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Lammershoek: Beckenbauer ist raus

Andreas Abold, Winzer in Südafrika.
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Der Captain telefonierte mit Südafrika um zu erfahren, wie es dem Weinbau dort geht. Quereinsteiger Andreas Abold aus Deutschland, der gemeinsam mit Franz Beckenbauer und einem dritten Partner das Weingut Lammershoek übernahm, erzählt.
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Zunachst der Promi-Klatsch, bevor ich zu den wirklich wichtigen Themen komme: Franz Beckenbauer ist raus. Der Kaiser gab seine Anteile ab. 2013 kauften Beckenbauer, Sportfunktionär Fedor Radmann (ebenfalls aus der Skandalberichterstattung bekannt) und Marketingmanager Andreas Abold das heruntergewirtschaftete Weingut Lammershoek. Jetzt sind nur noch Abold und Radmann übrig.

Wie kam es dazu, dass drei Deutsche aus dem Fußballmilieu Winzer in Afrika wurden?

Abold hatte sich im Zusammenhang mit der Fußball-WM 2010 lange in Südafrika aufgehalten. Er und Ehefrau Sonja verliebten sich in das Land und beschlossen zu bleiben und ein bisschen Wein zu machen. Es blieb nicht beim bisschen. Die beiden stolperten auf ihrer Suche buchstäblich über Lammershoek, das mit seinen 180 Hektar (davon 80 Hektar Rebland) alles andere als klein ist. Und trotz akuter wirtschaftlicher Probleme kein Schnäppchen war.

Der Captain blickt ein Jahr zurück: Januar 2019, es ist Hochsommer in Südafrika. Ich sitze mit Andreas Abold auf der Veranda von Lammershoek. Die Lese ist im Gang. Angenehm kühlt der Wind. Unser Blick schweift kilometerweit übers Land, das sich als gewaltige Kulisse auftut. Weiter unten in einer windgeschützten Senke befinden sich die Häuser der Arbeiterfamilien, die auf Lammershoek seit Generationen leben, arbeiten und sterben. Die schmucke weiße Siedlung ist ein idyllischer Anblick, der manche Tragödie verschleiert. Abold:

Als wir den Betrieb kauften, dachten wir noch, wir setzen uns mit den Zigarren auf eine Bank und sehen zu, wie sich das Weingut erholt. Das war ein gewaltiger Irrtum.

Es war ein idyllischer Besuch, als der Captain auf Lammershoek weilte und viel Zeit mit dem Weingutsteam verbrachte. Schau dir meine Fotogalerie an:

Nun ist alles anders. Wie wirkt sich das Virus auf Lammershoek aus? Andreas Abold berichtet:

Die Regierung verhängte ein komplettes Arbeitsverbot. Millionen haben plötzlich keinen Job mehr. Das ist sozialer Sprengstoff! Obendrein gilt eine totale Ausgangssperre. Man darf zwar zum Einkaufen fahren, aber pro Auto ist nur ein Insasse erlaubt. Man will wohl auch verhindern, dass sich Verzweifelte aus den Townships zusammentun und marodierend durch die Gegend ziehen. Wir haben uns zurückgezogen und werden durchhalten. In unseren Tiefkühltruhen lagert Fleisch, wir haben ausreichend Reis und in den Gärten wächst Gemüse. Unsere 60 Leute und meine Familie sind versorgt. Für die Weinbranche ist das Arbeitsverbot vor dem Ende der Lese ein Desaster. Gottseidank konnten wir alle Arbeiten erledigen. Die Trauben sind drin, wir wurden gerade noch rechtzeitig mit dem Pressen fertig. Aber in Stellenbosch hängen mehr als 30% der Trauben an den Stöcken. Kein Wein darf mehr transportiert werden. Wer gegen das Verbot verstößt, zahlt 25.000 Rand Strafe, das sind rund 1.300 Euro.

Lammershoek gehört zu den alteingesessenen Weingütern im trockenen Swartland. Alt, das heißt in Südafrika Jahrhunderte alt. Die Gegend um den Paardeberg ist ideal für den Weinbau. Tief unter dem bröckeligen Granitboden speichert schwere Tonerde Wasser für die heißen Monate. Kühlende Winde, die vom Meer herüberwehen sorgen für Durchlüftung. Auch der berühmte Swartland-Kultwinzer Eben Sadie bezieht einen Teil seiner Trauben von hier.

In meinem Video erklärt Abold das Swartland-Terroir:

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Lammershoek geriet durch seine kühne Naturweinpolitik (die manche Orange-Freaks in Entzücken versetzte) in Schieflage und landete als Notverkauf am Markt. Zur Sanierung von Keller und Weinbergen und der Neupositionierung der Marke gesellte sich für Abold und seine Partner noch eine dritte Herausforderung hinzu, mit der man nicht gerechnet hatte. Die Einheimischen von Lammershoek hausten in erbarmungswürdigen Unterkünften, die Familien waren zerrüttet. Vor allem Müttern und Kindern mangelte es am Nötigsten. Gewalt in den Familien war und ist ein gravierendes Problem auf Lammershoek und in ganz Südafrika. Die Ursachen sind vielfältig und lassen sich nur grob zusammenfassen: ein dysfunktionales staatliches Sozial- und Bildungssystem, Alkohol, Drogen.

Hört in meinen Podcast mit Andreas Abold rein und lernt, wie er mit den sozialen Begebenheiten dortzulande umgeht:

Abolds Weine können sich schmecken lassen. Der Captain ist begeistert von der kühlen Mineralik des Swartlands. Was Lammershoek-Winemaker Schalk Opperman auf die Flaschen bringt, ist zum Niederknien. Ich sage nur: Salz, Salz, Salz! Schon der Rotwein Pinotage aus der Einsteiger-Linie The Innocence (Unschuld) ist ein maulfüllender und dabei keinesfalls erdrückender Tropfen: Ein Südafrikaner, der ausschließlich im Stahltank ruhte – das verspricht eine gewisse Frische. Interessante und tolle Nase, riecht wie ein Spitzentrollinger oder Blaufränkisch (=Lemberger). Ich wittere Schmelz, ein bisschen rotes Gummibärchen, Pflaume und Kirsche. Im Mund sehr saftig: dunkle, reife Waldbeeren, vor allem Heidelbeere. Dann Pflaume, Süßkirsche und südliche Gewürze. Ausreichend Säure ist vorhanden und wurde schön eingebunden. Samtige Tannine kraulen meine Zunge. Der Wein ist nach zwei Jahren sehr gut trinkbar, verträgt aber noch ein bisschen Wartezeit. Für diesen Preis (knapp 10 Euro) ziemlich viel Leistung.

Ein paar Hundert Familien leben im Aprilskloof Valley, das zur Region Paardeberg gehört. Lammershoek ist eines von 14 Weingütern im Tal. Abold lernte, dass die Sanierung von Lammershoek nur funktionieren kann, wenn man die Lebensbedingungen der Arbeiter verbessert. Und so flossen erhebliche Mittel der Investoren zunächst in die Versorgung mit Frischwasser, Elektrizität, Medizin und Hygiene. Abold setzte sich mit den anderen Winzern zusammen, gründete Kinderkrippe, Kindergarten und Vorschule. Es gibt drei Essen täglich und bei Bedarf psychologische und medizinische Versorgung. Wenn gar nichts mehr hilft, werden misshandelte Kinder an Pflegefamilien vermittelt. Abold startete auf Lammershoek ein Ausbildungsprojekt für Weinbau. Mit erstaunlichem Effekt: Der Unterricht funktioniert in beide Richtungen. Wir lernen von den Menschen, die hier seit Generationen den Boden bearbeiten, was landwirtschaftlich alles möglich ist. Das schlägt definitiv auf die Qualität unserer Weine durch.

Wie schaut denn das Verhältnis der schwarzen Südafrikaner zum Weingenuss aus? Im Fußball hatten wir viel Kontakt mit schwarzen Spielern und Managern. Da war Alkohol kein Thema. Die rührten kein Glas Wein an. Weinfanatiker Abold litt bei gesellschaftlichen Anlässen. Seine Geschäftspartner bestellten immer nur Tee mit warmer Milch. Heute, also rund 15 Jahre später, trinken in Johannesburg 60 bis 70 Prozent der schwarzen Geschäftsleute Wein, schätzt er und ortet ein gewachsenes Geschmacksbewusstsein. Da ist ein gewisser Stolz zu spüren. Auch das ist eine große Chance für Lammershoek.

Übrigens: Lammershoeks flagshipwine → Libero No 5 wird es bald nicht mehr geben. Kein Wunder, wenn der Franz ausscheidet. Für Sammler und Spekulanten ist das vielleicht eine interessante Gelegenheit.

 

Datum: 28.3.2020