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Apulien: der primitive Rosé

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Der Captain trinkt 2x überraschend guten Rosé. Warum 2x? Weil 1. guter Rosé extrem selten ist und 2. Weine aus der Rebsorte Primitivo selten viel Freude machen.
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Die Sonne strahlt auf Berlin und der Captain hat wunderschön leuchtenden Mittagswein im Glas.

Es ist der → Aka Salento Primitivo Rosato des Riesenbetriebs Produttori Vini Manduria, den der Captain kennt, weil er schon mal dort war und den Chef ausgequetscht hat, während seine Leute Weintrauben ausquetschten, die gerade angeliefert wurden. Es war nämlich gerade Lesezeit:

Primitivo di Manduria: Nenn mich nicht Süßer!

Einen Winzer während der Lese zu besuchen, ist so ziemlich das dümmste, was einem einfallen kann, denn zum Quatschen (statt Quetschen) ist dann keine Zeit. Nur der noblen Höflichkeit, die den typischen italienischen Geschäftsmann auszeichnet, ist es zu verdanken, dass der Captain nicht vom Hof flog.

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Die Produttori Vini Manduria zählen zu den besten Genossenschaftskellereien Italiens und beliefern bezeichnenderweise keine Supermärkte, von einer ganz lokalen Ausnahme abgesehen. Der absolute Hit im Hauptgebäude ist die Weinstankstelle (siehe Bild oben), wo Einheimische für ein paar Euro ordentlich gemachte Alltagsweine zapfen lassen.

Weil dieser Roséwein (dem der Captain als überzeugter Roséwein-Verächter wie üblich sehr kritisch gegenübertrat) nicht auf den Massenmarkt schielt, ist sein Preis auch nicht gaaanz klein. Im Vergleich zu anderen weinähnlichen Getränken ähnlicher Färbung, ist er jedoch ein leistbarer Solitär, der viel Trinkvergnügen bereitet: Im Glas sattes Pink mit orangen Reflexen. In der Nase faszinierend-dichter Schmelz nach Roter Johannisbeere und Orangenabrieb. Im Mund schöne Spannung zwischen rotbeeriger Frucht, Salz und Säure. So viel Substanz in Rosé ist selten. Ich schmecke kalten Hagebuttentee, kandierte Kirsche, Granatapfelsaft und ein Quentchen Restsüße, die gerade so viel Weichheit erzeugt, dass man als geübter Weintrinker freudig zustimmt. Rotbeeriger Kuschelrosé der auch zu mittelwürzigen Speisen wie Pizza oder Grillfleisch passt.

Das flache und fruchtbare Apulien ist der Absatz des italienischen Stiefels, Hochburg der italienischen Arbeitslosigkeit und Landwirtschaft. Kilometerlange Olivenhaine, Artischockenfelder, die bis zum Horizont reichen, Weizenfelder, Spargelfelder und Tomatenplantagen. Wenig Massentorismus, viel Barock. Und jede Menge Wein. Fast auf den Hektar genauso viel wie in Deutschland.

Der Rebsortenspiegel schimmert rot. Primitivo, Negroamaro und Malvasia Nera heißen die wichtigsten Sorten für die Supermarktregale und Pizzabäcker Nordeuropas. Primitivo, diese Helene Fischer der Trauben, die auch in Deutschland so viele durstige Menschen glücklich macht, ist der Exportschlager der apulischen Weinwirtschaft und zugleich das Schreckgespenst aller Weinschnösel. Denn Primitivo schmeckt meistens so, wie sich eine Rede von Frank-Walter Steinmeier anhört: irgendwie positiv, belanglos und nach 5 Minuten hat man alles vergessen.

Du ahnst schon: Die Schimpferei des Captain ist eigentlich eine Liebeserklärung.

Was macht den durchschnittlichen Primitivo so beliebt? Seine Süßlichkeit und marmeladige Textur. Diese primären Geschmackmerkmale treffen die demografische Mitte und wer darauf Rücksicht nimmt, macht Karriere. Sowohl als Weinlieferant als auch als Weinkritiker, wie der sagenhafte Aufstieg des umstrittenen Weinbewerters → Luca Maroni zeigt.

Primitivo-Beeren zeichnen sich durch hohen Zuckergehalt aus. Sie reifen früh und werden ebenso früh gelesen. Daher kommt auch der Name. Primitivo = prime uve = die ersten Trauben.

Dummerweise reifen die Trauben des Primitivo unregelmäßig. Da hängen dann geschrumpfte Beeren, aus denen die Feuchtigkeit gewichen ist, und zugleich prall gefüllte Beeren voller Saft am selben Stiel. Diese Laune der Natur macht eine aufwändige Selektion nötig, wenn man an Qualitäts-Primitivo interessiert ist. Den gibt es nämlich auch: herrlich-differenzierte, würzige und tiefgründige Weine. Immer, wenn der Captain so einen findet, landet der in seinem Newsletter.

 

Datum: 20.6.2021 (Update 14.9.2021)