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Wein aus behinderten Beeren

Schau mir in die Augen, Kleiner: Dr. Martin Tesch.
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Der promovierte Winzer Martin Tesch macht Wein für die "Toten Hosen" und hat auch sonst ein Herz für abweichendes Verhalten. Das manifestiert sich in einem konzentrierten Riesling aus wachstumsgestörten Trauben.
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Menschen werden mit körperlichen, geistigen oder seelischen Schädigungen geboren und die moderne Gesellschaft kommt damit weitgehend klar. Die Stigmatisierung von Menschen, die in Gestalt oder Verhalten von der Norm abweichen, ist dank Gesetzgebung und pädagogischem Wirken tabu. Sogar das Wort „behindert“ wird zunehmend vermieden, weil einige meinen, es würde die Ausgrenzung befördern. Trotzdem benutzt es der Captain in diesem Text, um Klarheit zu erzeugen. Der Gebrauch klärt die Wahrheit der Worte, schreibt Wittgenstein und Campino singt: Wir sind ’ne Laune der Natur. Der verehrungswürdige und leider tote Christoph Schlingensief machte mit behinderten Menschen Unterhaltungs-TV und stellte die interessante Frage, wer in seinen Ausdrucksmöglichkeiten der wirklich Behinderte ist.

Martin Tesch, der für manche so etwas wie ein Kultwinzer ist, macht Ähnliches und erzeugt aus behinderten Beeren Wein, der genial anders und faszinierend schmeckt.

Dieser Wein heißt „Mond“ und entsteht nur in ausgewählten Jahren. Er wird aus sorgfältig gelesenen Beeren gekeltert, denen der halbe Chromosomensatz fehlt und die kleinwüchsig sind. Sie kommen von Trauben, die Opfer der sogenannten Verrieselung wurden, einer Befruchtungsstörung zu Beginn des Rebjahres. Man nennt diese Früchte auch Honigbeeren, weil sie konzentrierter schmecken und keine bitteren Kerne enthalten. Die Ursachen dieser Störung sind vielfältig: Dauerregen, niedere Temperaturen oder plötzliche Hitze, falsche Boden- oder Laubarbeit usw. Selbst die talentiertesten Winzer sind vor Verrieselung nicht gefeit. Sie tritt in fast jedem Weinberg auf. Üblicherweise landen die verrieselten Trauben zwischen den anderen und werden mitverarbeitet. Wenn jemand Wein nur aus solchen Beeren macht, muss er selbst Außenseiter sein.

Martin Tesch, der für die Düsseldorfer Band „Die Toten Hosen“ Weine kreiert, hörte schon als Heranwachsender Punk und zog mit 15 von zu Hause aus. Das ging natürlich nicht gut und die Eltern steckten ihn ins Internat. Zu den Toten Hosen kam er über „Bommerlunder“ und „Ficken! Bumsen! Blasen!“. Tesch: Das waren eben Lieder, die hat man gesungen, um die Lehrer zu ärgern, das hat nicht besonders viel Tiefgang gehabt.

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Menschen werden mit körperlichen, geistigen oder seelischen Schädigungen geboren und die moderne Gesellschaft kommt damit weitgehend klar. Die Stigmatisierung von Menschen, die in Gestalt oder Verhalten von der Norm abweichen, ist dank Gesetzgebung und pädagogischem Wirken tabu. Sogar das Wort „behindert“ wird zunehmend vermieden, weil einige meinen, es würde die Ausgrenzung befördern. Trotzdem benutzt es der Captain in diesem Text, um Klarheit zu erzeugen. Der Gebrauch klärt die Wahrheit der Worte, schreibt Wittgenstein und Campino singt: Wir sind ’ne Laune der Natur. Der verehrungswürdige und leider tote Christoph Schlingensief machte mit behinderten Menschen Unterhaltungs-TV und stellte die interessante Frage, wer in seinen Ausdrucksmöglichkeiten der wirklich Behinderte ist.

Martin Tesch, der für manche so etwas wie ein Kultwinzer ist, macht Ähnliches und erzeugt aus behinderten Beeren Wein, der genial anders und faszinierend schmeckt.

Dieser Wein heißt „Mond“ und entsteht nur in ausgewählten Jahren. Er wird aus sorgfältig gelesenen Beeren gekeltert, denen der halbe Chromosomensatz fehlt und die kleinwüchsig sind. Sie kommen von Trauben, die Opfer der sogenannten Verrieselung wurden, einer Befruchtungsstörung zu Beginn des Rebjahres. Man nennt diese Früchte auch Honigbeeren, weil sie konzentrierter schmecken und keine bitteren Kerne enthalten. Die Ursachen dieser Störung sind vielfältig: Dauerregen, niedere Temperaturen oder plötzliche Hitze, falsche Boden- oder Laubarbeit usw. Selbst die talentiertesten Winzer sind vor Verrieselung nicht gefeit. Sie tritt in fast jedem Weinberg auf. Üblicherweise landen die verrieselten Trauben zwischen den anderen und werden mitverarbeitet. Wenn jemand Wein nur aus solchen Beeren macht, muss er selbst Außenseiter sein.

Martin Tesch, der für die Düsseldorfer Band „Die Toten Hosen“ Weine kreiert, hörte schon als Heranwachsender Punk und zog mit 15 von zu Hause aus. Das ging natürlich nicht gut und die Eltern steckten ihn ins Internat. Zu den Toten Hosen kam er über „Bommerlunder“ und „Ficken! Bumsen! Blasen!“. Tesch: Das waren eben Lieder, die hat man gesungen, um die Lehrer zu ärgern, das hat nicht besonders viel Tiefgang gehabt.

Tesch, der irgendwie dann doch die Schule packte und dabei einen ausgeprägten Bildungshunger entwickelte, studierte Mikrobiologie, promovierte und landete in der Forschung. Dort hielt es ihn jedoch nicht lange. Tesch schmiss hin, kam wieder nach Hause und ergriff den Beruf des Winzers: Ich hab mich dafür entschieden, weil ich in meinem anderen Beruf absolut karriereuntauglich war. Ich war nicht diplomatisch genug, konnte keine Seilschaften bilden und so.

In einem lesenswerten → Langstrecken-Interview, das 2011 auf der Fan-Seite der Toten Hosen erschien, sagt Tesch über das Winzersein:

Wein machen, so wie wir das tun, ist ein sehr vielfältiger Beruf. Wir fangen an mit einen Berg Dreck, der nennt sich Weinberg, ein Hügel. Da werden dann Pflanzen drauf gepflanzt in Dauerkultur, die werden über 30, 40, 50 Jahre lang gepflegt. Das hat also im Sommer eine ganz starke landwirtschaftliche, gärtnerische Komponente. Irgendwann werden die Trauben geerntet, gepresst und dann ist man ja im Prinzip mit der Veredlung beschäftigt. Ab dann arbeitet man im Prinzip ähnlich wie ein Koch. Man hat ein geschmackliches Ziel und versucht das zu realisieren. Wenn man den Wein fertig hat, muss man ihn noch verkaufen. Das sind also mehrere extrem unterschiedliche Dinge, die man zusammenbringt. Das macht eigentlich auch den Reiz daran aus. Es gibt heute in unserem zivilisierten Land fast keine Berufe mehr, wo man von der Pflanze bis zum Endprodukt alles in einer Hand hat.

So viel Winzer-Klartext hört man selten. Tesch gilt als konsequenter Trockenweinmacher. Das ist heute nichts Besonderes mehr. Aber damals, als es losging, galt die Vermeidung von Süße als Kulturbruch. In einem mit unsäglichem Gitarrengezupfe unterlegten Video (wie kann man das als Hosen-Fan nur zulassen?) erzählt Martin Tesch aus der Zeit des Aufbruchs:

Zurück zum Mondwein aus kleinwüchsigen Beeren, die – wie oben erwähnt – kernlos reifen. Das ist ein großer Vorteil, denn in den Beerenkernen schlummert ein Großteil jener Bitterstoffe, welche die Weinbereitung zu einer anspruchsvollen Aufgabe machen. Je länger die Maischestandzeit dauert, in der Farbstoffe, Tannine und phenolische Substanzen in den Wein übergehen, desto extraktreicher aber auch bitterer wird er. Fallen die Kerne mit ihrer Gerbstoffpower weg und landen keine Stiele in der Maische, sind die Hauptursachen für Bitterkeit schon mal beseitigt und der Traubenmost kann sich gemütlich mit Aromen vollsaugen. Das Ergebnis: Hammer-Extraktion und ein Wein von atemberaubender Dichte und Komplexität, der gar nicht mal so teuer ist: 9,90 Euro für die Halbflasche und 20 Euro für die ganze Buddel. Im Glas goldgelb. Es duftet phenolisch wie Plastikspielzeug, das in der Sonne lag, dann Stachelbeere, Aprikose und ein bisschen rauchig wie eben benutztes Feuerzeug. Im Mund ein Schwall exotischer Früchte: Grapefruit, Maracuja, Ananas und viel Limette. Auch hier unverkennbar würzige Feuerstein-Mineralik und straffe Säure. Ungeheuer konzentriert! Man muss aufpassen, dass man nicht zu viel von diesem Wein ins Maul gießt, denn die Geschmacksnerven sind schnell überfordert. Für große Sprünge reicht die Halbflasche sowieso nicht. Also besser in kleinen Dosen genießen.

Wo Mond ist, da kreist auch irgendwo eine Sonne, sagt die Astronomie. Und im Universum Tesch ist diese Sonne ein edelsüßer Wein, also das maximale Gegenstück zum „Mond“ und obendrein viel leichter. Während „Mond“ mit 12 Volumenprozent Alkohol daherkommt, glüht „Sonne“ bei 5,5 Watt.

So wie „Mond“ wird auch „Sonne“ nicht in jedem Jahr erzeugt, sondern nur, wenn’s gerade geht. Wie passt Süßwein zu einem Winzer, der sich als Trockenexperte abfeiern lässt? Natürlich nicht, na und? Für jeden Querkopf ein Gummigeschoss, singen die Hosen in → „1000 gute Gründe“. Dieser Botrytis-Wein diente ursprünglich dem Privatvergnügen, das man sich gönnte, wenn in der Familie ein neuer Mensch zur Welt kam. 2018 war dann aber so ertragreich und die Lese ungestört, dass Tesch Lust verspürte, das wegen aufwendiger Handselektion zeitraubende Projekt auszuweiten. Der „Sonne“ kommt von Rebstöcken, die zwischen 1949 und 1969 gepflanzt wurden und ist ab sofort käuflich zu erwerben.

Dass Süßwein in Deutschland ein Nischendasein fristet, kümmert den Winzer wenig. Er setzt auf Kreise abseits der Weinszene und ihrer behäbigen Vorlieben. Tesch: In der neugierigen Foodieszene hat Süßwein großes Potenzial. Die tragen auch die Naturweinwelle und verstehen sofort, dass dieser Wein nicht nur zu Süßigkeiten, sondern auch zu gereiftem Käse passt. Wir hängen uns an Käsepräsentationen dran und es funktioniert. Auch in Kalifornien, Litauen und Israel.

 


Datum: 2.12.2019
 

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