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Sven Nieger: Glüh, Würmchen!

Flexible Arbeitszeiten: Sven Nieger. Foto: Weingut
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Neumaat Thorsten Kogge besucht den ziemlich unbekannten Garagenwinzer Sven Nieger in Varnhalt (Baden-Baden). Der lädt ihn spontan zu einem Riesling mit Essen ins Wohnzimmer ein. Bestechung?
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Wann haben Sie zuletzt einen badischen Winzerwein getrunken?

Viele Jahrzehnte lieferten Kleinwinzer der Region ihre Trauben an eine Genossenschaft, die den Wein produzierte und vermarktete. Das gab ihnen die Sicherheit, auch in schwierigen Jahrgängen einen festen Abnehmer für ihre Trauben zu haben und sich nicht um das Marketing kümmern zu müssen.

Genossen und Winzer hören auf.

Heute sterben die Genossenschaften und viele Winzer hören auf. Gerade hat die Varnhalter Genossenschaft das Zeitliche gesegnet und wo sie einst stand, werden nun Einfamilienhäuser gebaut. Ambitionierte Jungwinzer müssen oftmals ganz bei null anfangen, ohne elterliches Weingut und (fast) ohne Startkapital. Hier bleibt nur die Flucht nach vorne mit Mut zum Risiko.

Sven Nieger hat den ersten Schritt getan. Sein Weingut ist gerade 2 Jahre jung und wuchs in dieser Zeit von 1 auf 3 Hektar. Ganz einfach lässt sich der Kauf neuer Parzellen nicht finanzieren. Denn manche Bank, so Nieger, hat mit Agrarbetrieben schlechte Erfahrungen gemacht und will nun mit der Landwirtschaft nichts mehr zu tun haben.

Boutique-Garagenwinzer.

Niegers Auto steht vor der Tür der gemieteten Wohnung eines Zweifamilienhauses. In den zwei Garagenräumen macht er seinen Wein. Der aktuelle Jahrgang schlummert in den Stahltanks und Barrique-Fässern, Abfüllung im März.

Waren es im Jahrgang Nr. 2 (2012) vier Rieslinge, kommen im aktuellen noch zwei Spätburgunder hinzu. Ich durfte die noch ungeschwefelten Weine des Jahrgangs 2013 direkt aus dem Fass probieren. Das sind jetzt schon sehr spannende, kontrastreiche und füllig wirkende Weine, die wahrscheinlich an den Jahrgang 2012 anknüpfen. Authentisch und deshalb immer anders, so wünscht sich Nieger seine Weine.

Zum Probieren der aktuellen Kollektion gehen wir in den „Verkostungsraum“ des Weinguts – Niegers Wohnzimmer.

Etwas Wein zum Essen? Ja, danke.

„Wollen Sie auch etwas mit uns essen?“, fragt mich Freundin Sabrina Reginek, ohne die Nieger seine Arbeit nicht machen könnte. Ich zögere kurz, vielleicht muss ich mir später von kritischen Lesern vorwerfen lassen, bestechlich zu sein.

Egal, es riecht zu gut und schließlich ist das Thema Essen zum Wein ein künftiger Schwerpunkt auf diesem Schiff. Ich trinke den 2012er Klosterberg Riesling zum Essen. Meine erste Kurznotiz:

Mineralischer Riesling, kraftvoll und klar mit salziger Note ohne Zuckerrest, trifft auf pikant gebratenes Hühnchen in Kokosmilch mit asiatischen Nudeln. Wirklich, es schmeckt, als ob der Riesling direkt für das Essen gemacht wurde und nicht umgekehrt.

Essen und Wein trinken – das können Besucher auch in unmittelbarer Nähe, im Schloss Neuweier. Hier kocht Armin Röttele Luxusmenüs. Matrosen, die dort abends einkehren, könnten beim Blick nach draußen ein glühwurmähnliches Licht im Klosterberg funkeln sehen. Das ist vermutlich Nieger zwischen seinen Rebstöcken.

Ja, Nieger arbeitet auch in der Nacht, wenn die Sonne nicht mehr auf die Steillage brennt. Ausgerüstet mit einem Kopfscheinwerfer. Nieger ist fürwahr kein Hobbywinzer. Sein Studium in Geisenheim und die Arbeit in diversen Weingütern (auch im Ausland) haben ihm das nötige Rüstzeug mitgegeben, um heute seine Ideen zu verwirklichen.

Kontrolliertes Nichtstun im Keller, voller Einsatz im Weinberg.

Die Einzellagen Klosterberg und Mauerberg sind der Ursprung von Niegers besten Weinen. Die Qualität entsteht bei Nieger im Weinberg, nicht im Keller. Akribische Handarbeit in der Steillage, lange Tage im Freien und Diskussionen mit Sabrina, welche Trauben in den Korb kommen.

Und die Arbeit im Keller? Sicherlich, die ist auch wichtig. Aber Nieger lässt die Gärung konstant bei niedriger Temperatur einfach laufen, ab und an kommt etwas Hefe dazu – that’s it. Der Wein wird in Bordeauxflaschen abgefüllt, ein kleiner Traditionsbruch. Der Mann arbeitet vielleicht etwas neben der Spur, steuert aber voll zur Spitze.

Das Salz der Erde.

Die vier Rieslinge des Jahrgangs 2012 sind allesamt trocken, der Klosterberg sogar knochentrocken. Der Wein ist sehr elegant und klar im Geschmack, hat eine typische Riesling-Nase mit leichter Meerbrise. Am Gaumen dominieren Pfeffer, Salz und dezente Zitrusnoten. Die Säure spielt sich nie in den Vordergrund. Ein sehr langer Abgang hinterlässt einen wirklich bleibenden Eindruck am Gaumen und macht Lust auf mehr. Am nächsten Tag ist er noch würziger und etwas druckvoller am Gaumen.

  • Riesling Klosterberg trocken von Sven Nieger.
 


Datum: 23.2.2014 (Update 4.2.2015)
 

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