X
Newsletter
X
X
Login
Passwort vergessen?


Konto erstellen

„Vergesst eure Tradition!“

Da ist noch eine Reserve.
Kommentare
Ähnliche Weine
Ähnliche Artikel
Der Captain plauderte mit Sir George Fistonich (Jahrgang 1939), Gründer und Eigentümer von Villa Maria, dem größten Weinproduzenten Neuseelands. Ein Gespräch über Weintrinken im Alter.
Anzeige

Seine Eltern wanderten Ende der 1920er-Jahre aus Kroatien nach Neuseeland ein und er sollte was Anständiges lernen: Zimmermann. Doch dabei blieb es nicht, denn schon als Teenager wurde dem Sohn von Gemüsebauern das Herz vom Wein entflammt.

1961 schwatzte er seinem Vater ein Fleckchen Land ab und pflanzte Reben. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Schon der erste Jahrgang gewann zwei Preise. Da war George Fistonich gerade 21 Jahre alt.

Fistonich erwies sich bald als Marketinggenie. Ein Talent, das ihn später reich und berühmt machte. Er setzte auf trockene Weine als Gratis-Beigabe zu den üblichen süßlichen Kreationen, obwohl trocken damals völlig chancenlos war. Aber Fistonich glaubte an diesen Weintyp.

In der Folge beschäftigte sich Fistonich intensiv mit der hohen Kunst der Cuvéetierung, um möglichst ausbalancierte Weine daraus zu keltern.

Höhepunkt der Story war der Aufstieg zur globalen Weinmarke und ein Ritterschlag der Queen. Villa Maria ist die Nummer eins in Neuseeland, einer Weinnation mit ungefähr so viel Rebfläche wie die Champagne: 34.000 Hektar. Davon sind 20.000 mit Sauvignon Blanc bepflanzt.

Lest hier meinen Artikel über einen der Basisweine von Villa Maria:

Chardonnay aus der Supermodel-Ära

Neulich weilte Sir George in Berlin und lud ein paar Weinfreunde zum Tasting ein. Unter anderem auch mich.

Da sagt der Captain nicht nein, denn einen Ritter vom anderen Ende der Welt trifft man sonst nur in „Herr der Ringe“.

Von den dargebotenen Weinen habe ich nicht alle probiert, aber fünf, die mich interessierten. Ihr findet sie alle in diesem Artikel.

Kerzengerade steht Fistonich zwischen seinen Gästen und parliert mit jedem, der sich für ihn interessiert. Auch nach zwei Stunden ist keine Spur von Erschöpfung festzustellen.

Sir George, warum soll ein Europäer Wein aus Neuseeland trinken? Wir sind sauber, wir sind grün. Welchen Wein auch immer du aus Neuseeland kaufst, du kannst sicher sein, dass er ordentlich ist. Und wir haben keine alten Traditionen, die uns daran hindern, neue Dinge auszuprobieren.

Was ändert sich im Alter beim Weintrinken? Mit 50 habe ich noch ganz anders getrunken als heute. Aromatik interessiert mich nicht mehr. Ich achte jetzt viel mehr auf Farbe, Textur, Struktur. Und je älter ich werde, desto gieriger bin ich nach ganz neuen Kreuzungen. Und ich schätze junge Weine mehr denn je.

Wie bitte, ein Mann ihres Formats interessiert sich für junges Gemüse? Allerdings. Ich glaube, ich habe die 200 wichtigsten gereiften Weine getrunken, die man so kennt. Drei davon waren ein Erlebnis. Natürlich mag ich 30 Jahre alten Pinot Noir, wir trinken die oft bei Dinner Partys. Auch komplexe Chardonnays. Riesling verstehe ich noch nicht ganz, bin aber ein Fan. Das Aufregendste sind jedoch jene Weine, die es noch gar nicht richtig gibt. Neue Züchtungen und Kreationen.

Ihr Tipp an die jungen Winzer in Deutschland? Lasst euch nicht von Traditionen erdrücken. Probiert neue Sachen aus, experimentiert mit Klonen, entwickelt Weine gegen den herrschenden Geschmack.

Fistonich gilt als erbitterter Gegner von Kork und erklärte 2001 seine Weingüter zur „korkfreien Zone“. Auch sein neuester Wein mit dem lustigen Namen „Ngakirikiri Cabernet Sauvignon“, der in Deutschland noch gar nicht erhältlich ist und um die 100 Euro kosten soll, trägt einen Schraubverschluss. Der Captain durfte den Tropfen probieren.

Dichte Noten von Johannisbeere, Lorbeer und Brotrinde künden vom Konzept eines luxuriösen Weltweines, mit dem Villa Maria auf die Tische der Reichen Asiens will. Im Mund butterweiche Wucht. Wieder schwarze Johannisbeere, Pflaumenmus, kalter Darjeeling-Tee, Fliedernoten, Zigarrenhumidor, ein Stück Kreide. Im Abgang ein Hauch Goyogura-Sojasoße.

Immer noch sauer auf die Korkhersteller? Das war ein Akt der Notwehr. Wir zählten bis zu 8% Verlust durch Korkschmecker. Ich musste etwas tun.

Inzwischen haben die Korkhersteller bei der Qualitätssicherung kräftig nachgebessert, doch Fistonich blieb bei seinem Boykott. Er führt mich zu einer Karaffe mit seiner 2002er-Reserve Cabernet Sauvignon / Merlot Gimblet Gravels und lässt mich probieren. Prüfen sie nach, wie frisch der noch schmeckt.

Die Trauben werden im April in den wärmsten Lagen der Gimblett Gravels geerntet, einer der wertvollsten Lagen Neuseelands in der Region Hawkes Bay. Schon im 19. Jahrhundert pflanzten Missionare hier Wein.

Gimblett Gravels ist die Wiege des Rotweins im Kiwiland, allerdings weniger wichtig als Marlborough, wo heutzutage die Musik spielt. Lehm, Kies und Kalkstein dominieren die Böden, man spricht sogar von einem Gimblet Gravel-Terroir mit geologischen und mikroklimatischen Eigenheiten.

Die entrappten und angequetschten Beeren vergären vier bis fünf Wochen lang auf der Maische. Die Pampe wird dabei regelmäßig umgerührt, damit die Beerenhäute alles rauslassen, was den Wein ausmacht: Farbe, Aromen und Tannin. Danach geht’s für 18 Monate in amerikanische und französische Eichenfässer, die Hälfte davon neu. Die meisten Weine von Villa Maria sind bio, auch dieser, der nur minimal filtriert in die Flaschen wandert, die zugeschraubt werden.

Mein 2002er dämmerte also fast 14 Jahre unter der Metallkapsel vor sich hin. Leider kann man ihn nirgends mehr kaufen.

Der Wein hält, was Sir George verspricht. Astreine Frische, keine Spur von Altersflecken im Geschmacksbild. Ein Steher wie sein Macher. Hat allerdings ordentlich Wumms, das muss man mögen. Im Vergleich zum 2014er deutlich runder aber nur wenig weicher. Jetzt müsste da noch derselbe Jahrgang mit Korkverschluss stehen, um einen seriösen Vergleich zu ziehen. Aber das war ja auch nicht das Thema der Verkostung.

Sir George, was sind die Pläne für die Zukunft? Nächste Station ist Amsterdam, dann Paris und danach wieder zurück nach Neuseeland. Ich muss mich glücklicherweise nicht mehr um die Firma kümmern, die ist in guten Händen. Ich freue mich auf ein Glas Chardonnay am Strand. Bei uns bricht jetzt der Sommer an.

 


Datum: 21.1.2019 (Update 22.1.2019)
 

Ähnliche Weine

 

Ähnliche Artikel