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Weedenborn: so geht Sauvignon Blanc

Winzerin Gesine Roll.
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Der Captain trank einfachen Basiswein von Gesine Roll und konnte gar nicht glauben, was für ein perfektes Getränk er da im Glas vorfand.
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Manchmal schnallt der Captain auch gar nichts.Als er im Spätsommer 2020 zu einer piekfeinen Antikweinverkostung bei Robert Weil eingeladen war, wurde er von einer freundlich und zugleich sehr bestimmt auftretenden Dame empfangen. Aha, die Protokollchefin, dachte der Captain. Passt ja zu so einem Weltklasse-Weingut, das herausgeputzt dasteht wie ein Nobelhotel.

Als später beim Bankett diese Protokollchefin neben dem Gastgeber Platz nahm, wunderte sich der Captain (der gegenüber saß) ein bisschen und fragte zaghaft: Und was machen Sie hier?

Ratlose Blicke von vorne, hämisches Grinsen von links und rechts, wo die anderen Verkoster saßen. Bis Weinguts-Chef Wilhelm Weil die Stille durchbrach: Wir sind zusammen.

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Herrjeh. Da hockte der Captain jahrelang bei BUNTE und GALA in gehobenen Positionen und dann das. Wie kann man sich so blamieren? Naja, ist halt schon sehr lange her.

Irgendwer – wahrscheinlich einer der Herren (Frauen gibt’s in der deutschen Weinpresse leider kaum), die links und rechts vom Captain an der langen Tafel saßen – schrieb der Winzerin Gesine Roll mal den schönen Titel KÖNIGIN DES SAUVIGNON BLANC an den Leib. Dann sitzt diese Frau direkt vor ihm und der Captain merkt nix. Nachher, als die ehrfurchtgebietenden Riesling-Raritäten wegprobiert waren und alle locker herumstanden und quatschten, holte Frau Roll ihre eigenen Flaschen raus und schenkte ein. Weine von der Basis bis zur Spitze ihres eigenen Weinguts, das genau 62 Kilometer entfernt vom prächtigen Robert-Weil-Ensemble drüben in Rheinhessen steht.

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Früher blickte man vom Rheingau herab auf die sanften Wein-Äcker Rheinhessens, wo vornehmlich für den Massenkonsum produziert wurde und immer noch wird. Seit der Jahrtausendwende jedoch hat sich dort was getan. Unter anderem, weil Erzeuger wie Gesine Roll mit großem Ehrgeiz Getränke herstellen, die staunen lassen.

So ein Getränk ist der ganz normale Sauvignon Blanc von Weedenborn (so heißt das Weingut von Gesine), der ein bisschen im Schatten anderer (und viel teurerer) Weine steht, für die Roll von Weintestern abgefeiert wird. Aber weil dieser Sauvignon Blanc (der einfach nur Sauvignon Blanc heißt, was marketingmäßig ein bisschen matt wirkt) der absolute und ungläubig machende Preis-Leistungs-Bringer ist, empfehle ich ihn jetzt. Diese kerzengerade Präzision, Frische und formvollendete Klarheit ohne in die Obst-Abteilung abzugleiten, ist für seinen U-10-Preis eine totale Seltenheit, die beim Trinken einfach nur zufrieden macht.

2008 stieg Gesine ins elterliche Weingut ein und benötigte nach eigenem Bekunden 8 Jahre, um eine önologische Handschrift zu finden, die ihr selbst gefällt.

Sauvignon Blanc ist in Deutschland erst seit 2001 (!) zugelassen. Davor durfte man nur im Rahmen des sogenannten „Versuchsanbaus“ damit hantieren. Gesines Vater war einer der Experimentierfreudigen, die sich an der Sorte versuchten und deshalb verfügt sie heute über eine erhebliche Fläche davon. Will man interessante Säfte aus dieser Traube machen, muss man ziemlich akribisch und vor allem pünktlich arbeiten.

Das Zeitfenster für die Lese ist höchstens 48 Stunden offen, sagt Gesine, sonst gerät der Wein entweder zu grasig oder zu breit. Im Keller wirkt Sauerstoff wie ein Killer auf die Aromatik im Most, weshalb man ihn mit Kohlenstoffdioxid (C02) schützen muss, bis er im geschlossenen Tank zu gären beginnt. Roll: Sonst passiert dasselbe wie bei aufgeschnittenem Apfel, den man vergessen hat. Nach kurzer Zeit schmeckt er nach nichts.

Ob es von Vorteil sei, wenn man mit jemandem wie Wilhelm Weil zusammen ist, der leichtfüßig übers Parkett des globalen Weinmarkts tanzt und Kontakte in höchste Händlerkreise unterhält? Ja, so etwas fragt der Captain auch. Ist das schon Majestätsbeleidigung?

Wir sind erst seit 2016 ein Paar. Ich habe schon vorher was zusammengebracht, pariert Roll trocken und das passt wunderbar zu diesem hinreißenden Mittagswein, den du einfach probieren musst: In der Nase unglaublich reine Noten von Zitronenabrieb, sonst nichts. Das aber in einer berührenden Intensität. Im Mund Pomelo-Frucht, die so klar schmeckt wie ein Glockenspiel klingt. Es zeichnet sich ab, dass dieser Wein keiner großen Worte zur Beschreibung bedarf. Ich schmecke Konzentration, zitrige Pikanz, saftige Fruchtnoten und den leichten Schmelz erkalteten Marks von gelben Früchten. Toller und kerzengerade-kompromissloser Wein, dessen edle Einfalt und stille Größe (Copyright: Winckelmann) enormer Winzerkunst bedarf.

 

Datum: 13.4.2021
 

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