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Das Mouton-Rothschild-Märchen

Mahlzeit im Balthazar!
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Der Captain trinkt wohlschmeckend-weichen Günstig-Bordeaux und erzählt ein modernes Gastronomie-Märchen, das sich (vielleicht) genauso zugetragen hat.
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Genauer gesagt, nicht der Captain erzählt, sondern ein gewisser Keith McNally, Eigentümer des berühmten Lokals Balthazar in Manhattan, ein Restaurant im Bistro-Stil, das den Captain sehr an das Borchardt am Berliner Gendarmenmarkt erinnert, wo er früher ein- und ausging, als er noch in Mitte wohnte.

New York, diese gequälte Stadt, die sich gerade wieder ein bissl aufrappelt, so weit das eben geht, ist ja ein Fass ohne Boden voller urban legends wie jener, die McNally jetzt auf seinem → privaten Insta veröffentlicht hat. Ich komme gleich dazu.

Zunächst jedoch ein bisschen Bordeaux-Nachhilfe, konkret über die Großlage (Appellation) Entre-Deux-Mers, was „zwischen zwei Meeren“ heißt, aber eigentlich liegt sie zwischen zwei Flüssen: Garonne und Dordogne. Keine Ahnung, wo hier Meer ist. Wahrscheinlich klingt es einfach poetischer und dafür haben die Franzosen bekanntermaßen ein Faible.

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Entre-Deux-Mers liegt aber nicht nur zwischen diesen beiden Wasseradern, sondern auch zwischen den sensorischen Bezirken linkes Ufer und rechtes Ufer und gehört zu keinem von beiden, aber dann doch irgendwie zum rechten Ufer, dem Kreuzhain des Bordelais, also jenem Teil, der nicht so glamourös strahlt wie das linke Ufer mit seinen Luxus-Châteaux Margaux, Lafite Rothschild, Mouton Rothschild (letzteres spielt gleich nochmal eine Rolle) und so weiter und ihren Luxus-Weinen, die Hunderte bzw. Tausende Euro kosten.

Natürlich stimmt das auch nicht ganz, denn zum rechten Ufer gehören auch die Appellationen Pomerol (Château Pétrus etc.) und Saint-Émilion (Château Angélus etc.). Ist halt immer schwierig mit den Thesen in der Weinwelt…

Der Rebsortenspiegel am linken Ufer (Charlottenburg-Wilmersdorf) lautet in der Reihenfolge ihrer Wichtigkeit: 1. Cabernet Sauvignon, 2. Merlot, 3. Cabernet Franc, und am rechten Ufer (Friedrichshain-Kreuzberg): 1. Merlot, 2. Cabernet Franc, 3. Cabernet Sauvignon.

Und in Entre-Deux-Mers, dieser Art Bordeaux-Wedding? Dort werden hauptsächlich zitrig-frische Weißweine aus Sauvignon Blanc, Sémillon und etwas Muscadelle hergestellt. Die rote Abteilung liefert vornehmlich die Sorte Merlot.

Aus Merlot ist zu 100% auch der Wein gemacht, den der Captain jetzt trinkt. Es ist der sehr günstige Château Penin Grande Sélection Bordeaux Superieur, der für seinen kleinen Preis ganz groß schmeckt: In der Nase viel Brombeere, Leder, Lakritze und Cassis-Jam. Im Mund irre würzig nach Kompott von Holunderbeeren mit Gewürznelke, etwas Salz und einem Spritzer Zitronensaft. Dann Oliventapenade, Bio-Kakaopulver, Lavendel. Dabei staubtrocken, keine Extraktsüße, nur ein kaltes und tiefes Trockenheitsloch und dabei schön mild: 13% Vol. Alkohol. Das schmeckt überraschend gut, geradezu sexy und passt zu Blutwurst, Oktopus oder Roter Beete mit Balsamico.

Jetzt aber zu meinem Großstadtmärchen aus New York, das uns Keith McNally via Instagram erzählt. Ich veröffentliche hier das Original, weiter unten steht die deutsche Übersetzung.

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

One night at Balthazar four Wall Street businessmen ordered the restaurant’s most expensive red wine: a $2000 bottle of Chateau Mouton Rothschild. One of the two managers transferred the Bordeaux into a decanter at a waiter’s station. Simultaneously, a young couple ordered the restaurant’s cheapest red wine, a $18 Pinot Noir, which they wanted pouring into a decanter. These two very different wines were now in identical decanters. Mistaking the $18 decanted wine for the $2000 Rothschild, the first manager formally poured the cheap wine to the businessmen. According to the manager, the host considered himself a wine connoisseur, and showing off to his guests, tasted the cheap wine before bursting into raptures about its ‚purity‘. The young couple who ordered the $18 Pinot Noir were inadvertently served the $2000 Chateau Mouton Rothschild. On taking their first sips of what they believed was cheap wine, they jokingly pretended to be drinking an expensive wine and parodied all the mannerisms of a wine snob. Five minutes later the two managers discovered their error and, horrified, phoned me at home. I rushed to Balthazar. The businessmen’s celebratory mood was clearly enhanced by the wine they had mistakenly thought was the restaurant’s most expensive. This put me in a dilemma: whether to come clean and admit the manager’s mistake, or allow him to continue drinking the cheap wine in blissful ignorance. Taking the latter route would certainly be the easiest. Also the cheapest. It was unthinkable at this point to pull the real Bordeaux from the young couple’s table. Besides, they were having too much fun acting out drinking a $2000 bottle of wine. I decided to veer from my normal behaviour, and tell both parties the truth. The Wall St. businessman responded by saying, „I THOUGHT that wasn’t a Mouton Rothschild!“ The others at the table nodded their heads in servile agreement. The young couple were ecstatic by the restaurant’s mistake, and told me it was like the bank making an error in their favour. The trouble was, it was me who was down $2000, not the bank. Both parties left Balthazar happy that night, but the younger of the two left happier.

Ein Beitrag geteilt von Keith McNally (@keithmcnallynyc) am

Eines Abends im Balthazar bestellten vier Geschäftsleute von der Wall Street den teuersten Rotwein des Restaurants: eine 2.000-Dollar-Flasche Château Mouton Rothschild. Einer der beiden Manager schüttete den Bordeaux auf seiner Kellnerstation in eine Karaffe. Gleichzeitig bestellte ein junges Paar den billigsten Rotwein des Restaurants, einen 18-Dollar-Pinot-Noir, auf Wunsch ebenfalls in die Karaffe gefüllt. Diese beiden sehr unterschiedlichen Weine befanden sich nun in gleich aussehenden Dekantern. Der Oberkellner verwechselte den 18-Dollar-Wein mit dem 2.000-Dollar-Rothschild und schenkte den Geschäftsleuten den billigen Tropfen ein. Wie der Oberkellner später erzählte, machte der Gastgeber der Wallstreet-Runde einen auf Weinkenner, verkostete den billigen Wein, bevor er über dessen „Reinheit“ heftig ins Schwärmen geriet. Dem jungen Paar, das den 18-Dollar-Pinot-Noir bestellt hatte, wurde versehentlich der 2.000-Dollar-Château Mouton Rothschild serviert. Als sie die ersten Schlucke des ihrer Meinung nach billigen Weins tranken, gaben sie scherzhaft vor, einen teuren Wein zu trinken, und parodierten das Getue von Wein-Snobs. Fünf Minuten später entdeckten die Kellner ihren Fehler und riefen mich entsetzt zu Hause an. Ich eilte ins Balthazar. Die Feierstimmung der Geschäftsleute war durch den Wein, den sie fälschlicherweise für den teuersten des Restaurants hielten, offensichtlich. Das brachte mich in ein Dilemma: Entweder ich machte reinen Tisch und gab den Fehler zu, oder ich ließ sie in seliger Unwissenheit den billigen Wein weiter trinken. Letzteres wäre sicherlich der einfachste Weg gewesen. Und auch der günstigere. Es war ja völlig undenkbar, dem jungen Paar den echten Bordeaux vom Tisch zu holen. Außerdem hatten sie mächtig Spaß mit ihrem 2.000-Dollar-Wein. Ich beschloss, beiden Parteien die Wahrheit zu sagen. Der Börsenmann reagierte mit den Worten: „Ich dachte mir gleich, das ist gar kein Mouton Rothschild!“ Die anderen am Tisch nickten zustimmend. Das junge Paar aber freute sich riesig und sagte mir, es sei, als hätte die Bank einen Fehler zu ihren Gunsten gemacht. Das Problem war, dass ich 2.000 Dollar verlor und nicht irgendeine Bank. Beide Parteien verließen an diesem Abend glücklich mein Lokal. Die jüngeren Gäste allerdings noch etwas glücklicher.

Wie genießt man Mouton-Rothschild?

Was ist die Moral der Geschichte? Dass alle englischsprachigen Medien gerade voll davon sind und die Schlagzeilen raushauen, als hätte Donald Trump mit Obama ein Bier getrunken. Schaut man sich die Kommentare auf McNallys Insta-Post genauer an, erfährt man, dass die Story alles andere als aktuell ist. Sie soll sich schon vor 20 Jahren zugetragen haben. Und noch etwas: Ich frage mich, ob ich akzeptieren würde, wenn ein 2.000-Dollar-Wein hinter meinem Rücken karaffiert wird. Wer soll den wissen, was da wirklich reingeschüttet wird?

 

Datum: 23.10.2020 (Update 24.10.2020)
 

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