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Kalifornien: Rotwein aus dem Whiskyfass

Typischer Whiskyfan.
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Was tun die Leute nicht alles, um ihre Weine mit einer neuen Story aufzuladen! Der Captain trinkt Cabernet Sauvignon aus dem Napa Valley, der im Bourbon-Fass reifte.
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Der Captain ist aus dem Collio zurück und musste sich erstmal ausruhen. Weit über 100 Weine hat er dort verkostet, reiste durch die malerische Landschaft und suchte in tiefen Kellern Zuflucht vor der mörderischen Hitze. Die Erkenntnisse aus diesem Trip werden in Weinbesprechungen einfließen, die künftig hier erscheinen.

Berlin ist inzwischen wieder angenehm temperiert. Passend zum milden Wetter setze ich meine Kalifornien-Serie fort, die von einer interessanten Erscheinung berichtet: mollig-weiche Weine aus Schnapsfässern.

Und wie oft, wenn es um die reiche Weinkultur Kaliforniens geht (der man unwissenderweise eine gewisse Geschichtslosigkeit nachsagt), blickt der Captain zurück in die Vergangenheit: Gaspare Indelicato wanderte (angeblich) im Alter von 16 Jahren aus Sizilien in die Vereinigten Staaten ein. Er kam über Ellis Island und ließ sich 1924 in Manteca nieder, das im heutigen Großgebiet Central Valley (bzw. Inland Valleys) liegt, zu dem die Anbauregionen Lodi, Sacramento und San Joaquin Valley gehören. Hier pocht das vegetarische Herz der USA.

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8% des gesamten landwirtschaftlichen Ertrages der Nation kommen aus den Böden des Central Valley. Unter anderem Mandeln, Aprikosen, Tomaten, Baumwolle, Spargel und Wein. Aus Lodi kommen auch die Trauben meines Abendweins. Die sind aber nicht das Besondere daran, sondern WORIN das Getränk reifte: in Whiskyfässern. Eine interessante Mode. Dazu gleich mehr.

Der Legende nach bleib Indelicato hier hängen, weil ihn die Landschaft an seine Heimat erinnerte. 1924 kauften er und sein Schwager Sebastiano Luppino 27 Hektar Weinland auf, zu denen auch eine heruntergekommene Molkerei gehörte. Während der Prohibitionszeit verschoben die beiden Trauben an Winzer an der Ostküste, heißt es.

Was die Käufer damit anfingen, lassen die PR-Berichterstatter von Delicato Family Vineyards augenzwinkernd offen. Offensichtlich, um den Mythos vom unbeugsamen Weinbau-Pionier zu nähren. Nach dem Ende der Prohibition (1920-1933) kaufte Indelicato aus geschlossenen Weingütern gebrauchte Geräte zusammen und startete 1935 ein kleines Weingut in einer umgebauten Heuscheune. Indelicato verstarb 1962 und hinterließ seinen Nachkommen eine blühende Firma, die heute eines der größten Weinunternehmen weltweit ist – die oben erwähnte Firmengruppe Delicato Family Vineyards. Bekannte Marken gehören dazu, wie zum Beispiel die Black Stallion Estate Winery, neuerdings die Coppola Winery und auch die Riesling-Firma Schmitt Söhne Wines.

Offenbar gibt es eine Beziehung zur Schmitt Söhne Weinkellerei GmbH in Longuich an der Mosel, die 2018 rund 39 Mio. Euro Umsatz machte. Die Firmenwebsite, auf der man die Familie Schmitt bewundern darf, existiert nur in englischer Sprache. Der Captain schrieb eine E-Mail an das Unternehmen und bat um Rückruf. Heute Freitag um genau 13:40 Uhr meldet sich ein sehr unfreundlicher Herr Schmitt und bellt ins Telefon: Ja, das kommt jetzt sehr ungelegen, rufen Sie zur normalen Betriebszeit an, also Montag ab 8 Uhr! Aufgelegt.

Das Foto auf der Website der Firma zeigt in der Mitte Juliane Schmitt, die dort als CEO geführt wird. Auch auf Instagram feiert sich die Firma als female-led ab und demonstriert Modernität durch Frauenpower. Laut Impressum ist allerdings Thomas Schmitt Herr im Hause. Er steht vermutlich ganz links im Foto und ist wohl jener Bell-Schmitt, der den Captain anfuhr. Der Captain guckt ins Handelsregister. Gesellschafter der Schmitt Söhne Weinkellerei GmbH sind jeweils hälftig die Günther Reh AG (324 Mio. Umsatz in 2018, 1.393 Mitarbeiter) und Thomas Schmitt. Laut Bundesanzeiger machte Schmitt Söhne 2018 etwas mehr als 39 Mio. Euro Umsatz und 4 Mio. Gewinn. Fazit: Bei diesem Unternehmen handelt es sich offenbar um eine jener eher im Verborgenen agierenden Firmen, die für den hohen Exportanteil industriell hergestellter Rieslingweine aus Deutschland verantwortlich sind.

Übrigens, die PR-Manager der einzelnen Tochterunternehmen von Delicato sollten sich besser abstimmen. Denn auf der Website der einen Firma steht, dass Gaspare als 16jähriger mutterseelenalleine in die USA einwanderte. Bei der anderen Firma heißt es, dass Gaspare mit Ehefrau Caterina gemeinsam ankamen. Vielleicht stimmt auch gar nichts davon. Fake history ist ein beliebtes Stilmittel in der Weinwirtschaft, auch in Deutschland. In ausufernden Porträts des hochberühmten Weinguts Egon Müller fehlt zum Beispiel IMMER der lustigste Teil, nämlich wie der Betrieb in die Hände der heutigen Eigentümerfamilie kam. Die Angst, in Verkostungsrunden bei Müller nicht mehr willkommen zu sein, ist offenbar groß. Dabei ist die frühe Geschichte von Egon Müller aufregend wie eine brasilianische Telenovela – mit viel Sex, Gemeinheit und Buße. Weinfreunde, die sich von den etablierten Weinmedien nicht mehr an der Nase herumführen lassen wollen, lesen hier die wahre Geschichte des Hauses Egon Müller.

Jetzt aber zu meinem Wein, der teilweise im Whiskyfass reifte. Warum tun die das? Angeblich ist der Gag nicht ganz neu und stammt ebenfalls aus der Prohibition. Weil es keinen Schnaps mehr geben durfte, wurden die Whiskyfässer leer gemacht und mit Wein aufgefüllt. Wie dies zu dem Umstand passt, dass Wein ebenfalls verboten war, verstehe ich auch nicht ganz. Wie schon angedeutet – die ganze Delicato-Story steht auf wackeligen Beinen.

Am besten, man findet sich damit ab, dass Wein aus Schnapsfässern ein neues Verkaufsargument ist, mit dem man Freunde harter Spirituosen zum Weingenuss verführt. Ganz sicher wirken auch ökonomische Aspekte auf die Wiederverwendung ein. Ein gutes Whiskyfass hält 60 Jahre durch, darf aber per US-Gesetz nur EINMAL für die Reifung von Bourbon-Whisky verwendet werden.

Was machen die Whiskybrenner mit dem gebrauchten Leergut? Sie verkaufen das Zeug weiter nach Schottland, wo es ihnen freudig aus den Händen gerissen wird, denn dort darf man Fässer mehrfach verwenden.

Übrigens, auch viele andalusische Fässer landen in Schottland, die wegen des traurigen Niedergangs der Sherrykultur nicht mehr gebraucht werden. Ebenfalls der Whisky-Verfeinerung dienen Fässer für Calvados, Portwein und Sauternes. Man erkennt an diesem Trend, welche Getränke gerade sehr out sind. Bourbon-Whisky (schreibt man korrekt eigentlich mit „e“, also Whiskey) wird sowohl in europäischen als auch in amerikanischen Eichenfässern gelagert.

Was macht den Unterschied? In der europäischen Eiche bekommt der Whisky nicht nur eine dunkle Farbe, sondern auch Noten süßer und dunkler Früchte, Toffee und Schokolade verpasst. Während die amerikanische Eiche kaum Farbe abgibt, dafür aber leichte Zitrus- und Kokosnuss-Noten, ohne dass zuvor ein anderes Getränk in diesen Fässern lag.

Der Double Black Cabernet Sauvignon 1924 Bourbon Barrel Aged von Delicato Family Vinyards beginnt mit viel erdiger Sensorik, steuert im Höhepunkt rauchige Elemente an und endet frisch mit roten Zitrusnoten. Allein schon wegen dem ganzen storytelling rund um dieses Getränk (ob wahr oder nicht) ist das ein super Kennenlernwein, weil man was zum Reden hat: Im Glas dunkles Schwarzrot fast ohne Rand. Das wirkt beängstigend. In der Nase dunkelbeeriger Schmelz, Karamell, Lakritze, Kakaopulver, Whiskyrauch und ein bisschen Heuschober. Im Mund dichte rotfruchtige Noten mit erdigen Elementen von Wurzelgemüse, Waldpilzen, Unterholz. Ich schmecke Brombeere, Schwarze Johannisbeere, dunkle Schokolade, geröstete Erdnüsse, würzig-rauchige Extraktsüße, die gut eingebunden ist – genauso wie der mächtige Alkohol mit 15% Vol., und gekonnt eingeträufelte Säure, die Frische erzeugt. Dies ist ganz klar butterweicher Modewein, aber ein sehr ordentlich gemachter. Am Gaumen Blutorangensaft mit dezenten Bitternoten. Ich sage, das ist der perfekte Kennenlern-Wein für ein Rendezvous (weil er Gesprächsstoff liefert) oder ein souveräner Begleiter für den Grillabend.

 

Datum: 14.7.2021
 

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