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Weißer Fleck: Hessische Bergstraße

Da zieht ein Unwetter auf.
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Der Captain kennt eigentlich alle deutschen Weinbaugebiete. Er kennt auch die Hessische Bergstraße. Aber hat er schon je einen Wein von dort getrunken? Hm, keine Ahnung. Also wird es Zeit, den weißen Fleck zu überpinseln.
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Es ist immer der gleiche Weg: Von Frankfurt, dieser Unstadt, die sich erst nach unzähligen Malen schön macht; von Frankfurt mit dem ICE nach Stuttgart oder Basel. Links vom Gleis sieht man in einigen Kilometern Entfernung einige schön gelegene Weinhänge. Die reichen bis an Mannheim heran, bis an die Landesgrenze von Württemberg. Sie gehören zum Anbaugebiet Hessische Bergstraße. Schon mal gehört?

Viel besser als Wikipedia kann ich es auch nicht zusammenfassen: Das Weinbaugebiet befindet sich am Westhang und den nördlichen Ausläufern des Odenwaldes. Es erstreckt sich von Seeheim-Jugenheim und Alsbach mit wenigen Weinbergen im Norden bis zur Hessisch–Baden-Württembergischen Landesgrenze südlich von Heppenheim. Die größten Anbauflächen befinden sich zwischen Zwingenberg und Heppenheim.

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Sieht ja nett aus. Doch was wächst dort? Riesling vor allem. Müller-Thurgau, manchmal auch nur schlicht Müller genannt, und Grauburgunder auch. Sogar etwas St. Laurent. Aber als der Captain sein Telefon zückte und einen Freund anrief, ob er einen Winzer aus der Gegend kenne, da konnte er sein Berliner Achselzucken hören. „Bergstraße? Nee, da kenn ich nur Eberbach“.

Dann ein paar Anrufe bei den Kollegen. Kennt auch keiner was. Nix getrunken. Nö. Was ist mit euch Weinfanatikern? Kommt von dort nichts? Warum findet sich kein Wein der Hessischen Bergstraße in einem Berliner Restaurant? Seid ihr alle Ignoranten?

Natürlich nicht. Die Vorurteile des Captain sind nicht enden wollend. Und blöde bis zum geht nicht mehr. Eigentlich ist der Scheffe ein Ignorant, dessen Neugier nur partiell erwacht. Und wenn ihn etwas schnell langweilt, gibt er dem keine zweite Chance. Deswegen steckt ihm der Freund aus Berlin jetzt fernmündlich, dass die Gegend viel kleiner sei, als sie aussieht, bloß 450 Hektar. Oder sogar noch weniger. Die meisten Weine bleiben in der Region und werden zudem von zwei Genossenschaften verwaltet. Auch gibt es viele Hobby- und Nebenerwerbswinzer. Vergleichbar mit des Saale-Unstrut-Region, wenn man will.

Ja, aber dort kenne ich mindestens drei Betriebe. Hier keinen einzigen. Gibt es da kein Premium-Weingut, oder sowas?

Ja, gibt es.

Aha. Und warum weiß ich da nichts davon?

Weil Du Deine Mails nicht liest und dauernd nur nach weißen Burgundern schreist.

Danke für die Belehrung. Und jetzt?

Jetzt stelle ich Dir eine Flasche kalt. Und wenn Du am Abend wieder zu Hause bist, dann trinken wir einen Wein von der Bergstraße.

Und von wem? Wie heißt der Winzer? Als der Captain am Abend wieder viel zu spät (das Übliche Drecksdeutschebahndesaster) nach Berlin kommt, steht da ein Riesling im Kühler. Genauer gesagt der Heppenheimer Steinkopf Riesling Spätlese. Ein Lagenriesling vom Kloster Eberbach, der einzige Renommierbetrieb an der Bergstasse, der aber auch viele Weingärten im Rheingau besitzt.

Eberbach gilt als größtes Weingut Deutschlands. Ein Gigant für hiesige Verhältnisse. Im internationalen Vergleich eher gehobener Mittelstand. Und ein Staatsbetrieb, bei dem (anders als bei der Bahn) ziemlich viel stimmt, weil kein Politiker reinpfuscht. Die süßen Trockenbeerenauslesen des Hauses verkaufen sich weltweit für über 200 Euro pro Halbflasche. Es ist ein etwas kräftigerer Riesling. Und ein gutes Paradestück aus der Region.

Das zeigt, was die können, sagt der Freund. Stimmt. In der Nase zuerst ein Hauch Aschenbecher, kalter Rauch sogar, dann Stein, komischerweise Quarz. Egal. Nach den ersten verhaltenen Tönen, wandert der Wein in die Karaffe. Zehn Minuten warten. Dann ein zweiter Versuch. Neu ins Glas. Und jetzt viel grüne, aber reife Birne. Birnensaft sogar. Danach etwas Exotik, hier aber deutlich Mango; nein, jetzt weißer Pfirsich. Und dann wieder dieser leichte Rauch. Die Säure bleibt zurückhaltend, der Wein hat ordentlich Creme. Trotzdem ein kleiner Langstreckenläufer, so zwischen vier bis sechs Jahre sind ihm durchaus zuzutrauen, denn im Mund ist der Steinkopf sehr kompakt, auch fruchtig und mineralisch. Und er lässt am Gaumen nicht nach. Ein feiner Riesling. Für wenig Geld.

Das mag der Captain. Hochwertige Alttagsweine. Kaufen. Ohne Reue trinken. Und auch was davon weglegen. Und sich in ein paar Jahren wundern, wie gut – und wie speziell – dieser Riesling dann sein wird.

 


Datum: 9.8.2020
 

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