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Anti-Aging mit Robert Weil

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Der bekannte Winzer und Weingutserbe Wilhelm Weil macht in Wein für junge Leute. Der Captain hat probiert.
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Cäsar überschritt den Rubicon. Washington ließ sich über den Delaware River paddeln. Und Wilhelm Weil fuhr rüber ans andere Ufer des Rheins, um eine neue Weinmarke zu erfinden. Offenbar brauchen große Männer Flüsse, um ein Zeichen zu setzen.

Weinkennern und auch Gelegenheitstrinkern muss man das Weingut Robert Weil nicht erklären. Die türkisen Etiketten leuchten mir im „Borchardt“ aus der hintersten Ecke ins Auge, wenn ich meinen Blick in die Runde schweifen lasse, um einen prominenten Gast zu erspähen. Zum Beispiel meine Kanzlerin.

Das Weingut Weil existiert seit 1875. Seine Gründung beruht auf einem Zufall und den Folgen einer kalkulierten politischen Provokation, wie sie heute gang und gäbe ist.

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Cäsar überschritt den Rubicon. Washington ließ sich über den Delaware River paddeln. Und Wilhelm Weil fuhr rüber ans andere Ufer des Rheins, um eine neue Weinmarke zu erfinden. Offenbar brauchen große Männer Flüsse, um ein Zeichen zu setzen.

Weinkennern und auch Gelegenheitstrinkern muss man das Weingut Robert Weil nicht erklären. Die türkisen Etiketten leuchten mir im „Borchardt“ aus der hintersten Ecke ins Auge, wenn ich meinen Blick in die Runde schweifen lasse, um einen prominenten Gast zu erspähen. Zum Beispiel meine Kanzlerin.

Das Weingut Weil existiert seit 1875. Seine Gründung beruht auf einem Zufall und den Folgen einer kalkulierten politischen Provokation, wie sie heute gang und gäbe ist.

Und das kam so: Als der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck die sogenannte Emser Depesche seines Chefs Kaiser Wilhelm zwo in bewusst verkürzter und damit grob unhöflicher Version veröffentlichen ließ (es ging um die spanische Thronfolge), kochte der französische Volkszorn über und Napoleon III. erklärte den Preußen den Krieg. Kawumm!

Es wurde ungemütlich für alle Deutschen in Paris. Auch für einen gewissen Dr. Robert Weil, Professor für Deutsch an der Universität Sorbonne. Er fühlte sich im nunmehr feindlichen Land nicht mehr behaglich und beschloss, in die alte Heimat zu ziehen. Schon zuvor hatte er einen kleinen Weinberg im Rheingau-Örtchen Kiedrich erworben. Ein guter Grund, sich dort häuslich niederzulassen. Offenbar verdienten Lehrer damals nicht so schlecht und Weil erwarb die stattliche Villa des englischen Kunsthistorikers Sir John Sutton.

Weil beschloss sein Traubenengagement auszudehnen. Er schwatzte einem Herrn Nilkens dessen Weingut ab und kaufte noch Rebflächen dazu. So wurde Weil schon damals zum Glücksfall für die quirlige Berliner Gastronomieszene. Denn Nilkens wirkte später als Chefkoch im Adlon.

Seit 1988 haben die Manager von Japans größtem Whiskyhersteller Suntory und Roberts Urenkel Wilhelm gemeinsam das Sagen im Weingut Weil. Damals stiegen sie ein, um den Fortbestand des Traditionsbetriebes zu sichern und die Expansion voranzutreien. Suntory gehört zu den fünf größten Spirituosenherstellern weltweit und umfasst ein Imperium, zu dem auch Softdrinks und Weingüter gehören. Dem Gründerspross Wilhelm gehört heute nur noch ein kleiner Anteil.

Die Finanzspritze aus Fernost stellte den Betrieb auf einen soliden Sockel und die Marke wuchs kräftig. Heute messen die Rebanlagen rund 90 Hektar. Man konzentriert sich ausschließlich auf Riesling. Das Lager ist quasi immer ausverkauft, heißt es. Weilweine, das sind stets elegante und fruchtbetonte Tropfen in den klassischen Qualitätsstufen mit Fanbase auf der ganzen Welt. Und sie sind nicht ganz billig. Für die Premiumflaschen aus den drei Kiedricher Lagen Gräfenberg, Turmberg und Klosterberg muss man schon etwas tiefer in die Tasche greifen.

Für ein normales Grosses Gewächs sind bis zu 50 Euro fällig Eine Trockenbeerenauslese vom Jahrgang 2003 in der 0,75 Liter-Flasche erzielte auf einer Versteigerung im Jahr 2010 stolze 4.300 Euro. Angesichts dieser grundsätzlich erfreulichen Entwicklung im Hause Weil kam man jedoch in’s Grübeln. Der Grund: Kaizen.

Kaizen definiert die japanische Lebens- und Arbeitsphilosophie des kontinuierlichen und unendlichen Verbesserns. Meine Mutter würde sagen: Du musst den Brunnen graben, bevor du Durst hast. Genau darum geht es: Durst. Um den Durst junger Zielgruppen, die sich jenseits des feierlichen Karaffenschwenkes der Alten einfach mal ein unkompliziertes Glaserl einschenken wollen, das nicht viel kostet.

Was passiert, wenn wir keinen Anschluss an diese große und genussfreudige Gruppe finden, sterben wir dann mit unseren Stammkunden aus? Das fragte man sich bei Robert Weil und startete unter der Federführung von Wilhelm Weil das Projekt Junior. 2017 kam Junior auf den Markt.

Junior ist eine Burgunderkollektion, bestehend aus Weißburgunder, Grauburgunder, Chardonnay und Spätburgunder. Jede Flasche kostet knapp 8 Euro (der Spätburgunder einen Euro mehr) und steht bis auf weiteres ausschließlich in den Supermarktregalen von Edeka.

Mich interessierte vor allem, wie Marketingtalent Wilhelm den Supermarkt-Pinot hinbekam. Einen schmackhaften Wein aus dieser zickigen Rebsorte für so einen niedrigen Preis herzustellen, das ist nicht leicht. Hat er es geschafft?

Das wollte ich wissen und habe mir die Junior-Kollektion von Weil besorgt und als erstes den Spätburgunder aufgemacht. In der Nase warme Noten von Kirschkompott mit Nelke, Orangenzeste, etwas Vanille und ein Hauch Kiwi. Ich nehme einen Schluck und schmecke Pflaumenmus, lauwarmen Tee aus Darjeeling, Morchel, Salatgurke. Der Wein hat butterzarte Tannine und einen niedlichen Anteil Säure, der gerade genügt, um ihn crispy zu machen. Am Gaumen eine Prise Salz.

Ja, wer in die komplizierte Welt der Spätburgunderweine einsteigen möchte, kann mit diesem hier beginnen. Auch die anderen Weine sind von ordentlicher Machart. Ich verkostete alle:

Um nicht mit der ehernen Tradition des Hauses zu brechen, verließ Weil das Anbaugebiet Rheingau und setzte mit seinem Junior-Projekt auf die andere Seite des Rheins über. Denn zwischen Rheingau und Rheinhessen liegen Welten. Und das ist gut so. Hier die Herzkammer des deutschen Weins, eine Region von monumentalem Ruf. Allerdings teuer und etwas behäbig. Dort das einstmals verrufene Rheinhessen, das in den letzten zwei Jahrzehnten eine atemberaubende Aufholjagd hingelegt hat und mit einer Vielzahl hochtalentierter und experimentierfreudiger Winzer aufwarten kann.

Die Abgrenzung zur Traditionsmarke Robert Weil kann radikaler nicht sein. Zugekaufte Trauben, schmissiges Etikettendesign, Supermarktware. 360.000 Flaschen wurden vom ersten Jahrgang 2016 ausgeliefert, von Beginn an sprach Weil von Erfolg, den er ganz ohne Berater gestemmt haben will. Ich glaube ihm, denn als Wein-Kommunikator ist der Mann einfach spitze. Sein Projekt vergleicht Weil mit der Automarke Mini, die von BMW wiederbelebt und zu neuen Erfolgen geführt wurde.

Mich erinnert die Junior-Idee an den famosen Streich eines ganz anderen Marketinggenies der Weinwelt. Den Mouton Cadet des Barons Philippe de Rothschild.

Der Millionenwein des jungen Playboys

So wie der junge Baron dringend eine Idee brauchte, die ihm erlaubte, drei mittelmäßige Ernten seines Superweinguts zu vermarkten, ohne den Mythos des Hauptweins anzukratzen, fand Weil den Ausweg aus der Generationenfalle. Wilhelm Weil: Bei sich verändernden Märkten muss man rechtzeitig handeln, um künftige Generation anzusprechen.

Cadet, das heißt auf Deutsch Junior. Den Mouton Cadet von Rothschild gibt es ebenfalls im Supermarktregal von Edeka. Die Flaschen von Weils Junior-Kollektion befinden sich in bester Gesellschaft.

 


Datum: 14.9.2019 (Update 15.9.2019)
 

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