X
Newsletter
X
X
Login
Passwort vergessen?


Konto erstellen

Die Wahrheit über Sekt aus Deutschland

Wo kommst du denn her?
Kommentare
Ähnliche Weine
Ähnliche Artikel
Billiger Industriesekt verklebt den Blick auf die wirklich guten Sekte in Deutschland. Das hat auch viel mit Faulheit zu tun.
Anzeige

Der Artikel erschien gerade rechtzeitig vor den Feiertagen auf SPIEGEL-Online → Winzersekt macht Champagner Konkurrenz.

Es geht darin um traditionell flaschenvergorenen Sekt aus Deutschland und wie er dem Champagner Konkurrenz macht.

Beim Lesen des Artikels gerät man ins Staunen. Denn wer dort (neben Erfolgswinzer Volker Raumland) hauptsächlich zu Wort kommt, sind die Chefs der Sektkonzerne Henkell und Rotkäppchen-Mumm.

Das ist so, als würde man mit Alexander Gauland über die schönsten Suren des Koran sprechen. Oder mit Daniela Katzenberger über die Bedeutung von Pina Bausch für den zeitgenössischen Tanz.

Die Kollegen von SPON übernahmen den Artikeltext vom Themendienst der Deutschen Presseagentur. Die dpa ist ein wichtiger Lieferant von Qualitätsjournalismus. Oder das, was man in Deutschland dafür hält.

Ich stelle mir vor, wie dpa-Korrespondent Peter Zschunke (Autor des Buches „Agenturjournalismus: Nachrichtenschreiben im Sekundentakt“) zu seinen Gesprächspartnern kam.

Er gab auf Google die Stichwörter Sekt, Deutschland, Manager ein und griff zum Telefon. Zschunke trank garantiert keinen Sekt. Weder von Henkell, noch von Rotkäppchen, noch von Raumland. Ich gehe davon aus, dass er nicht die geringste Ahnung davon hat, über was er da schrieb.

Um das klarzustellen: Es ist nicht schlimm, wenn sich einer nicht auskennt beim Sekt. Es ist auch nicht schlimm, wenn sich einer nicht auskennt beim Wein. Niemand braucht Wein oder Sekt. Beide sind keine Lebensmittel, sondern dienen dem Vergnügen.

Es ist aber auch nicht schwer, Ahnung von Sekt zu bekommen. Wenn man sich dafür interessiert. Das deutsche Wahlrecht ist viel komplizierter. Sowohl der Parteienstaat als auch die großen Sektkonzerne haben verdammt viel Glück, dass keiner den Bluff bemerkt, der ihre Macht begründet.

Blickt man in die Schweiz (halbdirekte Demokratie), sieht man, wie sehr das System in Deutschland (repräsentative Demokratie) dem Konzept einer echten Volksvertretung im Wege steht. Nur so konnte es dazu kommen, dass es Parteien gibt, die Politik nur noch für sich selbst machen.

Lieber nicht vom Thema abschweifen, da möchte man gleich zu Hochprozentigem greifen. Echten Korn von Nordhäuser zum Beispiel. Der gehört auch zum Reich des Rotkäppchens.

Rotkäppchen darf nicht Sekt heißen!

Konzerne bestimmen unser Leben weitaus umfangreicher als die Politik. Was wir auf die Teller kriegen, diktiert die Agrarlobby und Lebensmittel-Discounter, die Milliardärsfamilien gehören. Das Landwirtschaftsministerium (inklusive angehängter Behörden) agiert als deren ausführendes Organ. Warum sollte es bei Wein und weinhaltigen Getränken anders sein als beim Fleisch?

Wer im Supermarkt Sekt einpackt und sich zu Hause am Glas nippend fragt, warum er sein Geld nicht besser in ein paar Flaschen Bier gesteckt hat, ist entweder reif für guten Winzersekt. Oder für immer verloren.

Das Dilemma beim Sekt (wie beim Wein und im Leben insgesamt) ist ja grundsätzlich, dass viel zu wenig Fragen gestellt werden. Der Bürger fragt nicht, sondern nimmt hin, was ihm aufoktroyiert wird. Der Journalist fragt nicht, sondern zitiert. Siehe SPON-Artikel oben. Das Ergebnis ist ein fataler Wissenshohlraum, der von marketingstarken Organisationen mit Blödsinn befüllt wird.

Die Botschaft der Sektkonzerne lautet gegen jede Logik: Ihr habt da was Edles im Glas. Und dann kommen romantische Bilder von Kellergewölben im Kerzenschein.

Die Wahrheit ist: Billiger Sekt schmeckt billig und kann nur auf industrielle Weise hergestellt werden.

Wenn man im Rheingau-Städtchen Eltville an einem Werktag gemütlich in Heinrichs Vinothek & Weinbar sitzt und dort einen der köstlichen Flammkuchen genießt, kann man beobachten, wie schräg gegenüber ein Tanklastwagen nach dem anderen in die Matthäus Müller-Sektkellerei einbiegt.

MM gehört zur Rotkäppchen-Mumm-Gruppe. Der Konzern setzte im Jahr 2017 163 Mio. Flaschen Sekt ab und ist Marktführer.

Die Kennzeichen der LKWs weisen auf die Herkunft der Weine hin, die bei MM und anderen Kellereien in deutschen Sektflaschen landen: Spanien, Italien, Frankreich.

Die Weinfabriken der großen Anbauländer pumpen gewaltige Überschüsse in die Welt. Entsprechend niedrig sind die Preise für Weine aus Trauben, die auf gigantischen Plantagen gezüchtet werden, bis riesige Erntemaschinen sie von den Rebstöcken rupfen. Die tonnenweise Verwendung von Kunstdünger und Pestiziden sind die Regel.

Rotkäppchen Tradition Halbtrocken heißt der meistgekaufte Sekt in Deutschland. Gemacht aus Trauben italienischer, spanischer und französischer Herkunft, steht auf der Website von REWE. In einer Filiale der Kette in Berlin-Charlottenburg kostet die Flasche kurz vor Silvester 2,50 Euro.

Ziehe ich davon Mehrwertsteuer (40 Cent) und Sektsteuer (1,02 Euro) ab, dann noch die Kosten für Glasflasche, Plastikstöpsel, Kapsel, Drahtbügel (Agraffe) und Etiketten, bleiben rund 50 Cent für den Flascheninhalt übrig. Davon hat der Hersteller aber noch nicht die Transport- und Betriebskosten für seine High-Tech-Sektkellerei bezahlt.

Das REWE-Angebot mag ein besonders günstiges Schnäppchen sein, woanders kostet derselbe Sekt doppelt so viel. Trotzdem ist Billigsekt ein irres Geschäft, das sich für die Beteiligten rechnet. Sonst würde es keiner machen.

Nicht nur deshalb ist das, was uns aus deutschen Sektfabriken eingeschenkt wird, ein Äquivalent zur Supermarktwurst und genauso kritisch zu betrachten.

Alle Sekte – egal wie teuer oder billig – werden aus bereits fertig vergorenem Wein hergestellt, der einer zweiten Gärung zugeführt wird. Das gilt auch für Champagner, Crémant und spanische Cava. Gemeinsames Kennzeichen ist die sogenannte Perlage aus Kohlendioxid, die dem Getränk in Gestalt kleiner Blasen entweicht.

Beim traditionellen und aufwendigen Flaschengärverfahren findet die zweite Gärung in der Flasche selbst statt. Nach mindestens 9 Monaten Ruhezeit auf der Hefe (bessere Sekte liegen 3 Jahre und länger, um Textur und Aromen optimal auszubilden), erfolgt das sogenannte Degorgement, auch Enthefen genannt. Dabei wird die Flasche auf den Kopf gestellt und die Hefe im Stickstoffbad vereist. Sie schießt beim Öffnen durch den eigenen Druck aus dem Flaschenhals. Dann füllt man die sogenannte Dosage nach und verkorkt die Flasche. Fertig. Bei entsprechender Sektmacherkunst zeichnet sich das Endprodukt durch eine weiche und erfrischende Perlage aus natürlich entstandener Kohlensäure aus.

Der Rotkäppchen Tradition Halbtrocken und viele andere deutschen Industriesekte, werden im sogenannten Tankgärverfahren produziert, das dem Hersteller gegenüber der traditionellen Flaschengärung enorme ökonomische Vorteile bietet.

Beim Tankgärverfahren findet die zweite Vergärung der Grundweine in riesigen Behältern statt, die weit über 100.000 Liter fassen können. Nach der Hefe-Filtration kommt das Erzeugnis in die Flaschen. Dass das Umfüllen aus einem Riesentank unter Druck in kleine 0,75-Liter-Flaschen kein leichtes Unterfangen ist, kann man sich auch als Laie vorstellen. Ein großer Teil des natürlichen Kohlendioxids, das beim langsamen Vergären entstand, geht dabei verloren und muss durch technisch hergestelltes Gas ersetzt werden, das die Perlage grob macht.

Daneben gibt es noch ein dritte gängige Methode. Sie heißt Transvasier-Verfahren und ist eine industriell anwendbare Abwandlung der Flaschengärung.

Ich fasse zusammen:

    1. Industriewein von maschinell gelesenen Trauben aus konventionellem Massenanbau irgendwo in Europa wird in turnhallenroßen Stahltanks deutscher Sektfabriken vergoren und abgefüllt. Dabei geht ein großer Teil des natürlichen Kohlendioxids aus der Gärung verloren und wird durch Industriegas ersetzt. Das ganze landet in den Läden und Gläsern der Konsumenten. Sie einverleiben sich ein Getränk, das wie klebrig-süße Sprite schmeckt, in die man Ascorbinsäure gestreut hat, und nur wenig mehr kostet. Name des Produkts: Sekt.
    2. Deutscher Wein, im besten Fall aus handgelesenen Trauben (womöglich in gefährlich steiler Lage) und sorgfältig selektionierten Beeren, wird beim Versekter zum zweiten Mal zur Gärung gebracht. Dort teilweise jahrelang zum Zweck der Reifung gelagert, gerüttelt, degorgiert und verkorkt. Danach in den Handel geliefert und dort gekauft. Für manchmal 10, eher 15, gelegentlich 30 Euro oder sogar mehr. Cremig liegt der Trunk auf der Zunge, wo die Perlage fein zerplatzt. Süße und Säure geben sich die Hand. Erfrischend plätschert der Schluck die Kehle hinab. Name des Produkts: Sekt.

Der Unterschied zwischen Sekt und Sekt ist offenbar nicht leicht zu vermitteln. Fragt mal in eurem Freundeskreis nach. Auch der Hinweis auf die Flaschengärung hilft wenig. Viele verstehen nicht, was gemeint ist.

Wie erkläre ich es also mit einfachen Worten?

Das fragen sich auch die Sektmacher und bilden Gremien. So macht man das, wenn man in Deutschland nicht mehr weiter weiß.

Beim VDP (Verband deutscher Prädikats- und Qualitätsweingüter) drohen sie damit, die ohnehin völlig undurchsichtige Klassifikation (Gutswein, Ortswein, Großes Gewächs, Erste Lage, Große Lage etc.) um ein eigenes System für Sekt zu ergänzen. Dann wäre das Chaos perfekt. Beim Deutschen Sektverband arbeitet man an Qualitätsstufen wie „geschützter Ursprung“ (g.U.) und „geschützte geografische Angabe“ (g.g.A.). Auch im Verband der Traditionellen Klassischen Flaschengärer in Trier bastelt man an einem Konzept. Kurz: Alle wissen, dass etwas geschehen muss. Aber nichts passiert.

Bis sich vielleicht doch noch etwas bewegt, empfiehlt der Captain liebevoll flaschenvergorene Sekte, die er höchstpersönlich ausprobiert hat. Garantiert köstlich.

 


Datum: 12.8.2019 (Update 16.8.2019)
 

Aktuelle Weinempfehlungen