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Brandenburg: der Doktor vom Galgenberg

Winzer und promovierter Obst-Berater: Manfred Lindicke.
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Der Captain reiste nach Werder am Fluss Havel, bestieg einen Berg und trank Rotwein aus märkischem Anbau, der so manchen Chianti blass aussehen lässt. Das ist die Überraschung des Weinfrühlings!
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In der Corona-Krise greifen die Menschen in Berlin und Brandenburg bei Vibratoren (Umsatz: +55%) stärker zu als bei Wein (+34%). Das ist seltsam und lässt mich grübeln. Die gute Nachricht: Wein schlägt Bier (+11,5%).

Dies bedeutet natürlich nicht, dass die Leute plötzlich mehr Alkohol trinken, denn gleichzeitig fällt der Alkoholkonsum in der Gastronomie aus. Quelle obiger Daten aus dem Zeitraum von Mitte März bis Mitte April ist die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK), zusammengetragen von den fleißigen Redakteuren der Hauptstadtzeitung „Tagesspiegel“.

Der Berliner greift also verstärkt zu Wein und Sexspielzeug. Beide sind Stimulationsmittel für zu Hause. Was das über das Paarungsverhalten der Großstädter und ihrer ländlichen Nachbarn aussagt, sei dahingestellt. Der Captain interessiert sich vordringlich fürs Weintrinken, obwohl beides natürlich 1.) gut zusammenpasst und 2.) gleichzeitig verrichtet werden kann, vorausgesetzt man hat keine Angst vor Rotweinflecken auf der Wäsche.

Drink local heißt es ja unter hippen Weinfreunden. Da trifft sich gut, dass der Captain am vergangenen Wochenende zusammen mit seinem Weinfreund Dietrich eine kleine Weinreise aus Berlin ins nahe gelegene Werder unternahm, um das Weingut des promovierten Obstberaters Manfred Lindicke zu besichtigen, wo jährlich 70.000 Flaschen (!) den Hof verlassen, um hauptsächlich in der regionalen Gastronomie geleert zu werden. Aus bekannten Gründen ist das Geschäft völlig zusammengebrochen. Dit is ne Bredullje.

Diesen Besuch hatten der Captain und Dietrich schon lange ins Auge gefasst, aber immer wieder verschoben, weil Einladungen zu anderen Destinationen dazwischen kamen: Bordeaux, Sizilien, Rheingau und so. Damit ist erstmal Schluss. Endlich also Werder. Dem Scheißvirus sei Dank.

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Lindicke studierte in der kommunistischen Zeit an der Humboldt-Uni Agrarwissenschaften und machte in der staatlichen Landwirtschaft Karriere, stieg auf zum Chef des größten Erdbeerproduzenten der DDR. Zitat: Wir hatten 200 Hektar Erdbeeren unter dem Pflug. Nach der Wende machte sich Lindicke als freiberuflicher Obstbau-Berater selbstständig und hat bis heute Kundschaft in ganz Europa. Als irgendwann zu Beginn der 1990er-Jahre ein paar Kollegen vom Kaiserstuhl zu Besuch kamen und Lindicke die Gruppe zu den heruntergekommenen Rebstöcken auf den Werderaner Wachtelberg führte, lachten die ihn aus. Das beflügelte den stolzen Obstmann. Er verhandelte mit der Kommune über die Pacht der 6,2 Hektar Weinfläche und begann eine zweite Karriere als Winzer. 2012 kamen 1,4 Hektar am Galgenberg gegenüber dazu. Dem Hügel widmete Christian Morgenstern seine berühmten Galgenlieder: Man sieht vom Galgenberg die Welt anders an, und man sieht andre Dinge als Andre.

Der Boden hier ist purer Sand, der 30 Meter tief hinabreicht. Dieser schwierige Untergrund (wenig Wasserspeicher) und Wetterextreme machen Lindicke zu schaffen. Weil der helle Sand die Hitze vom Boden auf die jungen Triebe reflektiert, herrscht im Frühling höchste Verbrennungsgefahr, keine Laubwand schützt die zarten Knospen. Der Klimawandel diktiert Lindickes Handeln nicht erst seit Kurzem. Schon lange steht er mit den berühmten Forschern vom nahe gelegenen Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung in Kontakt. Dort prophezeite man ihm schon vor vielen Jahren, dass man in Werder eines Tages Riesling anbauen könne. Lindicke: Nur leider geht das nicht auf diesem blöden Sand.

Aber dafür gehen andere Sorten. Lindicke verkauft in seinem → Online-Shop Wein aus mehreren PIWI-Sorten: Kernling, Muscaris, Sauvignac, Regent. PIWI steht übrigens für pilzwiderstandsfähig. Aber auch sorgfältig gepflegte Stöcke mit herkömmlichen Trauben wurzeln im Wachtelberg: Müller-Thurgau, Sauvignon Blanc, Regent und Dornfelder. Besonders stolz ist Lindicke, der betont, dass schriftliche Dokumente die Verbindung seiner Familie mit dem Werderaner Weinbau bereits zu Beginn des 18. Jahrhunderts belegen, auf seine Saphira Spätlese, die der Captain erst später zu Hause verkostete, weil der Konsum in der schmucken Straußwirtschaft neben den Rebzeilen verboten ist. Lindicke: Die Rebsorte Saphir bildet hier auf dem Sand eine tolle Fruchtigkeit aus und enthält auch bei hohen Mostgewichten ausreichend Säure. Der Captain schrieb beim Trinken mit: Im Glas strahlendes Gelb. In der Nase fruchtiger Schmelz mit Noten von Hollunderblüten, aufgeschnittenem gelben Apfel, etwas Kohlrabi, Pfirsich. Im Mund klare Fruchtnoten. Ich schmecke viel Apfel und weißen Pfirsich. Die Säure ist mild, feine Süßlichkeit dominiert den Wein. Der Captain stellt sich dieses Gute-Laune-Getränk als Begleiter einer regionalen Käseplatte vor und ist zufrieden.

Was jedoch den Captain beim Besuch am Wachtelberg auf den ersten Blick viel mehr interessiert, ist ein anderer Wein, den Lindicke erst nach höflicher Bitte rausrückt. Offenbar ist er nicht sicher, ob er diesen Tropfen für seinen Betrieb sprechen lassen will. Vielleicht fürchtet er sich vor dem strengen Urteil, weil er las, wie sich der Captain durch die großen Barolo-Gemeinden der Langhe soff, im Rheingau noble Spätburgunder trank und auf dem Ätna sich mineralische Nerellos in die Kehle goß. Was für ein Irrtum! Der Captain liebt natürlich all diese Weingebiete und die Früchte ihrer Böden. Aber was der Captain noch mehr liebt, sind Überraschungen. Und dieser Rotwein aus Brandenburg ist die große Überraschung des Ausflugs. Viel mehr: Er ist die größte Überraschung dieses Weinfrühlings! Es handelt sich um den im kleinen Holzfass gereiften Pinotin Werderaner Galgenberg, Jahrgang 2016 mit niedrigen 13,0 Volumenprozent Alkohol. Der Captain nahm den Wein in seine Hände, packte ihn ein und machte sich auf den Heimweg nach Berlin. Auf der Rückreise in die große Stadt bestellte er am Telefon Pizza mit scharfer Salami bei „Francucci“, einem alteingesessenen Party-Italiener am Kudamm. Der Captain liebt den würzigen Teig der Francucci-Pizze sehr. Zu Hause wird dazu Lindickes Pinotin eingeschenkt: Im Bordeauxglas tiefdunkel, fast schwarz. In der Nase viel Schmelz von dunkler Kirsche, Brombeere und Heidelbeere, ein Hauch Linzertorte mit zarten Noten von Mürbeteig. Im Mund dann konsequent trocken, vollmundig und von samtiger Textur. Ich schmecke Schwarze Johannisbeere, nochmal Kirsche, etwas ausgiebig gezogenen Assam-Tee, getrocknete Wacholderbeeren, Thai-Basilikum und einen Hauch Vanille. Die Tannine sind weich, die Säure ist brav dosiert und verleiht dem Tropfen etwas Biss. Dieser überraschend angenehme und würzige Rotwein von der Havel schmeckt deutlich besser und charaktervoller als mancher Chianti, der für mehr Geld in den Regalen der Weinläden steht. Man sollte den Wein nach dem Öffnen nicht zu lange stehen lassen, denn nach drei Tagen macht er schlapp.

Lindicke trifft der shutdown hart. Die neue Kelterhalle, die 2012 hochgezogen wurde, kostete 600.000 Euro. Der Kredit ist noch nicht abbezahlt. Davor wurde die Ernte mit Kühllastern 200 Kilometer weit ins Landesweingut Kloster Pforta gekarrt, um dort verarbeitet zu werden. Keiner weiß, wie es weitergeht. Die Sorgen sind dieselben wie in jedem anderen Weingut.

Was ist Pinotin? Der Captain ist zu faul zum Selberschreiben und zitiert aus Wikipedia:

Pinotin ist eine im Jahr 1991 gezüchtete Rotweinsorte. Sie ist eine Kreuzung zwischen Blauem Spätburgunder und Resistenzpartnern. Gezüchtet wurde die neue Rebsorte vom Schweizer Rebenzüchter Valentin Blattner. Die Selektion erfolgte in der Rebschule Freytag in der Gemeinde Neustadt/Lachen-Speyerdorf in der Pfalz. Nach mehreren Jahren der Versuchsauswertung wurde die Rebsorte von Volker Freytag im Jahre 2002 zum Sortenschutz und 2010 zu Klassifizierung angemeldet. Der Geschmack des Weins zeichnet sich durch eine milde, warme Art aus. Im Duft erinnert der Wein an schwarze Kirschen. Er hat eine rubinrote Farbe im Glas.

Der märkische Weinbau ist seit über 800 Jahren belegt. Die Jahrhundertwende um 1800 gilt als seine Blütezeit. Zur Wende waren nur noch ein paar Hektar Hobbyweinbau übrig, der rasch wiederbelebt und teilweise professionalisiert wurde. Die Rebfläche Brandenburgs beträgt aktuell 33 Hektar. Die rote PIWI-Sorte Regent ist mit 5,7 Hektar die meist angebaute Traube in Brandenburg. Weinrechtlich gehört der Werderaner Weinbau zum Anbaugebiet Saale-Unstrut, das weit im Süden liegt. Eine offizielle Liste mit Winzern in Brandenburg fand der Captain nicht, zählte aber die Betriebe in einer Broschüre des Landwirtschaftsministeriums zusammen und kam auf ca. 25 Hersteller.

 

Datum: 17.11.2020