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Was von Racknitz blieb

Ex-Winzer Matthias Adams.
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Die cremigen Rieslinge des Weinguts von Racknitz galten als Kult. Doch nach 11 Jahren war alles vorbei.

Das Ende kam, als die Liebe ging. Man muss lange auf so einen ersten Satz warten, wenn man über Weine schreibt. Die Rede ist von der Liebe zwischen der Winzertochter Luise Freifrau von Racknitz und dem Finanzfachmann Matthias Adams, die zerbrach und das Weingut von Racknitz mit sich in den Untergang riss.

Es ist nichts mehr übrig. Weinberge und Geräte verkauft, die übrigen Flaschen in alle Winde verstreut. Vereinzelt findet man sie noch bei Händlern und auf Getränkekarten von Gourmettempeln.

Die Rieslinge von Matthias Adams, der als Finanzvorstand eines Technologiekonzerns ausstieg, um sich ganz dem Weinmachen zu widmen, galten als genial und disruptiv, weil sie die Rebsorte neu definierten. Mit cremigem Schmelz und aufregender Mineralität. In alten Weinführern kann man die Lobeshymnen nachlesen. Von Racknitz, das war die Spitze der deutschen Riesling-Avantgarde.

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Wer die Geschichte vom Aufstieg und Fall des Weinguts von Racknitz in allen Details kennen will, lauscht am besten dem Gespräch des Captain mit Matthias Adams:

Wer Glück hat, findet auf Weinkarten oder bei Händlern noch Restbestände des Weinguts. Im Sommer 2019 schnürte der Captain für seine Leser ein Racknitz-Paket aus solchen übriggebliebenen Flaschen. Jetzt ist alles weg und zurück bleibt die Erinnerung.

Riesling Traiser Rotenfels trocken 2011 von vulkanischem Verwitterungsboden mit Anteilen von Lehm. Die Stöcke dieses intensiven und kraftvollen Edel-Rieslings wurden wohl schon vor 1939 gepflanzt. In der Nase verhalten, kühl und kräutrig. Im Mund enorm dicht und würzig. Ein Wein, so fein und rätselhaft wie Nano-Technologie:

Riesling Traiser Rotenfels trocken 2006, eine noch ältere Rarität desselben Weins:

Riesling Schlossböckelheimer Königsfels trocken 2011 aus der ehemals berühmtesten Lage der Nahe. Der Königsfels ist ein extrem steiler und warmer Hang mit Porphyr-Gestein. Hier schmilzt zum Ende des Winters der Schnee als erstes. Die Stöcke sind 20 bis 40 Jahre alt. Im Mund Viskosität, enorme Kräutrigkeit: Stachelbeere, Rauch, Salz, Bitterstoffe, ein Pils, das 10 Minuten unberührt am Tresen stand. Großartig und sperrig zugleich.

Riesling Niederhäuser Klamm trocken 2012. Die Klamm wirkt wie ein Parabolspiegel aus Vulkangestein, der die Sonnenwärme einsammelt. Die Rebstöcke sind bis zu 60 Jahre alt. Von diesem Wein wurden nur 1.500 Flaschen abgefüllt:

Riesling Auslese Niederhäuser Klamm 2011. Großartiger Süßwein! 2011 herrschte extreme Hitze, die Trauben trockneten am Stock ein und wurden bei 140 Grad Öchsle früh gelesen, später im Tank die Gärung gestoppt. In der Nase balsamisch, glasklar und ölig im Mund. Am Gaumen weißer Pfeffer, Honig, gelber Apfel, Marille, weiße Johannisbeeren, Salz.

Riesling Oberhäuser Kieselberg feinherb 2012 von bis zu 60 Jahre alte Reben. Edel-Riesling, dessen feine Süße knapp über der Trockengrenze liegt. Rauchigkeit und Süße, die kein bisschen kitschig wirkt. Auf die Zunge leicht öliger Schmelz, Baklava-Gebäck vom Türken, Pistazienkerne, Grapefruit, Mandarine und Sternfrucht.

Adams beendete seine erfolgreiche Karriere als Zahlenmensch, weil ihn sein Beruf nicht erfüllte. Und erfand sich als Winzer neu, der mit vielem, was üblich ist, radikal brach. Das ist der Vorteil, wenn man keine Vorgeschichte hat.

2003 wurde der in Berlin lebende Weinfan von einem Freund als Sanierer an die Familie von Racknitz vermittelt, verliebte sich in die Tochter des Hauses und stellte fest, das kaum mehr was zu retten ist. Außer man wagt den kompletten Neuanfang. Durch kluges Verhandeln mit den Banken befreite Adams den Massenwein-Betrieb von seinen erdrückenden Schulden, stieg ein und formte ein komplett neues Weingut. Durch Zukäufe von Premiumlagen und einen völlig eigenständigen Stil des Weinmachens. Einen „burgundischen Riesling-Typ“, nennt das Adams. Sinnlicher, weicher, weniger primärfruchtig. Weine mit Substanz, die ihre Herkunft vermitteln. Von Racknitz-Weine schmecken, als wären sie in Holz gelegen. Sind sie aber keine Sekunde lang. Wer sie trinkt, erfährt, was mit dieser Traube alles möglich ist.

Die Nahe hat kein klares Geschmacksprofil. Bei den besten Weinen lässt sich am ehesten eine gewisse gebietstypische Mineralik ausmachen. Das ist dann schon alles. Man muss sich von Betrieb zu Betrieb durchtrinken, um der Nahe näher zu kommen. Und fängt am besten ganz oben an: Dönnhoff, Emrich-Schönleber, Schäfer-Fröhlich, Diel, Hermannsberg, Korrell, Schneider. Es gibt rund 50 verschiedene Bodenformationen mit Schiefer, Vulkangestein, Kiesel.

Rasch schloss Adams zur Spitze der Nahe auf. Er ist kein ausgebildeter Winzer, las sich ein und lernte, indem er Experten befragte. Und er investierte viel Arbeit und Geld. Eine 7-stellige Summe sei es gewesen, sagt er. Deutschlans bekanntester Weinkritiker Stuart Pigott kommentiert das Wirken seines Freundes Adams: Es ist ein Jammer, das diese Weine nicht mehr gemacht werden und die Weinberge verkauft sind. Matthias hat im deutschen Premiumsegment etwas ganz Neues gewagt.

Würde Adams nochmal Zeit und Kapital in ein Prestige-Weingut investieren? Der Ex-Winzer überlegt nicht lang: Ja, in Sachsen oder Sachsen-Anhalt. Die Gebiete kommen ganz gewaltig. Leider sind dort kaum Rebflächen zu haben. Der Osten ist aufgeteilt.

 

Datum: 1.10.2020
 

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