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Weinhaus Reifart: Ist Rotwein gut für’s Herz?

Prof. Dr. Nicolaus Reifart
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Dieser Artikel handelt von einem großen Traum. Zunächst jedoch eine überraschende Neuigkeit aus der Medizin: Über 40-Jährige können von mäßigem Alkoholkonsum profitieren.
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Normalerweise ärgert sich der Captain maßlos, wenn er irgendwo liest, dass Alkohol in kleinen Dosen harmlos und vielleicht sogar sinnvoll sei und empört sich über diese Gesundbeterei der Medien.

Denn Alkohol ist ein gefährliches Gift, das Menschen, Familien und ganze Gesellschaften zerstören kann. Und zwar vom ersten Tropfen an.

Aber diesmal ist es anders. Eine Studie in einer der ältesten und renommiertesten medizinischen Fachzeitschriften der Welt, bestätigt obige These.

Diese brandaktuelle Studie (finanziert von der Bill & Melinda Gates Stiftung) ergab nämlich, dass das eine oder andere Glas Wein für die Generation X und die Baby-Boomer gesundheitsfördernd sein kann, während jüngere Trinker davon ausgeschlossen sind.

Die Mitte Juli 2022 in der Zeitschrift The Lancet veröffentlichten Forschungsergebnisse zeigen, dass der Konsum kleiner Mengen Alkohol – zwischen einem halben und zwei Standardgetränken pro Tag – das Risiko von Herzkrankheiten, Schlaganfall und Diabetes bei Menschen über 40 Jahren ohne gesundheitliche Vorbelastung verringern kann. Für Menschen jüngeren Alters gilt das jedoch nicht.

Was hat das mit meinem Abendwein zu tun?

Dies ist schnell erklärt. Auf besagte Studie macht den Captain Herzspezialist Prof. Nicolaus Reifart aufmerksam, der nach einer glänzenden Medizinerkarriere nun Wein anbaut.

Genauer gesagt: meinen Abendwein.

Ja, Prof. Nicolaus ist der geistige Vater der eleganten Gundersheimer Höllenbrand Cuvée Mme. vom Weinhaus Reifart, das mit dem Weingut Stauffer im rheinhessischen Flomborn verbunden ist.

Nicolaus Reifart und Weinguts-Eigentümer Karl Michael Stauffer haben denselben Ururgroßvater. Inzwischen hat Sohn Alexander Stauffer die Leitung des Betriebs übernommen.

Schon immer schätzte der gelernte Kardiologe Nicolaus Reifart die großen Weine der Toskana. Als das Rentenalter gekommen war, fragte Nicolaus seinen entfernten Verwandten und Önologen Alexander: „Willst du für mich und mit mir einen edlen Rotwein machen?“

Die Stauffers fanden die Idee interessant. Zunächst musste aber geklärt werden, was für ein Wein das sein soll, der da im kalkreichen Boden von Gundersheim angebaut werden soll.

Nicolaus hatte eine ganz klare Vorstellung und stellte zu Demonstrationszwecken eine Flasche Chianti Rùfina Riserva Vigna Montesodi von Castello di Nippozano aus dem Reich der Frescobaldi auf den Tisch. Ein herrlich-altmodischer Sangiovese, der elegant die Kehle hinabrinnt.

Sangiovese in Rheinhessen? Hm, meinte Alex. Das geht wohl nicht. Die empfindlichen Trauben würden vom nordischen Wetter dahingemetzelt werden wie die Legionen des Varus im Teutoburger Wald.

Ja, der Captain kennt das eine oder andere Sangiovese-Experiment auf deutschem Boden (zum Beispiel bei Philipp Kuhn), aber es wird wohl einen Grund haben, warum man jeweils nicht viel davon hört.

Was tun?

Man einigte sich auf den Ausbau im Stil der berühmten Supertoskaner aus französischen Rebsorten. Ein Super-Wonnegauer sozusagen, der Sassicaia und Ornellaia nacheifert.

Alex gefiel die Idee und er machte sich ans Werk. Es wurde auf einem Drittel Hektar im heißesten Stück der Lage Gundersheimer Höllenbrand Cabernet Franc, Cabernet Sauvignon und Merlot (aus französischen Klonen) angepflanzt. 2016 war die erste Lese.

Das Ergebnis war niederschmetternd. 2017 ebenso. Aber im großen Rotweinjahr 2018 gelang das Experiment. Alex und Nicolaus waren mit dem Traubengut hochzufrieden und beschlossen den Ausbau. Wie das geschah, beschreibe ich im Verkostungsbericht über diesen delikaten Bio-Rotwein aus warmer Süd-West-Lage in Rheinhessen (mit Lösslehm und Kalkstein im Boden), der im internationalen Stil aus den Sorten Cabernet Franc, Cabernet Sauvignon und Merlot (aus französischen Klonen) zu jeweils gleichen Teilen zubereitet wurde.

Ziel dieses Weinprojekts war, einen Top-Rotwein zu kreieren, der es mit den bekannten Supertoskanern aufnehmen kann. Der Weg: viel Ausdünnen (vorzeitiges Herausschneiden unreifer Trauben zur Verringerung des Traubenbehangs, was in den übriggebliebenen Trauben mehr Aroma-Konzentration bringt) und intensive Laubarbeit im Weinberg. Trauben nur teilweise entrappt. Das Traubengut nach Rebsorten getrennt vier bis 6 Wochen lang mazerisiert. Vergärung in offenen Bütten, täglich drei bis vier Mal von Hand untergestoßen (Pigeage) und vier bis 6 Wochen auf der Maische liegengelassen. Zwei Jahre Reifung in neuen 500-Liter-Tonneaux aus Pfälzer Eiche und gebrauchten Barriques von Château Margaux, die beim Fasshändler standen.

Meine Notizen: Im Glas dunkel glänzendes Rubinrot mit schwarzem Kern. In der Nase Dörrpflaume, getrocknete Datteln, Sultaninen, Kakaopulver, heller Tabak und ein bisschen Unterholz. Im Mund klarfruchtig und rassig nach Schattenmorelle pur – diese Frische überrascht. Dann Bleistiftspitze, Earl-Grey-Tee, Orangenschale, Thai-Basilikum. Ich spüre mittleren Körper und dennoch ausreichend Kraft – ist also kein dicker Brummer. Am Gaumen dunkle Schokolade und viel Eleganz. Fazit: Das ist Old-Style-Rotwein, der sinnlich auf der Zunge zerfließt.

Ist der Versuch gelungen? Ja. Freude macht auch der Blick auf den Kaufpreis.

Wenn man schon so eine Kapazität wie Prof. Nicolaus Reifart als Gesprächspartner hat, will man natürlich noch mehr wissen.

Herr Professor, Hand aufs Herz: Wie viel Rotwein ist gut für die Pumpe?

Reifart (Pionier in der Behandlung verschlossener Herzkranzgefäße mithilfe sogenannter Stents) zum Captain: „Die Verbindung Resveratrol, die in den Schalen von Rotweinbeeren vorkommt, ist tatsächlich gut, aber der endgültige Beweis durch eine Doppelblindstudie mit Probanden, die regelmäßig Rotwein konsumieren, steht noch aus. Deshalb sage ich als Mediziner nicht: Rotweintrinken ist gut für’s Herz. Aber ich rate auch niemandem vom maßvollen Konsum ab.“

Reifart, der in Ingelheim aufwuchs und heute in Königstein im Taunus lebt, ist regelmäßig im Weinberg und arbeitet mit.

Warum tut sich einer, der im Leben schon alles erreicht hat, so etwas an? „Man braucht Ziele. Ich habe mein Leben lang gerne gearbeitet. Mit 60 begann ich nachzudenken, was nach der Verrentung passieren soll. So kam ich auf die Idee, etwas zu schaffen, das man von mir und diesem Ort nicht erwartet. Dank dieses Projekts vermisse ich die Arbeit im Operationssaal nicht.“

Etwa 2.000 Flaschen der Gundersheimer Höllenbrand Cuvée 2018 wurden abgefüllt. Es gibt eine Madame (Mme.) und einen Monsieur (M.), die in Nuancen leicht unterschiedlich schmecken. Angeblich. Der Captain hat beide probiert und kann das ehrlicherweise nicht bestätigen. In Zukunft und falls noch weitere Jahrgänge so gut gelingen, will man sowieso nur noch einen Wein machen.

Knapp 17 Euro will Reifart für die Flasche. Echt wenig für diesen Wein. Aber um’s Geld geht’s Reifart ohnehin nicht. „Bisher habe ich nur draufgelegt. Das ist mir die Freude an meinem Projekt jedoch wert.“

 

Datum: 8.8.2022
 

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