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Weingut gesucht, Liebe gefunden

Eva Raps und Urban Kaufmann.
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Eva Raps suchte einen Winzer. Urban Kaufmann ein Weingut. Beide haben beides gefunden. Eine Liebesgeschichte in 6 Wein-Kapiteln. Schluchz!
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Kapitel I: Der Traum

Das Bild kann bezeichnender nicht sein: Eva Raps steht in ihrem Weinberg und bändigt mit angestrengtem Gesicht die jungen Rebentriebe, um sie an der Rankhilfe befestigen zu können. Was da recht mühsam rüberkommt, ist in Wahrheit die glückliche Erfüllung eines lange gehegten Traums. Eva Raps bewohnt und bewirtschaftet ihr eigenes Weingut.

Dabei sah ihr Leben bis vor kurzem noch ganz anders aus. Die gebürtige Fränkin absolvierte die Hotelfachschule, arbeitete in der Gastronomie und leitete viele Jahre lang als Geschäftsführerin den Winzerverband VDP. Das ist ein Verein renommierter Winzer, der sich in den vergangenen Jahren zu einer anerkannten Größe der deutschen Weinwirtschaft mauserte.

Der Job hieß vor allem: Schreibtischarbeit. Eva Raps musste die Bedürfnisse von 200 zuweilen recht eigensinnigen Winzern vertreten und den Verband nach vorne bringen. Und manchmal, nach einer recht mühsamen Verhandlung, bei der es wieder mal um irgendeine zähe Sache ging, dachte sie, wie schön das wäre – im eigenen Weinberg zwischen den Rebzeilen stehen und dem neuen Jahrgang beim Werden zusehen. So ungefähr hat das letztendlich auch geklappt.

Wahrscheinlich an einem von Evas Schreibtischtagen, ging Urban Kaufmann gerade von seiner Käserei im Kanton St. Gallen ein paar Schritte über das Grundstück des Betriebs, um nach den Brieftauben im Verschlag zu sehen. Die wertvollen Tiere bedürfen großer Aufmerksamkeit. Und es kam ihm vielleicht wieder mal der Gedanke: Ich will jetzt endlich mein Leben ändern und nur noch Wein machen.

Kaufmann galt als einer der besten Produzenten von Appenzeller Käse, führte seinen Betrieb 10 Jahre lang. Aber der Drang zum Wein wurde immer stärker. So stark, dass Kaufmann schließlich ein Praktikum im renommierten Pinot Noir-Weingut Bachtobel im Kanton Thurgau anstrebte, um das Weinmachen kennenzulernen. Kaufmann: „Wein war immer schon mein Traum, eine innere Stimme. Ab 2009 habe ich mich konkret mit dem Gedanken befasst, 2012 war ich fest entschlossen.“

Kapitel II:

Um das angesehene Weingut Hans Lang war es in den Jahren vor der Übernahme durch Kaufmann und Raps still geworden. Warum? Da gibt es unterschiedliche Ansichten. Eine davon lautet, weil Winzer Lang mit seinem damals kühnen Schritt in das bis dahin verfemte Reich der großen Discounter ein paar Wortführern der Branche mächtig verschreckt hat. Es heißt, viele haben sich damals daran beteiligt, die Weine von Lang schlechtzureden. Was dazu führte, dass die gehobene Gastronomie ihr Interesse verlor.

Kapitel III: Die Realität

Urban Kaufmann hatte sich gründlicher auf sein neues Leben vorbereitet als es eigentlich geht. Wer ihn kennt, beschreibt Kaufmann als das Gegenteil eines Draufgängers, der sich in ein ungewisses Abenteuer stürzt. Und Eva Raps, die ehemalige Verbandsmanagerin des VDP, hörte sich jahrelang die Sorgen und Nöte der deutschen Spitzenwinzer an. Beide wussten also genau, auf was sie sich da einließen.

Und dennoch wartete das Winzersein für sie mit der einen oder anderen Überraschung auf. Raps: Bei Verkauf und Vertrieb – da habe ich Defizite und bekomme die zu spüren. Wein verkauft sich eben nicht von selbst.

Die beiden Neuwinzer gaben sich zweifellos jede Mühe und riefen eine ansprechende neue Weinlinie unter dem Namen „Kaufmann“ mit kühnem Design ins Leben. Aber der deutsche Weinhandel lässt sich nur ungern auf Experimente ein. Und dann muss die frohe Botschaft vom relaunchten Weingut auch noch an die Konsumenten verbreitet werden. Da heißt es im Internet fix zu sein. Der Geisenheimer Weingutsberater Erhard Heitlinger, der Kaufmann beim Suchen und Finden seines Weinguts half: Liebe und Begeisterung zum Wein ist nicht ausreichend. Es braucht eine seriöse Betriebsplanung – vom Keller bis ins Glas des Konsumenten.

12 Tipps für den Kauf eines Weinguts

Kapitel IV: Die Beziehung

Kommen wir endlich zu jenem Kapitel, das die Verheißung der sentimentalen Überschrift dieses Artikels einlöst: Weingut gesucht, Liebe gefunden. Ungefähr zur selben Zeit, als Urban Kaufmann den Plan vom neuen Winzerleben umzusetzen begann, erfuhr Eva Raps als VDP-Managerin von der Nachfolgeproblematik bei Hans Lang. Der informierte sie nämlich diskret über seine Situation. Langs Tochter zog es nämlich vor, eigene Wege zu gehen. Ihr gutes Recht.

In der Zwischenzeit hatte sich Kaufmann an den Geisenheimer Berater Erhard Heitlinger gewandt. Im Piemont war er ja nicht fündig geworden, auch nicht in Österreich. Dann eben Deutschland. Ist auch mental viel näher. Aber hier gestaltete sich die Suche kaum einfacher. Es gibt zwar jede Menge Steillagen-Betriebe an der Mosel, die zum Verkauf stehen. Aber Kaufmann wollte das nicht: Ich liebe die Weine von dort. Die Arbeit ist mir jedoch zu aufwendig und zudem betriebswirtschaftlich riskant.

Auf langen Autofahrten scherzten Kaufmann und Heitlinger rum. Warum nicht gleich ein Weingut mit alleinstehender Frau suchen? Dann wäre auch die Frage der Partnerschaft geklärt. Denn Kaufmann war Single. Ein Zustand, den er nicht beibehalten wollte. Kaufmann: Ich hoffte sehr, dass es in der Weinbranche mehr Frauen gibt als in der Käsebranche.

Irgendwann landete Heitlinger auf seiner Suche nach einem Weingut für Urban Kaufmann bei Eva Raps in ihrem Verband und brachte sein Anliegen vor. So drang die Kunde vom alleinstehenden Möchtegern-Winzer zu Raps. Die wurde hellhörig. Sollte das die Chance für eine Neuorientierung sein? Ich war schon lange auf der Suche nach dem Winzer meines Lebens. Das war DIE Gelegenheit. Ich ließ mir Fotos schicken und dann haben wir uns getroffen. Daraus entstand, was wir heute haben – eine glückliche Beziehung, in der ich meinen Traum leben darf.

Kapitel V: Die Vergangenheit

Wie krempelt man ein Weingut um? Ja, das ist keine einfache Frage. Trotzdem wage ich eine einfache Antwort: Indem der alte Winzer dem neuen Winzer hilft. Es bedarf keiner besonderen psychologischen Kenntnisse, um zu erahnen, wie heikel diese Herausforderung ist. Ein Weingut, das ist schließlich ein Lebenswerk. Es gehört viel Größe dazu, sanft loszulassen und den Übergang zu begleiten. Irgendwie haben das Trio Lang-Kaufmann-Raps dieses Kunststück hinbekommen. Ein ganzes Jahr lang stand Senior-Winzer Hans Lang seinen Nachfolgern zur Verfügung, begleitete den Jahrgang ohne Egoprobleme von den Reben bis ins Fass bzw. den Tank. Urban Kaufmann: Ich hatte mich intensiv vorbereitet. Aber die Erfahrung mit Hans Lang gemeinsam Wein zu machen, war entscheidend. Was bleibt vom alten Weingut? Nun, ganz nüchtern betrachtet wohl eine Erinnerung, die irgendwann verblasst sein wird. Und etliche Flaschen, die jetzt noch im Keller schlummern und auf Weinfreunde warten.

Kapitel VI: Die Zukunft

Wie soll es weiter gehen? Kaufmann und Raps drucksen nicht rum: Wir wollen zu den Top 10 des Rheingau gehören. Und wie man hört, stehen die Chancen nicht schlecht. Eva Raps: Unser Vorbild ist Paul Fürst. Das muss man erklären. Die Spätburgunder des fränkischen Weinguts Rudolf Fürst zählen zu den besten Deutschlands. Mit der zickigen Rotweinsorte kokettiert man auch bei Hans Lang. Aber auch im Weißweinbereich spielt Fürst inzwischen ganz vorne mit.

Fragt man den gelernten Käser und Neo-Winzer Urban Kaufmann, welcher Käsespezialität sein Weinstil am ehesten entspricht, muss er ein wenig nachdenken. Die Frage kam wohl etwas überraschend. Dann aber: Wie ein perfekt gereifter Sbrinz. Die würzige Hartkäse-Sorte ist steinalt und gilt als Ur-Parmesan. Kaufmann: Seine feine Aromatik kann auch kräftig ausfallen und er ist etwas mineralisch.

 


Datum: 29.6.2020 (Update 8.7.2020)
 

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