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Alles klar am Mittelrhein

Felix Pieper by David Weimann.
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Der Captain hatte ein Erweckungserlebnis. Hervorgerufen durch einen Riesling Kabinett vom nördlichsten Zipfel des Mittelrheins. Der Winzer heißt Felix Pieper.
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Als Captain verkostet man ja ziemlich viel Wein aus allen möglichen Anbaugebieten. Natürlich schaut man vorher genau aufs Etikett.

Wenn ich den Winzer nicht sofort kenne, suche ich nach dem Anbaugebiet und denke mir was dabei. Rheingau: zackiges Salutieren. Pfalz: Leberwurst raus! Saale-Unstrut: Ei verbibbsch.

Und Mittelrhein? Heizdeckentour zur Loreley.

Das ist natürlich gemein. Aber was soll ich tun gegen das Synapsengewitter in meinem Kopf? Man hört den Begriff und zack kommt so eine Assoziation.

Neulich bekam ich also eine Flasche vom Mittelrhein, einen Kabinett. Ach ja. Überraschung.

Der Mittelrhein hat ein Image. Ich will nicht sagen Imageproblem, das ist vielleicht zu weit gegriffen. Aber in diesem Bild vom Mittelrhein ist zurzeit nicht viel Platz für richtig guten Wein.

Woher kommt das?

Vielleicht hat der Ruf dieser umwerfend schönen Region durch all die fröhlichen Wandergesellschaften, Kegeltouren und Kaffeefahrten von älteren Herrschaften aus Holland, Rheinland und dem Ruhrgebiet gelitten.

Nicht, dass ich den Leuten ihren Spaß missgönnte.

Ich gehe jedoch davon aus, dass sie die lokale Weinproduktion, die da in ihren Kehlen verschwindet, kaum hinterfragen. Was ist das eigentlich und von wem kommt es?

Und die Qualitätswinzer? Natürlich gibt es die. Mir fallen genau vier ein. Zwei in Bacharach und zwei in Spay. Ganz sicher sind da noch andere. Bitte melden! Ich kann ja nicht alle kennen.

Zurück zu meiner Flasche. Ein Kabinett mit schlichtem Etikett. Ich machte auf und goss ein. Lustig plätscherte das unauffällig helle Zeug in mein prächtiges Burgunderglas von Zwiesel. Das mache ich immer, wenn ich böswillig und auf Demütigung aus bin. Nimm das, du kleiner Wein! Erwartungsleer schob ich meine Nüstern über den Kelch.

Da war kühler Stein, Kräuterwürze und ein vollreifer Pfirsich. Sehr sinnlich, sehr sauber. Gar nicht so schlecht.

Schon etwas neugieriger geworden setzte ich den pompösen Glaskübel an meine Lippen und ließ einen kleinen Schwall auf die Zunge fließen. Mit einem Mal war es um mich geschehen.

Was da in meinen Mund geschwappt ist, war so glockenklar und rein wie Schuberts Ave Maria, gesungen von einem Wiener Sängerknaben.

Elegante, liebliche Saftigkeit, wunderbarer Schmelz, gesalzenes Karamell, kaltes Apfelkompott. Was für ein herrlicher Wein zum ewig dran Nippen, ganz langsam, bis die Flasche leer ist.

Wie hieß noch der Winzer? Pieper. Hm. Vielleicht schon mal gehört und wieder vergessen.

Ich ließ mir noch ein paar weitere Flaschen kommen. Und siehe da, die Palette war von erstaunlicher Qualität. Intensive, dichte und glasklare Tropfen mit reiffruchtigen Noten und einer gewissen Würze. Das rührt vom vulkanischen Trachytgestein des Drachenfels, heißt es. Der Brocken ist ein markantes Stück Siebengebirge. Eine Quellkuppe aus erstarrter Magma.

Von barocker Lebensfreude bis zu kalvinistischer Kargheit war alles drin. Pieper spielt in seinem Keller auf breiter Klaviatur. Sein Instrument ist dabei ganz präzise auf Klarheit gestimmt. Ein hohes C durchdringt alle Weißen.

Fein säuberlich habe ich aufgeschrieben, wie sie mir geschmeckt haben. Klickt einfach auf die Flaschen:

Felix Pieper heißt der junge Chef. Kurz gegugelt. Hat nach dem Weinbaustudium in Geisenheim 2008 vom Vater übernommen, der jetzt noch das gastronomische Programm des Hauses leitet. Dazu gehören Vinothek, Gästezimmer und ein Restaurant.

Bevor Felix die Verantwortung über die Weinproduktion übernahm, sammelte er noch schnell Erfahrung in Neuseeland und an der Ahr. Bei J.J. Adeneuer. Heute gebietet er über 9 Hektar Rebfläche und schickt jährlich 80.000 Flaschen auf die Reise. Fast alles geht ins nahe Köln. Aber der Onlineshop des Weinguts entwickelt sich auch ganz gut. Es gilt neue Zielgruppen zu erschließen.

Woher kommt diese saubere Klarheit im Wein, Felix Pieper?

„Ich vermute, das habe ich meiner Intuition beim Kontrollieren der Gärung zu verdanken.“

Pieper will in seinen Weinen nichts hervorheben. Nur die Klarheit. Kein Wein darf zu fett werden oder seine Säure verlieren. Das meiste vergärt spontan, braucht daher länger, um sich zu entwickeln. Steht dann aber auf einem starken Gerüst. Pieper nimmt in Kauf, dass seine Tropfen anfangs vielleicht etwas ruppig wirken und mit Primärfrucht geizen. Dann aber mit feingliedriger Vielfalt aufwarten.

Klarheit, das ist der rote Faden in Piepers Schaffen. Sogar die Sprache ist akzentuiert und lässt den typisch rheinische Singsang vermissen.

Aprops rot. Ich habe auch den noblen Spätburgunder P von Pieper verkostet. Und war ganz hin & weg.

Und der Mittelrhein, wie geht’s weiter mit dem zweitkleinsten Anbaugebiet der Deutschen?

Pieper: „Hier oben in NRW haben wir nichts zu verlieren. Man sagt, die Weine der Region sind eine saure Brühe. Ihr Ruf könnte nicht schlechter sein.“

Ich finde, für einen talentierten und qualitätsvernarrten Winzer wie Felix Pieper ist nicht die übelste Voraussetzung, um von sich reden zu machen.

 


Datum: 29.1.2018 (Update 11.10.2018)
 

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