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Zieher: das Gläser-Experiment

Dominik Zieher.
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Der Captain probiert einen jugendlichen Barbera aus drei verschiedenen Gläsern und lernt, wie unterschiedlich das sensorische Erlebnis ausfällt. Es macht Spaß, Wein auf diese Weise zu genießen.
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Der Captain trinkt einen unbegleiteten Minderjährigen, der ihm von wohlmeinender Stelle aus einer Krisenregion vermittelt wurde und sich bei Ankunft im Glas als kraftstrotzender Kerl entpuppt, der den Gaumen rockt. Überraschung?

Es handelt sich um den Barbera d’Asti Loreto vom Familienweingut Molino im Barolo-Country Langhe in der südlichen Mitte des Piemont, ganz nahe bei Alba. Ein junger und wohlschmeckender Hüpfer (2018), der schon ganz ordentliche Bartstoppeln trägt und trotz kleinem Preis ziemlich viel Charakter zeigt.

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Zwei Herren luden mich zu diesem Wein ein, weil sie mir zeigen wollten, wie unterschiedlich dieser Tropfen schmeckt, wenn er in drei verschiedene Gläser gelegt wird: der Kulmbacher Unternehmer Dominik Zieher und Sommelier Silvio Nitzsche, der in Dresden die vielleicht beste Weinbar Deutschlands betreibt. Sie heißt → Weinkulturbar, ich finde, das ist selbsterklärend.

Dominik leitet einen Familienbetrieb, der Buffetmöbel und Hotelausstattungen herstellt. Ja, so etwas gibt es auch. Ein typischer Mittelständler, der Menschen Arbeit gibt, hohe Sozialabgaben und Steuern zahlt und dann liest, dass windige Banker mit freundlicher Unterstützung des heutigen Bundesfinanzministers vom Staat → 47 Millionen Euro geschenkt bekamen. To make the long story short: Zieher lässt seit 5 Jahren in Ungarn sogenannte Themengläser blasen, die er für harte Münze an Weinfreunde verkauft. Ein namhafter Konkurrent lässt übrigens in Polen blasen, erfuhr der Captain neulich. Für 6 Euro pro Glas.

Nun kennt man ja all die Marken, die mit Batterien von Gläsern um die Gunst von Gourmets buhlen. Gläser für Rebsorten, Gläser für Regionen, Gläser für Männer, Gläser für Frauen und Gläser für sexuell Unentschiedene. Hotellieferant Zieher und Sommelier Nitzsche dachten sich: Das machen wir anders. Und entwickelten → eine kleine Glasserie, die Weine einfach nur unterschiedlich wirken lässt.

Das findet der Captain spannend, sonst würde er auch nicht darüber schreiben, fade Produkt-PR gibt’s woanders. Und es funktioniert. Der Captain trank den italienischen Gaumenstürmer von Molino aus den Gläsern FRESH, INTENSE und BALANCED und war fasziniert von den sensorischen Schattierungen, vor allem in der Nase, die, wie du weißt, erheblichen Einfluss auf die Wahrnehmung im Mund nimmt.

Am besten schmeckte dieser Wein im großen, bauchigen BALANCED-Glas, was nicht wirklich überrascht. Wobei im Modell INTENSE seine fruchtige Charakteristik wesentlich deutlicher zur Geltung kam. So kann man sich das Weinvergnügen selbst gestalten.

Ode an das große Glas

Leider sind die Kelche nicht billig, BALANCED kostet zum Beispiel 52 Euro. Da kommst du mit meinem Barbera günstiger weg. Es ist ein guter Preis-Leistungs-Bringer, der Spaß macht. Die Trauben wuchsen auf Kalk und Ton und wurden absichtlich etwas überreif geerntet, um die natürliche Süße zu betonen. Tiefdunkles Rubinrot im Zieher-Glas. Ich rieche nasses Unterholz und Erde wie bei einem herbstlichen Waldspaziergang, dann Sauerkirsche, edles Kakaopulver, ein zerriebenes Minzblatt, einen Tropfen hochprozentiges Kirschwasser. Ja, dieser junge Lackl hat Power: 15% Vol., die sich im Mund wohlgefällig unter die anderen Zutaten mischen. Die da wären: Granatapfelkerne, Rote Johannisbeere, etwas Brombeere, Orangenschale. Saftig und sehnig zugleich (die rassige Säure macht’s) und mit sanften Tanninen bestreut wie zartbitteres Kakaopulver über Tiramisu. Für einen Wein dieser Preisklasse ungewöhnlich gut strukturiert. Am Gaumen ein Quentchen weicher Süße, die ihm Tiefe und Charakter verleiht.

 

Datum: 16.9.2020 (Update 18.9.2020)
 

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