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Was muss guter Wein kosten?

Ist der sein Geld wert?
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Schwieriges Thema, aber eine Antwort ist möglich: knapp 11 Euro. Damit ist der Winzer fair bezahlt. Weinreporter Matthias Stelzig erklärt diese Zahl.
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Wie viel muss man eigentlich auf den Tisch legen, wenn man einen korrekten Wein haben will, der nicht zu viel kostet und den Winzer trotzdem zufrieden macht? Es war nicht einfach, das herauszufinden.

Die Antwort ist gaaanz schwierig, sagen alle. Dabei müssten Profis sie kennen.

Ich war auf der Suche nach dieser Zahl und habe alle ausgequetscht: Winzer, Händler, Berater und noch ein paar Menschen, die mit Wein Geld verdienen. Viel mehr als Floskeln kam dabei nicht raus. Beispiel: Der Ausdruck des Terroirs im Wein ist unbezahlbar.

Gähn.

Fazit: Ich musste mir die Antwort mühsam erarbeiten.

Zunächst die Rahmenbedingungen. Es geht nicht um den Lieblingswein des verkannten Nebbiolo-Amphoren-Spezis in Bolivien. Es geht um trockenen Wein von einem uneitlen Winzer, der seine Trauben auf zugänglichen Flächen anbaut, nur auf Qualität setzt und kein Geld mit abgedrehten Vorlieben verbrennt. Dafür soll er einen fairen Preis bekommen. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.

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Die meisten Weine, die man für Geld kaufen kann, sind nicht sehr aufregend, aber weitgehend fehlerfrei. Die gestiegene Qualität der Winzer-Ausbildung an diversen Hochschulen und der technologische Fortschritt im Keller sind die Gründe.

[Rotweine sind in der Herstellung teurer. Sie bringen im Weinberg weniger Ertrag und kosten mehr in der Produktion. Deshalb konzentriere ich mich auf Weißwein.]

Als Anbauland nehmen wir – tadaa! – Deutschland. Nicht dass es woanders keine Weißweine gäbe. Aber Deutschland ist Weißweinland und nicht teuer im Vergleich zu renommierteren Regionen wie Österreich, Elsass, Chablis oder Kalifornien.

Doch auch in Deutschland sind die Bedingungen nicht überall gleich und verursachen unterschiedliche Kosten. Flache Weingärten, mildes Klima mit viel Sonne und wenig Regen machen es den Winzern leichter.

Viel Regen (Mosel, Württemberg) zieht Fäulnis und andere Miesepeter an, die dann behandelt werden müssen. Spritzmittel sind teuer und machen viel Arbeit.

Wachsen die Reben in begehrten Steillagen (Mosel, Nahe, Ahr und ein bisschen Württemberg), machen sie umso mehr Mühe.

Weinberge sind oft steiler, als man glaubt. Die Kletterei geht nicht nur in die Waden, sondern auch ins Geld. Der Arbeitsaufwand ist beträchtlich. In Zahlen können das 1.200 Stunden pro Hektar im Jahr sein. Macht 150 Arbeitstage. Pro Hektar (100 x 100 Meter = 10.000m²) wohlgemerkt.

Zum Vergleich: Ein Beamter im Katasteramt von Wolfenbüttel hat nach etwa 200 Arbeitstagen sein Jahressoll erfüllt.

Von Hagel, Starkregen und sonstigen Klimakatastrophen sehen wir mal ab. Die treffen erstens jeden Landwirt und sind zweitens statistisch (noch) relativ selten. Auch wenn der Eindruck anders ist.

Das Weingut ist stolzer Familienbesitz, wie viele hierzulande, und der Winzer muss für den Kauf keine Kredite mehr abzahlen. Steuern fallen trotzdem an. Auch bepflanzt sich ein Weinberg nicht selbst. Einzelne Stöcke und Flächen müssen immer mal wieder nachgepflanzt werden. Oft sind Teile der Anbaufläche gepachtet. Beides kostet.

Apropos Winzer: Natürlich sind hier auch Winzerinnen gemeint, also weibliche Weinmachende. Wegen der Lesbarkeit bleibe ich bei Winzer.

Das Weingut ist etwa 15 Hektar groß. Das ist in Deutschland schon ganz nett. Mehr wäre schön. Posten wie Maschinenabnutzung und Kellereinrichtung rechnen sich dann besser, obwohl sie in der Anschaffung teuer sind.

Größere Betriebe arbeiten oft preiswerter. Unter anderem lasten sie ihre Arbeitskräfte besser aus.

Kleine Betriebe kaufen in der Regel keine Trauben zu, was bei den Großen die Kosten weiter senkt und den Gewinn steigert.

Unser Modell-Winzer praktiziert in der Pfalz. Da ist es schön warm und die Lagen sind nicht so steil. Das ist aus oben genannten Gründen schon mal günstig, weil er weniger Stunden mit Feldarbeit verbringt, etwa 500 an der Zahl.

Dazu brauchen der Winzer Maschinen wie zum Beispiel einen Trecker, mit dem man die schwere Arbeit erledigt. Egal ob Bio oder nicht – ein paar Spritzmittel fallen übers Jahr auch noch an.

Die Trauben werden natürlich von Hand gelesen, Ehrensache. Schließlich sprechen wir über einen richtig guten Tropfen.

Sobald der Winzer die Trauben im Keller hat, sind etwa 14.000 Euro angefallen. Macht umgerechnet 2,10 Euro pro Flasche. Für den ganzen Aufwand ist das nicht viel.

Pro Hektar hat er moderate 50 Hektoliter geerntet. Der Ertrag ist das A und O des Qualitätsweins. Nur wer sich dabei zurückhält, bekommt einen guten Tropfen. Dummerweise treibt das die Kosten pro Flasche in die Höhe.

Und es warten noch ein paar größere Posten. Der Keller des Winzers ist kein romantisches Verlies, in dem die Fläschchen in vergessenen Stollen malerisch vor sich hinreifen. Vinifikation ist Präzisionsarbeit. Dazu braucht es erstklassige Gerätschaften. Die Presse ist ein Hi-Tech-Gerät, das nicht zu viel und nicht zu wenig ausquetscht und ein Vermögen kostet.

Blitzsaubere Tanks aus Edelstahl sind das Material der Wahl, vielleicht auch ein paar gut gepflegte große Fässer. Dazu kommen noch etliche Kleinteile wie Pumpen, Filter, Schläuche etc.

Schnell kommt so eine halbe Million an Maschinenkosten zusammen, die unser Winzer nicht unter der Matratze hatte. Zinsen zahlen, Nutzungsdauer berechnen usw. – das sind die wenig glamourösen Schattenseiten dieses Berufs.

Alles in allem kostet der Spaß im Keller 1,50 Euro pro Flasche, natürlich ohne Schnickschnack wie etwa Barrique-Ausbau.

So ein kleines Eichenfass mit 225 Liter Fassungsvermögen schlägt mit 750 bis 1.000 Euro zu Buche, je nach Hersteller. Meistens werden sie dreimal benutzt.

Außerdem muss man warten, bis der Wein fertig gereift ist – ob im Stahltank oder im Holzfass. Kaufmännisch gesehen kostet Lagerzeit einfach nur Geld. Im Holzfass verdunstet dabei auch noch ein kleiner Teil des Weins. So kommen etwa 1,20 Euro pro Flasche zusammen.

Ganz Schlaue kaufen sich deshalb Eichenholzschnipsel und schütten sie in den Weintank. Kostet zwei Cent pro Pulle. Es gibt auch Eichenholzpulver. Das kostet fast nichts. Aber damit haben unser Winzer nichts am Hut.

Ist der Wein fertig, muss er in eine Flasche abgefüllt werden. Da gibt es verschiedene Ausführungen. Einfache Buddeln für den schnellen Liter oder edle Schwergewichte mit Reliefs und Schnörkeln, wie man sie in Württemberg noch findet. Das kann den Preis weit über einen Euro hochtreiben. Für 60 Cent gibt es ein ordentliches Modell.

Auch beim Verschluss hat man die Wahl zwischen billigen Plastikstöpsel und langem Edelkorken, der schon mal einen Euro kosten kann. Unser Winzer ist aber klever. Ein Schraubverschluss ist preiswert. Die aufgehübschten Stelvin-Modelle mit der langen Kapsel sehen gut aus, halten über viele Jahre verlässlich dicht und verursachen ganz sicher keinen Korkgeschmack. Macht gerade mal 10 Cent. Ins Etikett investiert er noch mal 20 Cent.

Um den Wein vom Tank in die Flasche zu kriegen, braucht man eine Abfüllanlage, die längst nicht jeder Winzer hat, weil sich die Anschaffung nur für große Mengen lohnt. Aber das macht nichts. Es gibt mobile Abfüller, die mit dem Lkw auf den Hof rollen und die Sache vor Ort erledigen. Auf der Ladefläche ist die Technik installiert. Kostenseitig ist der Unterschied nicht riesig, beides kommt auf circa 20 Cent pro Flasche. Der eine zahlt sie dem sogenannten Lohnabfüller, der andere tilgt damit Kredite für die eigene Anlage.

Damit kommen für diesen Part 1,10 Euro zusammen. Gar nicht mal so wenig, wenn man bedenkt, dass wohl kaum ein Kunde die Kosten auf der Rechnung hat.

Aber der Hammer kommt erst noch. Weil ihn nämlich viele Winzer selbst gar nicht auf dem Schirm haben: das Marketing.

Das feine Weinchen verkauft sich nämlich nicht von alleine. Etikett und Logo entwerfen, Website und – hoffentlich – Webshop einrichten und pflegen sind notwendige Standards.

Dann muss jeder Winzer noch Kunden finden, egal ob Endverbraucher, Fachhändler, den Kneipenwirt im Nachbarort oder den Hotelier in Hongkong.

Dazu muss man sich ein bisschen aus dem Fenster lehnen. Das tun viele ungern und hoffen, es reicht, wenn sie immer schön auf die Reben aufpassen und einmal in Jahr ein Fax an die Kundschaft versenden. So wie es jahrzehntelang ausreichte. Diese schönen Zeiten sind allerdings vorbei.

Der Winzer nimmt an Weinproben und Messen teil, stellt den aktuellen Jahrgang regelmäßig möglichst vielen Händlern, Kunden und am besten auch ein paar Journalisten vor. Die kaufen den Wein oder empfehlen ihn weiter.

So kommen zackzack 50.000 Euro zusammen. Es kann auch deutlich mehr werden. Kleine Winzer sind dabei wieder im Nachteil. Umgerechnet auf wenige Flaschen, entfällt auf jede einzelne ein größerer Kostenanteil fürs Marketing.

Genau diesen Aufwand haben viele nicht auf dem Schirm. Sie verkaufen am Ende zu billig oder gar nicht, weil sie keine Käufer finden.

Mein Winzer weiß aber, was wichtig ist, und hat sich dran gewöhnt. Rumreisen, gute Miene machen, immer wieder die gleichen Fragen beantworten, die öfter mal nerven. Das gehört dazu.

1,70 Euro rechnet er am Ende noch für das Marketing in den Flaschenpreis ein. So viel muss sein. Damit ist er bei 6,70 Euro und endlich auch ganz bei sich: 30 bis 40 Prozent Gewinn packt er für sich oben drauf. Tut er das nicht, wird er nicht lange gute Weine machen.

Plus Mehrwertsteuer kann er jetzt für 10,10 Euro ihre Flaschen einpacken und verkaufen. Natürlich gibt es auch gute Weine für weniger Geld. Aber dann muss man Kompromisse eingehen. Das ist jedoch eine andere Geschichte, die ich demnächst schreibe.

Bild: Canstockphoto

 

Datum: 23.10.2021 (Update 6.11.2021)
 

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