X
Newsletter
X
X
Login
Passwort vergessen?


Konto erstellen

Primitivo di Manduria: Nenn mich nicht Süßer!

Genossenschafts-Manager Giovanni Dimitri.
Kommentare
Ähnliche Weine
Ähnliche Artikel
Der Captain besuchte im heißen Apulien einen Riesenbetrieb namens "Produttori Vini Manduria", der auf Primitivo spezialisiert ist. Und lernte, dass diese Rebsorte auch andere Getränke ergeben kann, als jene plumpen Weinchen, die wir aus der Gastronomie kennen.
Anzeige

Der Captain trinkt Rotwein aus einem Betrieb in Süditalien, den er im Herbst 2019 besuchte, als die Weinwelt noch satt und zufrieden vor sich hinproduzierte.

In einer selbst aufgebauten Kühlkette (Swimmingpool-Ferienhaus-Mietwagen) bewegte sich der Captain von der südlichsten Spitze Apuliens nach Manduria, jener uralten Stadt mit viel Weintradition, die als Hochburg des Primitivo gilt.

Oft dient Historie in der Weinvermarktung als Qualitätsnachweis, was natürlich kompletter Quatsch ist bei einem Produkt, das jedes Jahr neu erschaffen wird und sich Jahrgang für Jahrgang immer wieder bewähren muss. Ich kenne Moselwinzer, die auf eine tausendjährige Weinbautradition zurückblicken, aber önologisch in einem Geschmacksbild steckengeblieben sind, das Ende der 1990er-Jahre mit breitem Pinsel gemalt wurde.

Newsletter schon abonniert?

Weiterlesen geht nur mit News­letter-Abo. Hier abonnieren:

Schon angemeldet? Dann hier bitte E-Mail-Adresse eingeben:

Weiterlesen
Bitte akzeptieren Sie unsere Cookies, um Ihre E-Mail-Adresse zu speichern und nicht bei jedem Seitenaufruf erneut eingeben zu müssen!

Zurück nach Apulien, wo der Captain japsend aus seinem Fiat Punto über glühenden Parkplatzteer in die gewaltigen Hallen der Genossenschaft Produttori Vini Manduria hechtete, um Betriebsleiter Giovanni Dimitri (Bild ganz oben) zu treffen, einen smarten Weinbaumanager, der über 900 Hektar Rebland und eine Kooperative mit 400 Mitgliedern wacht. Seit über 20 Jahren wurde kein neuer Traubenlieferant aufgenommen. Eine kundige Dame aus der piemontesischen Weinwirtschaft empfahl dringend diesen Besuch. Apulien? Genossenschaft? 900 Hektar? Das klang zunächst böse nach einer jener Weinfabriken, die ihre Ware in die Discounterregale Nordeuropas pumpen und damit sagenhafte Gewinne erzielen.

Dennoch ließ sich der Captain überzeugen. Vor Ort schwor Giovanni keinen einzigen Supermarkt zu beliefern – außer in der eigenen Region. Dazu passt auch eine Entdeckung, die der Captain hier erstmals machte: eine Weintankstelle! Zum Preis von knapp 3 Euro pro Liter kann man sich sehr ordentlich gemachte Basisweine in die mitgebrachten Gebinde spritzen lassen.

Das flache und fruchtbare Apulien ist der Absatz des italienischen Stiefels, Hochburg der italienischen Arbeitslosigkeit und Landwirtschaft. Kilometerlange Olivenhaine, Artischockenfelder, die bis zum Horizont reichen, Weizenfelder, Spargelfelder und Tomatenplantagen. Wenig Massentourismus, viel Barock. Und Wein.Jede Menge Wein. Fast auf den Hektar genaus viel wie in Deutschland. Der Rebsortenspiegel schimmert rot. Primitivo, Negroamaro und Malvasia Nera heißen die wichtigsten Sorten für die Supermarktregale und Pizzabäcker Nordeuropas.

Primitivo, diese Helene Fischer der Trauben, der in Deutschland so viele weindurstige Menschen glücklich macht, ist der Exportschlager der apulischen Weinwirtschaft und zugleich das Schreckgespenst aller Weinschnösel. Denn ja: Primitivo schmeckt meistens so, wie sich eine Rede von Frank-Walter Steinmeier anhört: irgendwie positiv, belanglos und nach 5 Minuten hat man alles vergessen. Du ahnst schon: Die Schimpferei des Captain mündet in eine grandiose Weinempfehlung und dient lediglich dazu, einen Spannungsbogen aufzubauen.

Was macht den durchschnittlichen Primitivo so beliebt? Seine Süßlichkeit und marmeladige Textur. Diese primären Geschmackmerkmale treffen die demografische Mitte und wer darauf Rücksicht nimmt, macht Karriere. Sowohl als Weinlieferant als auch als Weinkritiker, wie der sagenhafte Aufstieg des umstrittenen Weinbewerters Luca Maroni zeigt. Siehe Interview unten.

Primitivo-Beeren zeichnen sich durch hohen Zuckergehalt aus. Sie reifen früh und werden ebenso früh gelesen. Daher kommt auch der Name. Primitivo = prime uve = die ersten Trauben.

Luca Maroni: Ende der Weinkritik?

Dummerweise reifen die Trauben des Primitivo unregelmäßig. Da hängen dann geschrumpfte Beeren, aus denen die Feuchtigkeit gewichen ist, und zugleich prall gefüllte Beeren voller Saft am selben Stiel. Diese Laune der Natur macht eine aufwändige Selektion nötig, wenn man an Qualitäts-Primitivo interessiert ist.

Der viele Zucker im Primitivo erlaubt Weine von bis zu 18 Volumenprozent Alkohol. Mein köstlicher Abendwein Lirica Primitivo di Manduria von Produttori Vini Manduria für nicht mal 9 Euro hat 14,5% Vol., was viel, aber für Primitivo nicht übertrieben viel ist.

Und auch sonst ist dieser Wein ein Preis-Leistungs-Bringer sondergleichen. Dunkelbeerig, nur dezent-süßlich und von eleganter Würze: Im Glas trüb und dunkles Karminrot. In der Nase viel Kirsche, sanft angeröstete Mandeln, frisch gepresster Rote-Beete-Saft, ein Hauch Aschenbecher. Im Mund konzentriert mit rassigem Säurezug und frischer Rotbeerigkeit, was gut zu den moderaten 13,5% Vol. Alkohol passt. Das ist ganz anders als die üblichen Primitivo-Weinchen derselben Preisklasse und hat Niveau. Am Gaumen großartige Würze, die gegen die Frucht steht und ein Quentchen Restsüße – untypisch dezent und daher erfreulich. Ich schmecke Schattenmorelle, etwas alten Balsamico, Orangenzeste, Bio-Kakaopulver. Am Gaumen viel elegante Crema di Nocciola aus dem Piemont. So viel guten Wein für so wenig Geld hat man selten im Glas.

Viele Primitivo-Weine sind günstig, aber in dieser Preisklasse hatte ich noch keinen einzigen im Glas, der so gut schmeckte. Wer mal in der Gegend ist, sollte unbedingt bei den Produttori vorbeischauen. Da gibt es nämlich auch ein liebevoll eingerichtetes Weinmuseum. Und nochmal: Die Weintankstelle ist der Hit.

 

Datum: 24.1.2021 (Update 5.2.2021)
 

Ähnliche Weine

 

Ähnliche Artikel