X
Newsletter
X
X
Login
Passwort vergessen?


Konto erstellen

Knyphausen: vom Ende der Freiheit

Die drei vom Weingut Knyphausen.
Kommentare
Ähnliche Weine
Ähnliche Artikel
Manchmal erzählt Wein viel mehr als nur über Wein. Ein saftiger Vertreter der Kategorie "Riesling feinherb" tut das auf bemerkenswerte Weise.
Anzeige

Der Captain feiert Geburtstag. Nicht den von ihm selbst. Dieser Tag wird aus Intimitätsgründen eisern verschwiegen. Zu viele Fans würden ihn um jene Ruhe bringen, die er sich zum Geburtstag gönnt, um zu reflektieren und den eigenen Lebensweg zu bewerten.

Nein, in diesen Tagen feierte jemand anders Geburtstag, und zwar am 13 März: die Rebsorte RIESLING. Jawohl, dieses Datum trägt das älteste heute bekannte Dokument, in dem das Wort Riesling aufgeschrieben ist – im Zusammenhang mit einem Weinberg des Grafen Johann IV von Katzenelnbogen in Rüsselsheim, der im Jahr 1435 erstmals erwähnt wird. Ausgerechnet Rüsselsheim!

Bleiben wir beim deutschen Adel und kommen wir zum halbtrockenen (ALARM!) Riesling 1818 feinherb von Baron Knyphausen in Eltville, das im Rheingau gelegen ist. Gerade eben war der Captain in dieser Gegend, um einen spektakulären trockenen Wein aus Rheinhessen zu trinken, der ab 2.500 Euro pro Flasche kostet, und über den Markt der Luxusweine zu lernen. Ja, so lebt ein Captain. Dazu ein anderes Mal mehr.

Newsletter schon abonniert?

Weiterlesen geht nur mit News­letter-Abo. Hier abonnieren:

Schon angemeldet? Dann hier bitte E-Mail-Adresse eingeben:

Weiterlesen
Bitte akzeptieren Sie unsere Cookies, um Ihre E-Mail-Adresse zu speichern und nicht bei jedem Seitenaufruf erneut eingeben zu müssen!

Was ist trockener Wein? Wenn wir von trocken reden ist das eine sog. Geschmacksangabe, die gesetzlich fest definiert ist, nämlich nach der Menge des Zuckers im Wein. Liegt der Zucker pro Liter unterhalb von 9 Gramm, darf der Wein als trocken verkauft werden. Doch obwohl die Mehrheit trockene Weißweine verlangt, sind die Deutschen keine echten Trockentrinker. Das ist paradox. Eigentlich will der deutsche Weinfreund süffige Frucht und wenig Säure. Was verlangt wird, passt eher zum Geschmacksbild der halbtrockenen Weine. Nur ist das Attribut halbtrocken seit den 1980er-Jahren ein gebranntes Kind. Weiß- und Rotweine, die man als feinherb oder halbtrocken bezeichnet, werden vom modernen Weintrinker gemieden wie die Pest. Das ist unendlich schade, denn in dieser Kategorie gibt es (neben Unmengen von banalen Getränken) viel Köstliches zu entdecken.

Der Riesling 1818 feinherb von Knyphausen steckt in einer gemischten 3er-Box, die dem Captain Dominik Zins zuschickte, der das Startup WEINME gründete und damit folgenden Gedanken umsetzt: Die Idee von WEINME ist es, den eigenen Geschmack zu ergründen. Dazu wählen wir jeden Monat drei Weine mit einem Experten aus. Gleichzeitig mit jeder Box verschicken wir einen Video-Link, in dem wir die Weine probieren und besprechen. Unser Produkt ist eine Weinerkundungsreise.

Das findet der Captain interessant und deshalb gibt er Dominik und seinen Weinen Raum. Auch weil es immer sehr gute Weine sind, die sorgfältig ausgewählt wurden. Der feinherbe Knyphausen-Wein im Riesling-Geburtstagspaket mit drei unterschiedlichen und jeweils schmackhaften Weinen (ideal zum Lernen: trocken, halbtrocken, süß) spricht aber nicht nur für sich selbst, sondern auch über die Geschichte der Familie, die ihn herstellt.

Normalerweise rollt der Captain mit den Augen, wen ein Winzer mit seinen Jahrhunderten daherkommt und sagt zu sich selbst: Lass den Quatsch, Wein muss in jedem Jahr aufs Neue den Elementen abgerungen werden. Das ist ein bisschen gemein, aber manchmal reicht’s einfach.

Zurück zur Familie Knyphausen (oben im Bild von links: Winzer Baron Frederik zu Knyphausen, Betriebsleiter Arne Wilken und Senior Baron Gerko zu Knyphausen), die 1818 ihr Weingut erwarb und auf eine noch viel ältere Historie zurückblickt, die der Captain deshalb erwähnenswert findet, da sie eng mit dem Phänomen der ostfriesischen Häuptlinge verbunden ist. Ja, nicht nur bei den Indianern Nordamerikas gab und gibt es Häuptlinge.

Geschichtsstunde: Einst waren die Friesen ziemlich freie Leute. Es galt ab dem 12. Jahrhundert eine erstaunlich egalitäre Gesellschaftsordnung. Diese grundsätzliche Gleichberechtigung genossen alle Eigentümer von Hofstellen und zugehörigem Land. Öffentlichen Ämter wurden durch jährliche Wahlen besetzt. Dann kamen schlechte Zeiten: Hungersnöte, allerlei Seuchen und als Höhepunkt der Ausbruch der Pest 1349/50 stellten die alte Ordnung auf den Kopf. Die Reichen spielten ihre wirtschaftliche Macht aus und das ostfriesische Häuptlingswesen nahm als regionaler Absolutismus Gestalt an. Die neuen Herren lernten rasch, ihre Autorität nicht mehr vom Willen der Gemeinden abzuleiten, sondern als dynastischen Besitz zu verstehen und zu verteidigen. Für viele freie Friesen ging es zu dieser Zeit um elementare Fragen des Überlebens. Ihre Mitwirkung an den Gemeindeangelegenheiten erlahmte. Die genossenschaftlichen Ideale der friesischen Freiheit konnten unter diesen Umständen nicht aufrechterhalten werden. Warum erzählt der Captain das alles? Dreimal darfst du raten. Antwort: Weil er glaubt, dass wir an einer ähnlichen Zeitenschwelle stehen, in der die Mächte sich verschieben. Selbstherrlichkeit und Korruption brechen sich Bahn. Riesenkonzerne werden mit Steuermilliarden vollgepumpt. Den kleinen Leuten steht das Wasser bis zum Hals.

Äh, und Knyphausen? Häuptling Grote Onneken auf Sengwarden im Jeverland ist der älteste nachweisbare Ahnherr der Familie. Leider steht dem Captain kein Bildnis dieses Mannes zur Verfügung, weshalb er oben den legendären Häuptling Unico Manninga (1529-1588) zeigt, der seine einzige Tochter Hyma mit einem Knyphausen vermählte. Dies hat nur am Rande mit Wein zu tun, aber nur Wein hält der Captain sowieso nicht aus. Es ist ihm einfach zu langweilig.

Ich hoffe, du siehst das ähnlich und genießt trotzdem deinen Wein. So wie ich meinen köstlich-kräutrigen und feinherben Häuptlingsriesling. Klassischer Rheingau-Riesling mit sanften 11,5% Vol., der zwar „feinherb“ heißt, aber alles andere als süß schmeckt. Er wirkt lediglich runder und weicher als staubtrockener Riesling. Im Glas mittleres Gelb mit schönem Glanz. In der Nase zartrauchig und wildkräutrig. Ich rieche Apfel, Sternfrucht, Weißkohl. Im Mund wie der Biss in einen frisch gepflückten Apfel. Sehr ausgewogenes Süße-Säure-Spiel, das beiden die gleichen Chancen gibt und ein saftiges Equilibrium herstellt. Am Gaumen Limette, ein bisschen Grapefruit und ganz dezente Süße, die etwas Wärme abstrahlt.

 

Datum: 22.3.2021 (Update 24.3.2021)
 

Ähnliche Weine

 

Ähnliche Artikel