X
Newsletter
X
X
Login
Passwort vergessen?


Konto erstellen

Die Knarre von Girlan

Gerhard Kofler, Schnellsprecher und Kellermeister der Cantina Girlan.
Kommentare
Ähnliche Weine
Ähnliche Artikel
Wein aus Südtirol braucht bessere PR. Deshalb packt der Captain mit an und berichtet von seinem Besuch bei Gerhard Kofler, dem obersten Weinmacher der Kellerei Girlan.
Anzeige

Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst der Lage. Überall, wo es erscheint, sitzen Menschen mit großen Karten, ziehen Linien und reiben sich die Hände. Jeder Traubenacker, für den sich bislang keine Sau interessierte: Lage! Lagen machen Weine und lassen die Kassen klingeln. Ende des Prologs.

Girlan in Südtirol, 10 Kilometer südwestlich von Bozen. Der Captain sitzt mit einem drahtigen Herrn am Tisch und probiert Weine mit lustigen Etiketten. Besser: probiert und versucht mitzuschreiben, was der Herr sagt. Weil der Herr aber spricht, wie eine AK-47 schießt, kommt der Captain nicht nach und kritzelt nur Stichwörter auf den großen Verkostungsbogen der Kellerei. Der Herr heißt Gerhard Kofler. Er ist Kellermeister der riesigen Cantina Girlan, wo die Trauben von 200 Weinbauern verarbeitet werden, die über 215 Hektar Rebland in 12 Gemeinden gebieten. Der Captain fragt sich insgeheim, welche Droge Kofler nimmt, damit er so schnell sprechen kann. Ist vermutlich ein Indianerkraut vom Amazonas.

Newsletter schon abonniert?

Weiterlesen geht nur mit News­letter-Abo. Hier abonnieren:

Schon angemeldet? Dann hier bitte E-Mail-Adresse eingeben:

Weiterlesen

Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst der Lage. Überall, wo es erscheint, sitzen Menschen mit großen Karten, ziehen Linien und reiben sich die Hände. Jeder Traubenacker, für den sich bislang keine Sau interessierte: Lage! Lagen machen Weine und lassen die Kassen klingeln. Ende des Prologs.

Girlan in Südtirol, 10 Kilometer südwestlich von Bozen. Der Captain sitzt mit einem drahtigen Herrn am Tisch und probiert Weine mit lustigen Etiketten. Besser: probiert und versucht mitzuschreiben, was der Herr sagt. Weil der Herr aber spricht, wie eine AK-47 schießt, kommt der Captain nicht nach und kritzelt nur Stichwörter auf den großen Verkostungsbogen der Kellerei. Der Herr heißt Gerhard Kofler. Er ist Kellermeister der riesigen Cantina Girlan, wo die Trauben von 200 Weinbauern verarbeitet werden, die über 215 Hektar Rebland in 12 Gemeinden gebieten. Der Captain fragt sich insgeheim, welche Droge Kofler nimmt, damit er so schnell sprechen kann. Ist vermutlich ein Indianerkraut vom Amazonas.

Später rekonstruiert der Captain das Gesagte aus den notierten Wörtern und bildet daraus Sätze wie: Oftmals werden Lagen kreiert, um Weine zu höheren Preisen zu vermarkten. Oder: Am Beispiel meines Weißburgunders Platt & Riegl beweise ich, dass ein Verschnitt aus den Lagen Eppan Berg und Girlan besser schmeckt als einzeln abgefüllte Weine aus diesen Lagen. Und: Das Getue mit den Einzellagen hat keine goldene Zukunft. Außer im Top-Segment.

Seit 2005 verantwortet Schnellsprecher Kofler die Weine der Kellerei Girlan. Sein Vorgänger Hartmut Spitaler war ein Freund des weithin berühmten österreichischen Zeichners Paul Flora, der 2009 in Innsbruck starb. Im Bozener Gasthaus Vögele saßen die beiden oft beisammen und besprachen die Weltlage. Irgendwann Mitte der 1970er-Jahre bat Spitaler seinen Freund, ein Etikett für die erste Füllung des Vernatsch Gschleier zu entwerfen. Künstler Flora gab ein Meisterwerk ab und gestaltete fortan die Etiketten der Genossenschaft.

Gschleier heißt eine Einzellage in der Nähe von Girlan. Auf 5 Hektar Kalk, Schotter und Lehm stehen dort Rebstöcke, die vor 80 bis 100 Jahren gepflanzt wurden und regelmäßig Trauben abgeben, die den Ruf des hellroten und manchmal als Bauernwein abqualifizierten Vernatsch zuverlässig rehabilitieren. Über den Wein, der dabei rauskommt, steht weiter unten mehr. Vernatsch, das ist der Treibstoff, der die Cantina Girlan groß machte. Heute ist das Sortiment weitaus differenzierter.

Koflers pointierte Haltung zur Lage der Lagen bedarf einer näheren Erklärung. Denn die Kellerei Girlan hat Zugriff auf Weinberge, die als Grand Crus gelten und entsprechend selbstbewusst vermarktet werden. Zum Beispiel in Gestalt des Prestigeweins Vigna Ganger Pinot Noir Riserva, der (je nach Händler) bis zu 150 Euro kostet. Jeder Winzer und jede Genossenschaft Südtirols, die etwas auf sich hält, hat so einen Renommier-Brummer im Programm. Der Captain nennt sie die dicken Eier von Südtirol, denn sie sind teuer und wirken bisweilen etwas aufgeblasen. Irgendwann nach der Jahrtausendwende kam der Trend ins Rollen. Als dann 2018 der Gewürztraminer Epokale von der Kellerei Tramin (Jahrgang 2009, reifte 7 Jahre lang in einem hoch gelegenen Bergwerksstollen) als erster Wein Südtirols 100 Parker-Punkte verpasst bekam, war der Damm gebrochen und ein Wettrüsten um den besten Herzeigewein begann. Seither basteln Kellermeister im ganzen Land an so einer in Flaschen gestopften Leistungsschau. Vigna Ganger heißt ein Flecken Rebland („Vigna“) bei Mazon am Ufer der Etsch. Die Hügel um das Dorf gelten als die wertvollsten Spätburgunder-Acker Südtirols. Koflers erster Vigna Ganger-Jahrgang kam 2015 auf den Markt und wird nur in den besten Jahren abgefüllt. Etwas mehr als 2.000 Flaschen landen im Handel. Entsprechend knapp und begehrt ist die Ware. Ziel war, einen Wein zu erfinden, der mit Pinot Noir-Ikonen weltweit mithält.

14,5 Volumenprozent Alkohol schießen diesen roten Südtiroler in die Ladykiller-Kategorie. Die Vigna Ganger ist eine 1,6 Hektar große Parzelle inmitten der Prestigelage Mazon, die gegenüber von Tramin über dem anderen Ufer der Etsch aufsteigt. Die Pinot-Noir-Beeren (vom Klon 777) wachsen in knapp 400 Metern Seehöhe auf tiefgründigem Ton- und Kalkboden an Stöcken, die durchschnittlich 20 Jahre zählen. In Blindverkostungen gegen Pinot Noirs aus Frankreich, Deutschland, Schweiz und Oregon/ USA behauptet sich dieser Wein wie eine Eins, sagt Gerhard Kofler. In der Nase konzentrierte Kirschfrucht, Waldboden, Orangenzeste, Graubrotrinde. Im Mund irre stoffig, der konzentrierte Saft stimuliert die Papillen. Frucht, Säure und einhergehende Süße verschmelzen gekonnt. Sehr reduziertes Spektrum, ein enorm gerader Wein mit viel Struktur und Eleganz. Im Abgang Rote Beete und rosa Grapefruit.

Nochmal zurück zum Reizthema Lage. Die Lagenmode, die sich nun auch in Italien allmählich breit macht, wird in Südtirol schief beäugt. Aus gutem Grund. Etwa 70 Prozent der heimischen Weinproduktion kommt aus Genossenschaftsbetrieben, deren Mitglieder teilweise seit Generationen ihre Trauben abliefern, wo sie in Bausch und Bogen zu Wein verarbeitet und als Markenprodukte in den Handel gebracht werden. Durchschnittlich 2,80 Euro pro Kilo Trauben zahlte Kofler 2018 an seine Weinbauern. Ein Wert von dem deutsche Genossenschaftslieferanten träumen. Bis sie aufwachen. Als der Captain im vergangenen Herbst bei einer pompösen Weinparty der Kellerei Terlan zu Gast war, lernte er ein junges Weinbauernpaar mit drei Hektar Rebland kennen. Beide trugen Rolex. Das System funktioniert dermaßen gut, dass Eingriffe völlig zurecht kritisch bewertet werden. Fängt man als Kollektivunternehmen nun an, mehr und mehr Weinberge besonders liebevoll zu vermarkten, gerät das egalitäre Konzept ins Schlingern. Unruhe ist die logische Folge von Ungleichbehandlung. Europa lebt das im Großen vor. Der Captain glaubt Gerhard Kofler aufs Wort, dass der Mann in der Lage ist, auf den Lagenfetisch zu verzichten und dennoch Weine von allererste Güte komponiert. Es dürfte aber auch der Unternehmenspolitik geschuldet sein, dass Kofler das Prinzip der Assemblage besingt. Gegen ihn und den Südtiroler Weinsozialismus stehen Unternehmer, die auf Empfindlichkeiten aus dem Kollektiv pfeifen, weil es nämlich keines gibt. Allen voran Winzer Christof Tiefenbrunner vom gleichnamigen Weingut in Kurtatsch, der seinen erstmals 1972 vinifizierten und seither gefeierten Müller-Thurgau Feldmarschall von Fenner in Stellung bringt. Oder Martin Foradori mit seinem 200-Euro-Blauburgunder Barth von Barthenau aus Mazon. Foradori zum Captain: Um die Lage kommt man in Südtirol nicht mehr herum, auch wenn viele Leute Angst davor haben und die Präsidenten der Genossenschaften absurde Ideen verfolgen – wie zum Beispiel Lagen-Cuvées. Aber um als Nischenanbieter im internationalen Wettbewerb zu bestehen, brauchen wir echte Lagenbezeichnungen.

Herzog Blaubarts Burgunder

Das ist Klassenkampf auf hohem Niveau. Solange Könner wie Kofler auf der einen Seite und Foradori auf der anderen Seite im Wettstreit um den besseren Wein Genießern auf der ganzen Welt Delikatessen kollektiver wie individueller Herkunft einschenken, kann uns das recht sein. Letztendlich entscheiden Taschenrechner und Jahresabschluss welches System gewinnt und vielleicht gibt es am Ende gar keine Verlierer, sondern nur Gewinner.

Jetzt aber zu den Weinen der Kellerei Girlan. Der Captain probierte sich durchs Programm und blieb an der einen oder anderen Flasche hängen, die ihm besonders gefiel.

Wie bereits erwähnt, Vernatsch machte die Kellerei Girlan zum big player. Die Weinmacher der Cantina revanchieren sich, indem sie zeigen, was mit der Sorte geht. Das Ergebnis ist der Lagenwein Vernatsch Alte Reben Gschleier, ein untypisch nobler Vertreter dieser Sorte. Um die komplette Weinbeschreibung zu lesen, müsst ihr auf das Flaschenbild klicken.

Auch der Trattmann Pinot Noir Riserva trumpft mit mächtig viel Alkohol auf: 14,5 Volumenprozent! Im Mund jedoch gerät er viel frischer als erwartet. Ein feuriger und zupackender Wein.

Der Platt & Riegl Pinot Blanco ist ein unkomplizierter und saftiger Weißburgunder:

Saftig, süßlich, butterweich. Der Flora Gewürztraminer macht sich raumgreifend im Mund breit:

Des Captains Liebling der Cantina Girlan ist jedoch der Chardonnay Flora. Ein umwerfendes Stück Wein. In der Nase reife und würzige Noten. Banane, etwas Honig und ein frisch gestärktes Tischtuch. Im Mund sehr schöne Balance von etwas süßlicher Säure, Frucht und Currywürze. Viel Saftigkeit, herrliche Eleganz. Großartig!

 


Datum: 21.8.2019 (Update 12.9.2019)