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Wie ich den Silvaner entdeckte

Winzer Martin Göbel mit Weinprinzessin Klara Zehnder.
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Silvaner aus Franken blieb für Christoph Hahn ein unentdeckter Kontinent, denn er trank bisher fast nur Riesling von der Mosel. Neulich aber war es so weit.
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Ich, der Riesling-Aficionado, näherte mich an den Silvaner, den Wein der Franken (und der Rheinhessen) an und gewann ihn lieb. Die pure Neugier trieb mich. Und der Captain. Irgendwie kam ich dann zu Martin Göbel aus Randersacker südlich von Würzburg und blieb bei ihm hängen.

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Ich, der Riesling-Aficionado, näherte mich an den Silvaner, den Wein der Franken (und der Rheinhessen) an und gewann ihn lieb. Die pure Neugier trieb mich. Und der Captain. Irgendwie kam ich dann zu Martin Göbel aus Randersacker südlich von Würzburg und blieb bei ihm hängen.

Das geht natürlich nicht gegen Göbels Kollegen Rudolf May aus Retzstadt auf der anderen Seite der fränkischen Metropole, den ich seit Jahren kenne und als Könner seines Fachs ehre. Aber Göbel (Jahrgang 1987) macht es anders, moderner. Kein Wunder, er ist ja auch eine Generation jünger als May. Vielleicht spielt auch eine Rolle, dass Randersacker nicht nur in Hinsicht auf das Gedeihen der Reben eine fruchtbare Landschaft hergibt. Zweierlei Schmitts, die „Trockenen Schmitts“ und „Schmitts Kinder“, gibt es hier. Dann noch das Duo Störrlein und Krenig sowie Markus Schmachtenberger. An Talenten und guten, etablierten Winzern herrscht hier kein Mangel. Trotzdem hebt sich Göbel ab. Denn er nimmt Anleihen bei der populären Musikkultur und was damit zusammenhängt: Produktlinien auf seiner Weinliste heißen „Roots“ und „Rock“.

Ich kriege bei Göbels Silvaner jedoch den Blues. Was jetzt nicht gegen die Qualität der Weine geht und auch nicht bedeutet, dass jeder Schluck mich auf den tiefsten Grund hinunterzieht. Stimmt alles nicht. Aber erdig schmecken sie schon, diese Silvaner made in Randersacker, erdig wie die Geschichten von B.B. King, Muddy Waters und Kollegen. Easy Drinking läuft mit diesem Stoff einfach nicht. Schlucken, durch und weiter – nicht mit Martin Göbel.

Die Silvaner aus dem Weingut an der Friedhofstraße sind zu fordernd dafür. Beim ersten Schluck ist mir, als würde ich durch das Erdreich in puren frrrrränkischen Muschelkalk nebst Gipskeuper beißen. Der Stoff kommt ziemlich direkt und unverblümt zur Sache. Es wird kompromisslos mineralisch. Er schleicht sich nicht mit einem Strauß von Aromen an wie ein Kavalier auf dem Weg zu seiner Angebeteten. Das Pure macht ihn aus. Die Art, wie der Silvaner vom Pfülben seine Ursprünge ausdrückt. Die Frucht ist eher Beiwerk als ein vordergründiger Effekt. Kein vorsichtiges Antichambrieren, nein. Martin Göbels Silvaner kommt unmittelbar zur Sache und hält sich nicht lange damit auf, durch eine üppige süße Frucht um die Gunst des Trinkers zu werben. Schon beim ersten Schluck spüre ich das Aroma von frischer Erde auf der Zunge. Frische Säure wie von einem Apfel sorgt für den Trinkfluss. Kein Chichi und kein Drumherum, sondern eine ziemlich primäre Erfahrung – Alkohol, Mineralik und ansonsten knochentrocken. Dieser Wein kommt von ganz allein auf den Punkt.

Das geht Rudolf May nicht anders. Von ihm lerne ich auch, was beim Silvaner die entscheidenden Faktoren für dessen Lager- und Entwicklungsfähigkeit sind: Alter der Rebanlage, reduzierter Ertrag, keine Botrytis, Verzicht auf Hilfsmittel und Spontangärung markieren für den Erfahrenen den Weg zu einem Getränk mit einem gewissen Ewigkeitswert. Und dann hat sich im Hirnstamm ein May-Zitat festgesetzt, das viel über ihn und seine Weine aussagt: Fränkisch trocken ist mir nicht trocken genug.

Für sich und seinen Betrieb hat May klare Standards festgelegt. Früher gab es eine generelle fränkische Regelung – vier Gramm Restzucker pro Liter. Dieser Wert wird heute klar unterboten. Zumindest, wenn alles gut läuft. Wir versuchen, bei unseren Silvanern und Burgunder immer unter zwei Gramm zu bleiben. Unser 2018er Silvaner Retzstadt Ortswein liegt sogar bei 0,2 Gramm.

Für Hermann Mengler, Oenologe und Weinfachberater beim Regierungsbezirk Unterfranken, liegt der Grenzwert, den ein „fränkisch trockener“ Wein unterschreiten muss, aufgrund eines gentlemen’s agreement ebenfalls bei vier Gramm. Gesetzlich oder sonstwie bindend festgelegt sind die vier Gramm aber nicht, sagt der Experte. Der Fachmann weiß es genauer – nicht jeder Tropfen aus Volkach, Iphofen, Escherndorf und anderen Anbauorten ist so trocken, dass es aus der Flasche staubt: 2017 waren 30,18 Prozent aller Weine fränkisch trocken.

Niemals mit dem Erreichten zufrieden sein, auch wenn es noch so viel Anerkennung einbringt, immer weiter gehen und niemals stehen bleiben, sich eine gewisse Unruhe bewahren – das macht May wie andere Winzer groß. Etwas kommt noch hinzu: Eigensinn und Stilbewusstsein. Rudolf May ist auch ungeheuer erfahren und gehört zu den Franken mit Rang und Namen, die (nicht nur) mit ihren Silvanern in der internationalen Spielklasse mithalten können. Er steht für eine Entwicklung, die über seine Person hinausgeht. Der Silvaner trägt kein folkloristisches Kleid mehr und wird über seine Ursprungsheimat(en) hinaus wahrgenommen. Leider kommt er damit nicht sehr weit. Silvaner ist ein Exportflop. Das ist schade, denn innovative Winzer haben diesem Wein ein frisches Geschmacks- und Erscheinungsbild verpasst. Wie im Übrigen auch dem Müller-Thurgau.

 


Datum: 17.9.2019
 

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