ohne Herbizide geht, ohne sich wirtschaftlich zu ruinieren. Und die Maschinenbauer haben inzwischen sehr effiziente Geräte zur Bodenbearbeitung entwickelt, die Herbizide im Weinbau überflüssig machen. Die Winzer können die Glyphosat-Aufregung also gelassen betrachten.

Es heißt, in Europa werden 20% aller Pestizide auf Rebflächen ausgebracht, obwohl diese nur ca. 3% der gesamten landwirtschaftlich genutzten Flächen ausmachen. Es gibt also noch einiges zu tun, oder sind wir hysterisch? Diese Zahlen kenne ich. Obwohl ich keine besseren zu Hand habe, bin ich recht skeptisch bei solchen Statistiken. Dennoch, ein bisschen Hysterie kann vielleicht nicht schaden. Denn es gibt sehr wohl noch viel zu tun in Richtung biologische Weinbergsbewirtschaftung. Auch, wenn der erste Ökoweinbauprofessor und Teilzeitwinzer Randolf Kauer, die deutsche Fläche bereits auf rund 8.000 Hektar, also 8% des deutschen Weinbaus schätzt, ist da noch sehr viel Luft nach oben.

Was ist Bio-Wein?

Und die Frequenz der Spritzungen im konventionellen Weinbau ist sicherlich noch viel zu hoch. Auch an den verwendeten Gerätschaften wird immer noch getüftelt, um den Einsatz von Spritzmitteln zu verringern. Aber die Natur hat es den deutschen Winzern in den vergangenen Jahren wahrhaftig nicht einfach gemacht. Wer etwas ernten wollte, musste gewaltig kämpfen mit den beiden Mehltaupilzen. Dabei ist es kein Trost, dass im Obstbau noch sehr viel häufiger zum Spritzen durch die Anlagen gefahren wird. Einen Lichtblick versprechen die Piwis, die neuen pilzwiderstandsfähigen Rebsorten. Der Name hat leider nicht das Zeug zu einem Marketinghit, aber diese Rebsorten reduzieren den unvermeidbaren Einsatz von Chemie im Weinberg auf ein Zehntel. Wenn dann noch Minimalschnitt im Spalier praktiziert wird, hat sich auch die Fahrerei mit Traktoren durch die Weinberge zu einem guten Teil erledigt. Die Natur würde es uns danken.

Was qualifiziert Sie zum Jury-Vorsitzenden der wichtigsten Biowein-Verkostung des Universums? Als ausgebildeter Önologe, Verkostungsleiter von Wein+Markt und langjähriges Jury-Mitglied bei zahlreichen internationalen Wettbewerben, ist mir die Aufgabe nicht ganz neu. Es gibt keine bessere Gelegenheit, sich einen Überblick über die aktuelle Qualitätssituation von Bioweinen weltweit zu verschaffen.

Gerade der französische Weinbau hat immer noch ein ziemlich entspanntes Verhältnis zur Chemiekeule im Wingert. Wer im Bordelais wandern geht, findet dort mitten im Sommer vielerorts braune Böden ohne einen Halm Unkraut zwischen den Rebstöcken. Wird der neue Oberverkoster aus Dieseldeutschland ein Zeichen setzen? Ich denke, die Organisatoren der Bioweinmesse wollten sich für diesen Wettbewerb keinen deutschen Oberlehrer einladen, der ihnen sagt, wo es langgeht. Aber in Frankreich wird in allen Gesprächen, die ich führe, recht offensiv mit diesem heiklen Thema umgegangen. Die Probleme sind absolut erkannt. Es fehlt nur häufig noch an Beratung und Unterstützung bei der Umsetzung. In der Ausbildung spielt der Ökoweinbau in Frankreich wohl auch noch nicht die große Rolle wie in Deutschland. Vieles hängt von der Eigeninitiative engagierter Winzer ab.

Wie heißen ihre liebsten Biowinzer? Ich habe keine Lieblingswinzer. Ich kenne nur manche besser als andere. Ich habe großen Respekt vor allen Winzern und Landwirten, die sich zur Schonung von Flora, Fauna und Böden die doppelte Arbeit aufladen und dennoch jedes Jahr aufs Neue riskieren, die Ernte an die Natur zu verlieren. Jede Namensnennung an dieser Stelle wäre unpassend.

Biowein-Trinker werden manchmal für ihre Vorliebe gehänselt. Haben Sie für diese tapferen Weinfreunde ein Universalargument, das ihnen endlich Entlastung verschafft? Tatsächlich? Bei mir hat sich das noch keiner getraut. Bioweintrinken hilft der Umwelt mehr als eine Feinstaubplakette am Auto. Bioweine schmecken nicht besser, sind aber besser für die Umwelt.

 


Datum: 9.1.2018
 

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