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Louis Guntrum: der Pinkler von Nierstein

Weingut Louis Guntrum mit Rheinfähre.
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Ein Premiumwinzer aus Rheinhessen kann auch köstlichen Alltagswein. Eine Kategorie, die von solchen Herstellern meist zu teuer verkauft und fast immer lieblos zubereitet wird.
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Der Captain trinkt sehr guten Alltagswein von einem Winzer, dessen Familie seit fast 400 Jahren in Wein macht. Oft, wenn er so etwas liest oder eingeflüstert bekommt, macht sich der Captain lustig, was gemein, aber manchmal nötig ist. Denn Tradition macht keinen guten Wein.Der muss nämlich jedes Jahr aufs Neue den Elementen abgetrotzt werden.

Bei Winzer Konstantin Guntrum aus Nierstein war es jetzt wieder soweit. Der Captain holte Luft, um einen frechen Spruch loszulassen, da kam ihm der Stammhalter des Hauses Guntrum zuvor: Wissen Sie, meiner Frau und mir hängt dieses Historiengesülze echt schon zum Hals raus. Es passiert nicht oft, dass der Captain ein paar Schweigesekunden einlegen muss. Hier sind sie:

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Geschichte abgehakt. Teilweise jedenfalls. Denn auf eine historische Episode im Zusammenhang mit dem Hause Guntrum möchte der Captain noch eingehen, bevor er zum Wein kommt. Sie ereignete sich in unmittelbarer Nähe des Weinguts, hätte aber auch irgendwo sonst passieren können. Das ist der Vorteil, wenn man viele Jahrhunderte auf einem Fleck sitzt. Irgendwann kommt ganz sicher ein Stück Weltgeschichte vorbei.

Es begab sich nämlich, dass der legendäre Panzergeneral George S. Patton, Bezwinger von Rommel in Afrika, Eroberer von Sizilien und Sieger der Ardennenschlacht, im März 1945 das Rheinufer erreichte und eine Stelle fand, wo er mittels einer schwimmenden Brücke mit seinen Truppen den Fluss zu überqueren trachtete. Das war bei Nierstein.

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So requirierte Patton für ein paar Tage das Weingut Louis Guntrum und quartierte sich in der Familienvilla ein. Die Familie darin ließ er natürlich vorher entfernen.

Das Ereignis verdient deshalb ein bisschen Aufmerksamkeit, weil dann etwas geschah, was als Musterbeispiel archaischen Imponiergehabes gilt. Patton holte mitten am Rhein seinen Pimmel raus und pieselte in den mythischen Strom der Germanen. Die Szene wurde sogar fotografiert:


Geschichte: US-General George S. Patton (1885–1945) überquerte am 22. und 23. März 1945 mit seiner 3. Armee auf einer Pontonbrücke den Rhein. In der Mitte des Flusses hält er an, um im Beisein seiner Soldaten in überlegener Siegerpose in den Rhein zu urinieren. Auf dem rechten Rheinufer angekommen greift er mit beiden Händen in die Erde, um so – wie Wilhelm der Eroberer – symbolisch vom rechten Rheinufer Besitz zu ergreifen. Patton schreibt dazu in seinem Tagebuch: I drove to the Rhine River and went across on the pontoon bridge. I stopped in the middle to take a piss and then picked up some dirt on the far side in emulation of William the Conqueror. Auf dem später vor allem unter amerikanischen Veteranen kursierenden Foto Pattons wurde in der offiziellen Version des amerikanischen Verteidigungsministeriums der Urinstrahl retuschiert. Deshalb sieht man auf dem Bild oben: nichts.

Jetzt unfallfrei den Spannungsboden zu einer Flasche Weißwein zu finden, ist eine Herausforderung, auf die der Captain besser verzichtet. Deshalb rascher Themenwechsel.

Konstantin Guntrum kommt zwar aus einer langen Linie von Weinmenschen, ist aber alles andere als der klassische Erbe. Nach einem Zerwürfnis mit dem Vater stand er ohne Betrieb da. Das, was heute Louis Guntrum ausmacht, musste Konstantin mühsam zusammenkaufen (vom Vater und vom Onkel) und von vorne beginnen. Die Details des familiären Zwists kennt der Captain nicht genau und über dem, was er weiß, legt er eine Decke des Schweigens.

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Ein bisschen triumphierend kommentiert Konstantin: Die Weine, die heute am Tisch stehen, sind qualitativ meilenweit von denen entfernt, die mein Vater machte.

Das lässt der Captain so stehen und gießt sich ein Glas Wein ein, und zwar den Weißburgunder trocken von Louis Guntrum, der ganz wenig kostet (was erstmal nichts bedeutet) und großartig schmeckt (was sehr viel bedeutet), sodass der Captain hier darüber schreibt, weil dieser Wein großes Glück für kleines Geld spendet: Im Glas mittleres Gelb mit silbrigen Reflexen. In der Nase zartfruchtig nach Grapefruit und leicht schmelzig. Im Mund fruchtig, weich wie eine Kaschmirdecke und ein bisschen süßlich. Ich schmecke grüne Banane, gelben Apfel, junge Ananas. Das ist der totale Antiwein für Freaks, die immer nach dem nächsten Kick streben. Eher ein Getränk für die demografische Mitte und deshalb auch interessant: sanft, saftig, mild und ohne auch nur in die Nähe von Pappigkeit zu kommen. Bestell diesen Wein heimlich, ohne dass deine Freunde mit Weinkühlschrank es merken und dich dafür auslachen. Du wirst ihn lieben. Versprochen!

Diese Art Wein sucht kein fanatischer Weinsammler, aber Millionen Weingenießer, die genau SOLCHE WEINE viel zu selten finden. Voilá, hier ist einer.

Greif zu, wenn du einen köstlichen Alltagswein im Keller haben willst, der dich niemals enttäuscht. Natürlich hat Konstantin auch Weine auf Lager, die anspruchsvolle Weinfreaks in den Keller legen. Vielleicht komme ich ein anderes Mal darauf zu sprechen.

 

Datum: 9.5.2021