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Auslaufmodell Weinkönigin?

Kopf, hoch, der Wein braucht dich!
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Jedes Jahr kürt der Deutsche Weinfonds eine neue Weinkönigin und feiert sich als Förderer kluger junger Frauen. In Wahrheit ist die Lobbyfirma des deutschen Weins so fortschrittlich wie die Playboy Mansion von Hugh Hefner.
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Es ist wieder soweit. In einer knallbunten Show aus Neustadt an der Weinstraße überträgt der SWR mit einem Materialaufwand, als wollte man Polen überfallen, die sogenannte „Wahl der Deutschen Weinkönigin“.

Natürlich handelt es sich dabei nicht um eine Wahl im demokratischen Sinn, aber das behauptet auch keiner. Wahlberechtigt sind die Veranstalter selbst und ein paar handverlesene Wahlmenschen, die sich darüber freuen, Teil des Rituals zu sein.

Es ist so ähnlich wie bei der Wahl des deutschen Bundespräsidenten, die nur unter Zudrücken beider Augen und mit ganz viel gutem Willen als tatsächlich demokratisch bezeichnet werden kann. Es geht um die Show und ein Gesicht für das Business.

Womit ich schon beim Thema angekommen bin. Bei den Menschen hinter der Weinkönigin und ihren Ideen vom Wein und der Welt.

Warum kümmert sich der Captain um die Weinkönigin? Ist doch lustig und eine gute Sache, die den Winzern nützt.

Stimmt. Der Captain war selbst mal dabei, wählte mit, spürte die Begeisterung, lernte Kandidatinnen kennen und verbrachte einen gelungenen Abend. Da hat das Deutsche Weininstitut (DWI), also die Werbeabteilung des Deutschen Weinfonds, einen guten Job gemacht. Wie so oft. Die Weinreisen und Seminare von DWI und DWA (Deutsche Weinakademie) sind tadellose Veranstaltungen, die Menschen, die dort ihren Dienst tun, kundig und engagiert. Auch das muss gesagt werden.

Aber der Weinfonds? Der präsentiert sich via DWI zwar weltoffen und fortschrittlich. Innen jedoch blüht die Welt von gestern. Oder von vorgestern.

Bei der Wahl der Weinkönigin kommt das besonders schön zum Ausdruck.

Der Deutsche Weinfonds ist offiziell eine Selbsthilfeeinrichtung der Weinwirtschaft, gespeist durch Pflichtgebühren, die Winzer und Abfüller zu entrichten haben. Widerstand ist zwecklos. Wer mehr produziert (bzw. abfüllt), zahlt mehr. Logisch, dass die großen Genossenschaften und Weinfabriken, die die Supermarktregale fluten, den größten Einfluss haben und ihre Leute in die Gremien des Weinfonds entsenden. Irgendwer muss die Weinwirtschaft ja vertreten.

Der Deutsche Weinfonds ist auch eine Anstalt des öffentlichen Rechts und wird vom Landwirtschaftsministerium kontrolliert. Der Parteienstaat redet mit. Das ist die erste schlechte Nachricht. Sie überrascht allerdings wenig. Und die zweite? Ein Blick auf die Gremien offenbart Erstaunliches: Der Deutsche Weinfonds ist ein reiner Männerclub.

Im Verwaltungsrat sitzen 41 Männer genau einer Frau gegenüber. Im 10-köpfigen Aufsichtsrat gibt es gar keine Frau. Erst im wissenschaftlichen Beirat (Hirn schlägt Hintern) tauchen weibliche Namen auf. Unter den 11 Mitgliedern, die im jüngsten Geschäftsbericht aufgeführt werden, finden sich immerhin vier Frauen.

Man muss das erstmal verdauen. Die deutsche Weinpolitik wird von Männern gestaltet. Fast zu 100%. In den Gremien tummeln sich Vertreter aus Handel, Produktion und Vermarktung. Auch ein Kartoffelexperte ist dabei. Kein Witz.

Das steht im harten Kontrast zu einem Bild, das die Weinwirtschaft von sich selber malt. Überall liest man, dass Frauen beim Wein im Vormarsch sind. Mitreden dürfen sie offenbar nicht. Nur für die bunten Bilder sind sie den Gremlins des Weinfonds gut genug.

So gesehen ähnelt der Deutsche Weinfonds der Plaboy Mansion von Hugh Hefner selig.

Womit ich endlich beim Thema Weinkönigin angekommen bin.

Vor einigen Wochen sprang mir eine kaum beachtete Meldung der Deutschen Welle (DW) ins Auge: „There is an agreement between the 13 wine growing regions, that for the regional reign, they just take young women…“.

Hier geht’s zum → Artikel.

Richtig gelesen. Die Präsidenten der deutschen Anbaugebiete haben heimlich, still und leise die Weinmonarchie mit einem Männerverbot belegt. Zum ersten Mal seit Bestehen des Königsreichs, dessen Geschichte bis ins Jahr 1931 zurückgeht, als der Verleger Daniel Meininger die Idee hatte, für den Pfälzischen Wein ein hübsches Gesicht zu suchen.

Auf meine Nachfrage bestätigt das DWI die Übereinkunft. Auf absehbare Zeit wird es auf Ebene der 13 deutschen Weinregionen keine männlichen Gebietsweinkönige und somit auch keinen Bundes-Weinkönig geben.

Nanu, was war da plötzlich in die Weinapparatschiks gefahren? In Zeiten allseits propagierter Chancengleichheit und genau 60 Jahre nach Einführung des Gleichberechtigungsgesetzes.

Die nicht offizielle Erklärung kam aus dem Off: Anlass der Entscheidung soll die schrille Karriere des schwulen Jurastudenten Sven Finke-Bieger gewesen sein, der als sympathischer Dorfweinkönig von Kesten (Mosel) die internationale Presse in Aufregung versetzte. Zum Entsetzen der eher konservativ gepolten Winzerschaft.

Finke-Bieger wurde Weinkönig von Kesten, weil weit und breit keine einzige Frau bereit war, den Job zu übernehmen.

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#riesling #kesten #hiking #mosel #bacchus #wine #kirmes #stgeorge #kastanie #fun #sun #belgië

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Seine Amtszeit verlief übrigens ohne Zwischenfälle. Jetzt trägt wieder eine junge Dame das Krönchen von Kesten. Die Kirche steht immer noch im Dorf.

So weit, so bemerkenswert. Aber die Geschichte ist noch nicht zu Ende.

Der männerfeindliche Finke-Bieger-Pakt aus dem Hinterzimmer der deutschen Weinlobby kollidiert nämlich mit einer anderen Entwicklung, die sich wahrscheinlich nicht durch Absprachen aufhalten lässt: Die deutsche Weinwirtschaft könnte bald ihrer funktionswilligen Königinnen verlustig gehen.

Wie kommt der Captain darauf?

Das ist schnell erklärt. Die Nachricht vom Männer-Boykott des Deutschen Weinfonds überkreuzte sich mit einer anderen Meldung, die ebenfalls wenig Beachtung fand: Obwohl es 13 deutsche Anbaugebiete gibt und traditionell jedes davon jährlich eine Kandidatin zur Wahl der gesamtdeutschen Monarchin schickt, treten in diesem Jahr nur 12 Damen an.

Was ist geschehen?

Die Kandidatin von der Ahr verweigerte sich.

Sie selbst wollte sich auf meine Nachfrage über die Gründe nicht äußern. Man sagt, nach zwei anstrengenden Jahren als Ahr-Weinkönigin hätte sie keine Kraft mehr verspürt, weitere Belastungen durch die Königswürde auf sich zu nehmen.

Bleibt die Vakanz Einzelfall oder bahnt sich da eine strukturelle Krise an?

Hört man in die Regionalbüros der Weinlobby hinein, erfährt man hinter vorgehaltener Hand, dass wohl die Realität Einzug ins Königreich genommen hat.

Es sei heute anders als früher, heißt es. Die jungen Winzertöchter stünden nicht mehr in Scharen zur Verfügung. Es sei gar nicht mehr so einfach, eine Kandidatin zu finden, die bereit ist, für den Wettbewerb zu pauken, sich dem Stress der Wahl auszusetzen und im Falle einer Krönung Wochenende für Wochenende im Dienste des Weinbaus auf Achse zu sein. Zulasten von Ausbildung oder Job, Familie und Beziehung.

Zitat eines Gebietspräsidenten, der ungenannt bleiben will:

Die Belastungen sind teilweise enorm. Ich kenne Kandidatinnen, die waren in ärztlicher Behandlung, nachdem sie gescheitert sind und zu Hause fertiggemacht wurden.

Eine, die zwei Jahre lang Gebietsweinkönigin war, erzählt dem Captain:

Man ist nicht mit vollem Herzen dabei. Einerseits ist das Amt der Weinkönigin eine große Ehre, die Familie und der ganze Ort sind stolz auf dich, wenn du es schaffst. Andererseits ist der Preis irre hoch. Ein Privatleben an den Wochenenden kann man sich für die nächsten zwei Jahre abschminken.

Die moderne Arbeitswelt lässt grüßen. Stress in der Ausbildung oder am Arbeitsplatz lässt sich schlecht mit Stress unterm Krönchen kombinieren.

Doch diese Erkenntnis scheint noch lange nicht an der Spitze des Weinfonds angekommen zu sein. Dessen Führungskultur offenbart ein Dilemma.

Während Monika Reule, die zackige Chefin des DWI, anerkannt ist und draußen in den Gebieten mehr und mehr kompetente Frauen in untergeordneten Positionen für Wein aus deutschen Landen trommeln, verströmt die Elite der Weinlobbyisten Ewiggestrigkeit und schottet sich ab.

Die Weinkönigin ist keine schlechte Sache. Ihr gelingt, wovon Werbestrategen träumen: sie kommt bei Jung und Alt an. In den Weingebieten ist sie alles andere als uncool. Jenseits davon fährt sie mediale Reichweiten ein, die sich sehen lassen können: 130 Millionen Menschen sollen es sein, die sie erreicht. So viele Abonnenten hat Netflix weltweit, wenn es stimmt, was der Streamingsender über sich behauptet.

Das ist eine echte Nummer. Es wäre schade, wenn der Herrenclub aus Bodenheim (da ist der Deutsche Weinfonds zu Hause) sich weiterhin angstvoll einer Erneuerung des Amtes widersetzt. Aber dafür müsste er wohl sich selbst erneuern.

Wie soll es nun weitergehen?

Darüber sprach der Captain mit Monika Reule vom DWI:

„Ich will keine Karnevals-Figur“

 


Datum: 27.9.2018 (Update 28.9.2018)
 

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