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André Tchelistcheff – der Film

André Tchelistcheff (1901-1994)
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Der russische Önologe André Tchelistcheff ist der unbekannteste und zugleich wichtigste Pionier der Önologie des 20. Jahrhunderts. Sein Großneffe Mark ist Regisseur und lebt in Berlin. Zwischen 2007 und 2017 schuf er eine opulente Filmdokumentation über seinen Onkel und die Weinwelt seiner Zeit. Diesen bewegenden Movie kann man hier abrufen.
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Hier geht’s zum TRAILER.

Heute hat der Captain nicht nur einen eleganten Wein für dich, sondern auch den Film zum Wein, besser noch: den Film zum Weinmacher. Ja, die Leser des Captain können die prachtvolle Filmdokumentation André The Voice of Wine sehen, wenn sie knapp 20 Euro für eine Riesendosis genussvollen Weinwissens springen lassen. Eingach mal auf den Link klicken, da steht dann alles Wissenswerte.

Wie kommt es dazu? Nun, der Schmelztiegel Berlin ist wahrscheinlich die hässlichste Stadt Deutschlands, aber ganz sicher auch die interessanteste, wo man, wenn man möchte, spannende Begegnungen erlebt. Eine dieser Gelegenheiten brachte den Captain im Februar 2017 mit dem russischen Werbefilmer, Regisseur und ebenfalls Wahl-Berliner Mark Tchelistcheff zusammen, der auf der Berlinale diesen Film über seinen Onkel André Tchelsitcheff in einem dunklen screening room präsentierte.

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Da saß der Captain eingezwängt zwischen Steven Spurrier (Organisator des Judgement of Paris und Berater des Films) und Ralph Fiennes (Schauspieler und Sprecher des Films) und war zu Tränen gerührt, so wunderbar eindringlich, lehrsam und leichtfüßig ist diese aufwendig gemachte Produktion geraten.

2020 hätte das Werk in die Kinos kommen sollen, erzählte Mark dem Captain neulich, als beide telefonierten. Das wird nichts mehr in diesem Jahr, war beiden klar. In dieser Sekunde wurde die Idee geboren, Marks Film für die Leser des Captain zugänglich zu machen. So etwas geht heutzutage ja im Handumdrehen. Wenn du dich also satt gesehen hast an Menschen, die keine Sorgen mehr haben, wie zum Beispiel Karlheinz Böhm (als Franzl), Romy Schneider (als Sissy) und Frank-Walter Steinmeier (als Frank-Walter Steinmeier), dann gönn dir zum Preis eines ordentlichen Weins diesen Film, der dich als Weinfreund in knapp 100 Minuten weiter nach vorne bringt als 10 dicke Weinbücher.

Wer war dieser André Tchelistcheff? Wohl einer der bedeutendsten Weinmacher des 20. Jahrhunderts. Möglicherweise sogar DER bedeutendste. Echt?

Europäischen Weinfreunden erschließt sich die Bedeutung dieses Mannes über eine Abzweigung nach Italien. Genauer: in die Toskana. Als Lodovico Antinori 1981 sein Weingut auf einem Flecken Land gründete, das ihm seine Mutter aus ihrem Besitz in Bolgheri geschenkt hatte, machte er sich mit Eifer daran, Weine im Bordeaux-Stil herzustellen. Am Ende schuf er dort die beiden berühmtesten Weine Italiens: Ornellaia und Masseto.

Wie viele andere italienische Weinpioniere und Investoren war Antinori durch den Erfolg des Sassicaia seines adeligen Onkels Mario Incisa della Rocchetta nach Bolgheri gelockt worden. Die Gegend galt lange Zeit als minderwertiges Weinland. Sassicaia, diese Provokation aus internationalen Rebsorten hatte eine Weinrevolution ausgelöst. Mit der Hilfe von damals völlig unorthodoxen Methoden wie Ertragsreduzierung und BarriqueAusbau rüttelte der Sassicaia die stagnierende Weinindustrie des Landes auf, die in den frühen 1980er Jahren durch veraltete und restriktive Gesetze festgefahren war.

Antinori gehörte zur ersten Welle von Investoren, welche die Maremma zur toskanischen Goldküste machten. Antinori war überzeugt, dass die Kombination aus warmen Temperaturen, Meeresbrise und einer Mischung aus kalkhaltigen, lehmigen und sandigen Böden mit den Bedingungen in Teilen Kaliforniens mithalten konnte, wo er zuvor viel Erfahrung gesammelt hatte. Als begeisterter Fan kalifornischer Weine und insbesondere der damals weltweit sehr gefragten Napa-Cabernets engagierte Antinori den angesehenen russischstämmigen Önologen André Tchelistcheff als Berater. Tchelistcheff galt als Önologie-Genie und Vater des kalifornischen Cabernet. Unter seiner Anleitung wählte Antinori die besten Lagen aus, um Cabernet Sauvignon, Merlot, Cabernet Franc und eine kleine Menge Petit Verdot anzupflanzen, die in unterschiedlichen Mengen verschnitten wurden. So entstand der Ornellaia.

Tchelistcheff galt als Kauz, der weder an Ruhm noch an Geld interessiert war und dennoch das Leben in vollen Zügen genoss. Er wollte nur in den Weinbergen bei seinen Reben sein. Folgendes Zitat ist überliefert: Der Winzer sollte viel näher am Wein leben. Das ist der Teilbeitrag, den ich zur Weinindustrie geleistet habe. Vorher waren Önologie und Weinbau getrennt.

Ein Kollege erinnerte sich, dass Tschelistcheff sich einmal in einem Weinberg im Santa Barbara County hinkniete, eine Handvoll Erde in den Mund nahm und sagte: Pinot Noir. Der Boden ist perfekt für Pinot Noir.

Irgendwann zur Lebensmitte (Tchelistcheff lebte von 1901 bis 1994) legte der Kettenraucher seine Zigaretten beiseite. Die Enthaltsamkeit währte jedoch nur kurz. Tchelistcheff sagte, sein Gaumengedächtnis sei als Raucher geformt worden und nachdem er aufgehört hatte, schmeckten oder rochen die Weine nicht mehr gleich. Das Nichtrauchen bereitete ihm Probleme bei der Beurteilung von Wein und er fing mit dem Qualmen wieder an. Es dauerte allerdings ein paar Monate, bis er seinen Gaumen re-kalibriert hatte.

Zur Beerdigung in der Erde seines geliebten Napa Valley kamen Wein-Koryphäen wie Mondavi, Gallo, Martini, Winiarski, Heitz und Davies. Noch im Sterbebett sprach er mit einigen von ihnen über die Reblaus, neue Klone und darüber, wo Pinot Noir in zukünftigen Generationen gut gedeihen könnte. Bis zum Ende floss Wein durch Tchelistcheffs Adern.

Tchelistcheff, der führende Weingüter Kaliforniens beriet und eine ganze Generation von Önologen ausbildete, besaß keinen eigenen Weinkeller. Weine, die ihm wichtig waren, lagen unter seinem Bett oder wurden sofort verschenkt, damit auch andere an diesem Genuss teilhaben konnten. Weinsammler, die eifersüchtig über ihre Schätze wachen, bedachte er mit mildem Spott.

Tchelistcheff kam 1901 in Moskau zur Welt und wuchs als Sohn wohlhabender Landbesitzer auf, die Wolfshunde und Vollblutpferde züchteten. In der Revolution von 1917 verlor die Familie alles und musste fliehen. Tchelistcheff kämpfte in der Weißen Armee gegen die Roten. Nach einem Gefecht im Schneesturm wurde er von seinen Kameraden zum Sterben zurückgelassen, überlebte jedoch, erholte sich und floh mit der Familie nach Jugoslawien. Später studierte Tchelistcheff in der Tschechoslowakei Landwirtschaft, ging dann nach Paris und studierte Önologie und Mikrobiologie.

In Frankreich lernte er Georges de Latour kennen, den Gründer des Pionierbetriebs Beaulieu Vineyard bei Rutherford, der ihn 1938 als Weinmacher engagierte und nach Kalifornien holte. Als Tchelistcheff ankam, war er entsetzt. Kaliforniens Weinindustrie erholte sich gerade von der Prohibition von 1920 bis 1933. Die meisten Weingüter waren in einem erbärmlichen Zustand. Tchelistcheff setzte sich stark für hygienische Standards bei der Weinbereitung ein und gründete ein Labor, um Weine auf Fehler zu testen. Er wirkte als Berater von Leitbetrieben des Valley (unter anderem Chateau Montelena, wo er einen der Siegerweine des Judgement of Paris entwickelte und auch ein zweiter Wein, der 1976 in Paris für Furore sorgte, entstand unter seinem Zutun, nämlich der Stag`s Leap Cabernet 1973 von Warren Winiarski.

Tchelistcheff ist der unberühmteste Berühmte der Weltweinkultur. Er brachte neue Methoden nach Kalifornien, unter anderem den Ausbau im kleinen Barrique, und trug den Funken von dort nach Italien weiter, wo er zum Feuer aufloderte und die ganze Weinwelt entzündete. Das alles wird haarklein in diesem Film nacherzählt.

Selten bekam der Captain so viel Weinwissen auf einmal verabreicht, eingebunden in diese opulente Breitwand-Doku von Mark Tchelistcheff. Der Spaß kostet knapp 20 Euro, was nicht wenig ist, aber viel günstiger als unser Parteischranzen-Wiederholungs-TV für 8 Milliarden Euro. Vergiss aber bitte nicht, für das Gucken einen richtig guten Wein bereitzustellen.

Übrigens: Mark hat alle seine Ersparnisse in diesen Film gesteckt, an dem er 10 Jahre lang arbeitete, und kann jeden Euro dafür gut gebrauchen.

 

Datum: 24.12.2020 (Update 2.1.2021)
 

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