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Arnione: stiller, deutscher Supertoskaner

Bolgheri-Winzer Frederick Knauf.
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Der Captain stolperte über einen köstlichen deutschen Rotwein aus der Toskana. Ok, da gibt es auch andere. Dieser jedoch hat ihn gepackt wie kein anderer und er fragte sich, warum noch keiner darüber spricht. Hier ist die Antwort.
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[Dieser Artikel erschien 2018] Der Captain wäre gerne reich. Jeden Tag Kaviar und Champagner aufs Zimmer ordern und zwischendurch im Bentley-Prospekt blättern. Ohne Geldsorgen leben, das wäre schön. So denken viele. Komischerweise sind genau jene, die sich so einen Lebensstil leisten können, hierzulande wenig beliebt. Mitunter sogar verhasst. Sie werden beschimpft als Ausbeuter, Schmarotzer, Taugenichtse. Wie passt das zusammen?

Zehn Prozent der reichsten Deutschen zahlen rund die Hälfte der Steuern aus Lohn und Einkommen. Es sind in der Mehrzahl die mittelständischen Unternehmer, die das Land am Laufen halten, Arbeitsplätze schaffen und via Finanzamt die Rechnung bezahlen. Für eine U-Boote-Flotte, die nicht taucht, einen Flughafen, der verrottet und ein Millionenheer privilegierter Beamter, die keine Sozialabgaben leisten.

Bei der Steuer rumtricksen gelingt in der Regel nur ausländischen Konzernen. Wie zum Beispiel Amazon. Dessen Chef wurde vom Springer-Verlag mit einem Preis für visionäres Unternehmertum geehrt. Der Captain fährt fast jeden Tag mit der S-Bahn im großen Bogen durch das Regierungsviertel mit Blick auf Bundeskanzleramt, Bahntower, Reichstag und die Ministerien. Manchmal ballt er dabei die Faust in der Tasche. So viel Revolution muss sein.

Später dann holt er sich einen Rotwein aus dem Keller und der innere Matrosenaufstand ist vergessen. So rebelliert man in Deutschland. Und schon ist die Kurve zum eigentlichen Thema dieses Beitrags gelegt. Es geht um Rotwein. Guten Rotwein. Sehr guten Rotwein aus Bolgheri, den wir der milliardenschweren Gipsfamilie Knauf zu verdanken haben, die das Manager Magazin in seiner Liste der 100 reichsten Deutschen führt.

Den Knaufs gehört seit genau 20 Jahren das Weingut Campo alla Sughera (heißt Korkfeld oder so) in der Toskana. Alle mal durchatmen. Davon wusstest ihr nichts, gell?

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[Dieser Artikel erschien 2018] Der Captain wäre gerne reich. Jeden Tag Kaviar und Champagner aufs Zimmer ordern und zwischendurch im Bentley-Prospekt blättern. Ohne Geldsorgen leben, das wäre schön. So denken viele. Komischerweise sind genau jene, die sich so einen Lebensstil leisten können, hierzulande wenig beliebt. Mitunter sogar verhasst. Sie werden beschimpft als Ausbeuter, Schmarotzer, Taugenichtse. Wie passt das zusammen?

Zehn Prozent der reichsten Deutschen zahlen rund die Hälfte der Steuern aus Lohn und Einkommen. Es sind in der Mehrzahl die mittelständischen Unternehmer, die das Land am Laufen halten, Arbeitsplätze schaffen und via Finanzamt die Rechnung bezahlen. Für eine U-Boote-Flotte, die nicht taucht, einen Flughafen, der verrottet und ein Millionenheer privilegierter Beamter, die keine Sozialabgaben leisten.

Bei der Steuer rumtricksen gelingt in der Regel nur ausländischen Konzernen. Wie zum Beispiel Amazon. Dessen Chef wurde vom Springer-Verlag mit einem Preis für visionäres Unternehmertum geehrt. Der Captain fährt fast jeden Tag mit der S-Bahn im großen Bogen durch das Regierungsviertel mit Blick auf Bundeskanzleramt, Bahntower, Reichstag und die Ministerien. Manchmal ballt er dabei die Faust in der Tasche. So viel Revolution muss sein.

Später dann holt er sich einen Rotwein aus dem Keller und der innere Matrosenaufstand ist vergessen. So rebelliert man in Deutschland. Und schon ist die Kurve zum eigentlichen Thema dieses Beitrags gelegt. Es geht um Rotwein. Guten Rotwein. Sehr guten Rotwein aus Bolgheri, den wir der milliardenschweren Gipsfamilie Knauf zu verdanken haben, die das Manager Magazin in seiner Liste der 100 reichsten Deutschen führt.

Den Knaufs gehört seit genau 20 Jahren das Weingut Campo alla Sughera (heißt Korkfeld oder so) in der Toskana. Alle mal durchatmen. Davon wusstest ihr nichts, gell?

Man kennt Monteverro von Georg Weber, der die größte Gartencenterkette Europas betreibt. Liegt in der Maremma und wird demnächst hier besprochen. Oder Villa Santo Stefano von Nina Ruge (die aus dem Fernsehen) und Georg Reitzle (der von Linde) bei Lucca. Kommt auch noch dran. Aber dass die Knaufs in Wein machen, wusste bis vor kurzem fast keiner. Es hatte seinen Grund.

In einem hübschen Werbefilmchen zeigen die Quereinsteiger, wo sie da gelandet sind:

Die Knaufs kommen offiziell aus Iphofen in Unterfranken. Das stimmt jedoch nicht ganz. Ursprünglich stammt man nämlich von der Mosel. Dort gab noch der Großvater den Hobby-Winzer und kelterte Wein für die Kunden der Fabriken. Die Knauf-Holding betreibt heute weltweit über 200 Werke und beliefert die Bauwirtschaft mit Gipswänden, Dämmstoffen, Farben, Putzen, Maschinen und Werkzeugen. 27.400 Menschen arbeiten für die Knaufs, die einen Umsatz von 6.5 Mrd. Euro erwirtschaften. Das kann man sich kaum vorstellen. Muss man auch nicht. Um die großen Zusammenhänge zu erkennen, genügt es manchmal, sich in der kleinen Weinwelt umzublicken. Manches wird dann verständlich. Der Captain staunt immer wieder, wie gut das funktioniert. Bis heute besitzen die Knaufs Rebstöcke an der Mosel und am Kaiserstuhl. Und seit 1998 in Bolgheri. Keine 10 Kilometer vom Meer entfernt. Wie kam es dazu? Das erzählt Frederick Knauf gleich dem Captain.

Der elegant wirkende Mann lebt mit seiner Familie in Tokio und spricht gemeinsam mit Kusine Isabel als Eigentümer des Weinguts. Die operative Leitung obliegt der deutschen Geschäftsführerin (und Sommelière) Elisabeth Finkbeiner, die aus der Wirtschaft kommt.

Das macht doppelt Sinn. Man spricht dieselben Sprachen: Deutsch und BWL.

Herr Knauf, wie wurden Sie Winzer? Wir suchten zur Zeit der Supertoskaner nach einem Standort für ein Gipswerk in Italien und landeten in Bolgheri. Meine Onkel Baldwin und Nikolaus hatten sich in Ornellaia und Sassicaia verschossen und so kam es, dass wir plötzlich ein Weingut besaßen. Der Kauf wurde sehr diskret behandelt. 2001, als unser erster Jahrgang auf den Markt kam, arbeitete ich gerade in Italien. Meine weinbegeisterte Familie spendierte dort allen Mitarbeitern einen Sommelierkurs und ich machte mit. Es war mein Erweckungserlebnis und ich begann mich fanatisch weiterzubilden, probierte zuerst alle Bolgheri-Weine und dann immer weiter. Derzeit lerne ich für das WSET Level 2-Diplom für Fachleute der Weinbranche.

Die Knaufs gebieten in Bolgheri über insgesamt 16,5 Hektar Rebfläche verteilt auf 20 Parzellen und füllen im Durchschnitt 110.000 Flaschen. Der Rebsortenspiegel: Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc, Petit Verdot, Merlot, Vermentino. Mit Weingutsberater Stèphane Derenoncourt setzt die Familie seit 2017 auf naturnahes Arbeiten (eine Bio-Zertifizierung wird nicht angestrebt) und die sorgfältige Ausbildung aller festangestellten Weinbergsarbeiter beim Beschneiden der Weinstöcke. Saisonkräfte werden kaum noch beschäftigt. Zwischen den Rebzeilen wachsen Klee, Weichweizen, Ackerbohnen und Erbsen. Die Parzellen sind in Sektoren eingeteilt, die Trauben werden punktgenau nach phenolischer Reife gelesen und getrennt in Kleintanks ausgebaut. Dabei behutsamer Holzeinsatz mit Barriques und 500-Liter-Holzfässern. Je nach Rebsorte entweder neu oder gebraucht. Bloß keine Dominanz! Das Ziel heißt Komplexität und Raffinesse. Zum 20. Geburtstag wurde sogar ein Jubiläumswein kreiert. Was kostet das alles? Über Geld will Frederick Knauf nicht sprechen. Vor 20 Jahren war der Boden noch spottbillig. Das beste Geschäft wäre jetzt zu verkaufen. Aber auf so etwas käme nur einer ohne unternehmerische Vision. So wie der Captain und nicht Jeff Bezos.

Wonach orientiert sich das Weingut? Es geht darum, einen unverkennbaren Stil zu finden, so wie bei Ornellaia, Massetto, Grattamacco, die ich sehr bewundere. Wir möchten Komplexität und Länge. Vergangenen Dezember war ich beim Cuvéetieren dabei. Ich will von den Experten lernen.

Das können Sie jetzt ja. Mit Stèphane Derenoncourt haben sie einen echten Superstar engagiert, einen sogenannten flying winemaker mit eigenen Weingütern im Bordelais und Napa Valley. Er trimmt seit Anfang 2017 den Betrieb auf Eleganz. Kann man sich Exzellenz erkaufen? Für Präzision und Leidenschaft braucht man kein Geld, sondern Entschlossenheit. Wir waren das erste Weingut mit SAP-Software. Dank Stèphane streben wir nun an die Spitze. Unsere deutsche Geschäftsführerin Elisabeth Finkbeiner sorgt dafür, dass man bald mehr von uns hört.

Rundherum machen alle auf dicke Hose, nur um Campo alla Sughara blieb es 20 Jahre lang still. Woher rührte die Bescheidenheit? Wir waren nicht unzufrieden, hatten sogar gute Bewertungen. Aber die Weine waren für meinen Geschmack zu breit. Das ist nicht mehr zeitgemäß. Ich will einen Wein mit schmalen Schultern im Maßanzug. Wir sind jetzt auf einem guten Weg und öffnen die Türen.

Nicht so bescheiden, Herr Knauf! Der Captain probierte im Frühjahr 2018 den Flaggschiffwein des Hauses namens Arnione (Jahrgang 2012) und notierte:

Ein deutscher Supertoskaner? Wohl eher ein Supertoscanello, meint einer meiner italienischer Trinkfreunde, als er den moderaten Preis zur Kenntnis nimmt. Die schwerreiche Gips-Familie Knauf aus Franken, die eigentlich von der Mosel kommt und Tausende Angestellte beschäftigt, feiert 2018 das 20-jährige Bestehen ihres Weinguts Campo alla Sughera im Bolgeri. Arnione heißt der Vorzeigewein des Hauses. Die Rebsorten: Cabernet Sauvignon (40%), Cabernet Franc, Merlot und Petit Verdot (jeweils 20%), also eine klasssische Bordeauxcuvée, wie sie seit Anfang der 1980er-Jahre den Ruf der Supertoskaner in die Welt trägt. 18 bis 20 Monate Ausbau in Barriques, 80% davon neu. Schon in der Nase sehr harmonisch: Pflaume, Cassis, Pfeffer, Vanille, Korianderblättchen. Die klare Reife, die ich rieche, sagt mir, dass ich gleich einen sehr weichen Leckerbissen auf der Zunge spüren werde. Dann der erste Schluck. Ausgewogen und senza Spigolosità (Kante, Spitzigkeit). Sehr rund, ganz leichte balsamische Noten. Am Gaumen fein, frisch, seidig und von meisterhafter Würze geküsst, etwas Süße, die allmählich nach vorne drängt; im Abgang ein Quentchen Kräuterbitter. Ein großer Wein, der für sein Format nicht viel kostet. Ich rolle noch einen Schluck über meine Zunge und denke nach, an was mich das hier erinnert. Freund Allessandro, Orchesterdirigent aus Kalabrien, hat eine Idee: Le Serre Nuove von Ornellaia, der mittlere Wein des weltberühmten Weinguts nebenan. Die gleichen Rebsorten, dort allerdings deutlich mehr Merlot. Der Arnione ist eine herrliche Komposition mit Acidità und Struktur. Unser verkosteter Jahrgang 2012 wird noch mächtig zulegen.

Ein deutscher Supertoskaner auf leisen Sohlen, das ist ein Widerspruch in sich, denkt der Captain, der gerade in Bozen weilt, und gießt einen Riesling ins Glas, den ihm Winzer Martin Foradori aus Tramin in die Hand gedrückt hat: Saarbuger Kupp Großes Gewächs 2016. Wie bitte, italienischer Winzer macht Wein an der Saar? Korrekt. Alles ist in Bewegung. Menschen streben von hier nach dort und die Temperaturen steigen. Wie geht es weiter, Herr Knauf? Schon möglich, dass wir bald die Rebsorten anpassen. Auch Buschpflanzung ist möglich. So wie in Südafrika. Man muss mit der Zeit gehen…

 


Datum: 18.5.2020 (Update 19.5.2020)
 

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