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Die gute Jauche

Wer wird Müllionär?
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Günther Jauchs roter Aldiwein schmeckt einfach nur grässlich. Der Captain erklärt, warum das für deutsche Winzer eine gute Nachricht ist.

Es ist schon alles gesagt, nur nicht von allen. Das könnte man auch über Günther Jauchs Aldiwein schreiben.

Ende März 2018 wurden die beiden Supermarktweine „weiss“ und „rot“ von Jauch vorgestellt und sogleich sprangen die Medien über das Stöckchen.

Dass Jauch in Wein macht, war ja nichts Neues. Aber jetzt auch bei Aldi? W-A-H-N-S-I-N-N! Als ob Wein aus dem Supermarkt eine bahnbrechende Novität wäre. Besser kann PR nicht laufen.

Dass Supermarktweine – online wie offline – längst gang und gäbe sind, war für einen kurzen Augenblick ausgeblendet. Komplett. Dabei gibt es entsprechende Quellen an jeder Ecke wie etwa www.allyouneedfresh.de.

Dann wurde es ruhiger um Jauchs Weine bei Aldi. Sehr, sehr ruhig.

Mit erheblicher Verspätung nähert sich jetzt auch der Captain dem Supermarktprojekt des Moderators und Winzer-Quereinsteigers, dem das Weingut Othegraven an der Saar gehört.

Muss das sein?

Natürlich nicht, es gibt Wichtigeres zu besprechen. Zum Beispiel 6 Flaschen Wein aus den wichtigsten Anbaugebieten Israels, die seit Monaten im Büro des Captain herumstehen und darauf warten, probiert zu werden. Weine, die mit starken Gefühlen aufgeladen sind. Eine Berliner Sommelière bezeichnete sie als böse, weil sie teilweise von den Golanhöhen und aus dem Westjordanland kommen. Beides Regionen mit extremen Klimata, die interessante Tropfen hervorbringen.

Für so etwas würde ich keine PR machen, fauchte die Weintesterin, die für eine große Bio-Supermarktkette arbeitet, und belegte den Captain mit einem vernichtenden Blick.

Diese Weine sollen böse sein, weil der Boden auf dem die Reben stehen, einst von der autochthonen arabischen Bevölkerung bewohnt wurde, die dann ging bzw. gehen musste oder von ihren eigenen Stammesoberen aus taktischen Gründen zum Gehen überredet wurde. Darüber scheiden sich seit Jahrzehnten die Geister.

Das Thema ist buchstäblich vermintes Gelände. Wie manches Terroir im Staate Israel. Dort wimmelt es von Sprengsätzen syrischer wie israelischer Herkunft. Gelegentlich zerfetzt es eine Ziege und manchmal ein spielendes Kind. Einfach nur traurig.

Natürlich wird sich der Captain darum kümmern und berichten, wie die Weine schmecken und warum sie so schmecken.

Die Sache hat nur einen Haken – es ist anstrengend, so einen Artikel zu schreiben. Wein und anstrengend, das überlässt der Captain eigentlich lieber den Winzern.

Aber weil der Captain gerne schreibt, was manche nicht lesen wollen, wird er sich hingebungsvoll den Weinen Israels widmen. Jeder sorgt auf seine Weise für Selbstmotivation.

Jetzt zu Jauchs Aldiweinen oder Aldis Jauchweinen.

„Sei nie beleidigt, wenn jemandem dein Wein nicht schmeckt“ – Günther Jauch

Ich war ehrlich gesagt überrascht. Nichts dergleichen hatte ich erwartet. Keine der zahlreichen Beschreibungen, die ich nach Produktlaunch gelesen hatte, kamen in die Nähe meiner Empfindungen. Was für eine fantastische Diskrepanz, welch enormer Glücksfall für all die Winzer da draußen, die sich Tag für Tag abrackern, um ordentlichen Wein auf die Flasche zu bringen. Denn der rote Jauchwein schmeckt grauenhaft wie kalter Pappbecher-Glühwein am nächsten Morgen.

Das oder Vergleichbares stand allerdings nirgendwo sonst.

Ist meine Zunge so viel anders gewickelt als die der anderen Verkoster? Oder traut sich keiner, klar auszusprechen, was er fühlt und denkt? Drohen gar zertrümmerte Kniescheiben für unbotmäßige Weinkritik?

Nicht ein Verkoster war nur in die Nähe eines ähnlich klaren Urteils gekommen. Alle blieben vage-höflich. Auch auf Facebook, sonst wahrlich keine Oase der Zurückhaltung, fand ich hie und da nur verklemmtes Genöle. Geht gar nicht, weil Etikettenschwindel, denn die Trauben wurden irgendwo in Deutschland zusammengekauft und in einer Weinfabrik im Moselgebiet verarbeitet. Gähn. Geht gar nicht, weil Supermarkt. Geht gar nicht, weil Jauch. Geht gar nicht, weil 6 Euro…

So viel Wischiwaschi-Geht-gar-nicht geht gar nicht. Ich finde, das einzige Geht-gar-nicht, das geht, geht so: geht gar nicht, weil schmeckt nicht.

Ja, der Jauchwein schmeckt nicht. Besser gesagt, der weiße Jauchwein schmeckt nicht, weil er nach nichts schmeckt und der rote Jauchwein schmeckt nicht, weil … siehe oben.

Steht der Captain mit seinem Urteil wirklich ganz allein da? Hat er wen übersehen? Bitte melden!

Ich bin nochmal zu Aldi gegangen, habe weitere 5,99 Euro in eine zweite Flasche roten Jauchwein investiert, um sie gemeinsam mit einer Weinmacherin (ausgebildet in Geisenheim) zu kosten, deren Urteil ich sehr schätze. Das Ergebnis war dasselbe. Hier das Protokoll:

Leuchtendes Hellrot im Glas, der Wein funkelt uns freundlich an. Es heißt, die dominierende Rebsorte dieser Cuvée ist Spätburgunder. Was schwimmt da noch drin? Ich schnuppere ins Glas, rieche rote Grütze und Traubensaft und tippe auf Portugieser und/ oder Dornfelder und/ oder Regent. Alles, was auch nach einem ertragsarmen Jahr wie 2017 reichlich zur Verfügung steht. Es ist warm, deshalb ist der Wein etwas runtergekühlt. Positiv: mit 11,5 Volumenprozent Alkohol ist er ausgesprochen leicht und liegt damit im Trend. Auf der Zunge zunächst Fruchtfleisch. Dann Fruchtfleisch. Ich rolle den Schluck sorgfältig hin und her: Fruchtfleisch. Sonst nichts. Und nach dem Runterschlucken ist sofort Schluss. Nicht der kleinste Abgang. Vielleicht braucht der ein wenig Zeit. So wie mancher Aldikunde an der Kasse, der sein Portemonnaie nicht findet. Ich gebe ihm 15 Minuten. Tatsächlich, mit zunehmender Wärme machen sich gekochte rote Früchte bemerkbar, begleitet von sehr eindimensionaler Holzaromatik. Sogar ein kleiner Waldbeer-Abgang meldet sich am Gaumen. Und plötzlich ist da auch noch eine Portion Süße. Wahrscheinlich wurde der Wein gechippt, das wäre bei einer industriell gefertigten Ware wie dieser nicht ungewöhnlich. Je länger er an der Luft steht, desto mehr erinnert mich dieser Tropfen an einen Pappbecher voll vergessenem Glühwein am nächsten Morgen. Ich schaue meine Freundin aus Geisenheim an und frage im Scherz: Lagerpotenzial? Antwort: „Bis zum nächsten Dixi-Klo.“ Für 6 Euro ab Hof gibt es bei vielen deutschen Winzern sehr viel besseren Wein.

Ich wusste gar nicht, dass Wein heutzutage noch so übel geraten kann; dachte eigentlich, der rasante Fortschritte in der Kellertechnik macht solche Geschmacksdesaster inzwischen unmöglich. Selbst aus minderwertigem Traubengut lassen sich heute passable Weinchen zusammenbauen. Jeder in der Branche weiß das.

„Ein exklusives Trinkerlebnis – nach den Qualitätsansprüchen von Günther Jauch“ steht auf der Website von Aldi. Wäre ich Jauch, würde ich diese Rufschädigung rasch unterbinden.

Es stellt sich die Frage, wie es zu diesem außergewöhnlich schlimmen Wein kommen konnte.

Jauchs Kellermeister bei Othegraven (der dem Vernehmen nach an der Kreation der Aldiplörre mitwirkte) steht außer Verdacht, ein Nichtskönner zu sein. Wer eine Flasche seines eigenen Weinguts Lubentiushof öffnet, kann sich davon überzeugen.

Es muss einen anderen Grund für die Jauche geben. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich ihn kenne. Und ich halte ihn für eine gute Nachricht.

Drei von vier Flaschen Wein werden in Deutschland im Supermarkt gekauft, sagt die Statistik. Das ist ein gewaltiger Markt. Wer dort tätig ist, überlässt nichts dem Zufall. Der Druck der Einkäufer auf die Lieferanten muss erbarmungslos sein. Jedes Stück Ware wird auf sein Potenzial abgeklopft, bevor es zur Listung kommt. Und in Fokusgruppen getestet. Besser noch: mit den Fokusgruppen entwickelt. Jauch kennt das sicher aus dem Fernsehgeschäft. Da passiert nichts, was vorher nicht bis zum Gehtnichtmehr an lebenden Dummys ausprobiert wurde. Ich kann mir gut vorstellen, wie die beiden Jauchflaschen an Probanden getestet und optimiert wurden. Zum Wohl, Frau Butzke, wie munden ihnen diese Tröpfchen? Heraus kamen zwei Weine, die geschmacklich wie preislich auf ihre Zielgruppe zugeschnitten sind. Fazit: Mit dem richtigen Marketing lassen sich auch im Discounter hohe Preise erzielen.

Und was soll daran die gute Nachricht sein?

Seit Jahren kritisieren Winzer, allen voran der unermüdliche Prediger Roman Niewodniczanski (Van Volxem), dass deutsche Weine viel zu billig sind und die Wertschätzung deshalb ausbleibt. Ja, der Preis ist ein wichtiges Element im Luxusmarketing. Dies gilt auch für Genussmittel wie Wein. Schon in den 90er-Jahren begriff das die österreichische Weinwirtschaft und begann an der Preisschraube zu drehen. Mit dem Ergebnis, dass es österreichischen Billigwein kaum mehr gibt und die Winzer ihr Auskommen haben.

Ein Wein billigster Machart, für den man 6 Eurostücke hinlegt, ist ein Dammbruch und der Beweis, dass deutscher Wein ruhig das Doppelte kosten darf, wenn der Käufer das Gefühl hat, Besonderes zu erwerben. Seit Jahren schüttelt der Captain den Kopf, wenn er herrliche Weine vor sich stehen hat, deren Namen sich kein Mensch merken kann: Dirmstein Jesuitenhofgarten Spätburgunder Kleiner Garten. Leute, da geht noch was!

Hoffen wir für Günther Jauch und alle deutschen Winzer zusammen, dass das Experiment gelingt und sich die Leute den Jauchwein tankwagenweise einverleiben. Bis sie draufkommen, dass es fürs gleiche Geld so viele bessere Weine gibt. Es ist eine große Chance.

 


Datum: 10.10.2018 (Update 11.10.2018)
 

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