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Sind alle Männer Flaschen?

Schau mal Liebling, was ich mitgebracht habe.
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Was kommt dabei raus, wenn man Schriftstellern eine Flasche Wein schickt? Antwort: LITERatur. Autor Ralf Niemczyk  trank einen fruchtig-vollmundigen Rotwein von der Ahr und schrieb los.
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So hatte das Lis noch nie gesehen. Vielleicht musste sie auch erst mal mit ihrer froschgrünen VauDee-Jacke und den etwas klobig dimensionierten Dachstein-Wanderschuhen über die holprigen Wege des Rotwein-Wanderwegs marschieren. Eine Art Pfad der Erkenntnis, der sich für sie hoch über den Windungen der Ahr aufgetan hatte. Wo einst nur pöbelnde Kegelclubs auf der Suche nach dem nächsten Billig-Absturz umhertorkelten, suchen die vier Kreativ-Industrie-Frauen nun nach der optimalen Balance. Liebe, Beruf, Sex und Beauty und so. Mal ein relaxtes Mai-Wochenende nur für uns!

Das Übliche halt zwischen Mitte Dreißig, Anfang Vierzig. Attraktiv und erfolgreich waren sie ja alle. Nur eben nicht mehr voll der unbeschwerten Leichtigkeit des Seins wie auf der Uni in Münster, als es bis zum Himmel keine Limits zu geben schien. Eben noch hinter der letzten Biegung hatte Marianne mal eben eine ihrer berühmten Weisheiten vom Stapel gelassen: „Dann nimm dir halt nen Jüngeren fürs Bett. Oder versuch’s mal mit Frauen. Halt so testweise.“

Jenni und Rebekka, die das Jahr zuvor noch kurz vor oder bereits hinter einem massiven Burnout gestanden hatten, kicherten nur kurz. „Und wo biddeschön soll ich so einen Beau herbekommen? In einer Techno-Disco vielleicht, im Bauchfrei-Shirt und einem viel zu kurzen Kunstlederrock, oder was!?“, schnippte Lis die Empfehlung ihrer Jungendfreundin aus dem Tecklenburger Land zurück. Wohl wissend, dass beide mit den dort üblichen Drei-Tage-Wach-Exzessen und dem brachialen „bumm, bumm, bumm“ der durchgehenden Basslinien nichts anfangen konnten. Aber sowas von! Darum hatten sie sich damals auch eher ins Rheinland orientiert. Dort ist es gemütlicher und seelenvoller als in der Hauptstadt

Marianne und Lis verband die gemeinsame Liebe zu Mainstream-Indiebands aus den Neunzigern wie Garbage, Republica oder den Smashing Pumpkins. Mit dem Nachtleben á la Berlin hatten sie nie viel zu tun gehabt. War zwar immer schön dort. Doch letztlich alles zu groß, zu uffjeregt, zu unpersönlich und erst die grau-in-grauen nie endenden Winter. David Bowie in den Siebzigern oder Nick Cave in den Achtziger mögen diesen Tanz auf dem Vulkan auf ihre Art genossen haben. Für sie beide, so unterschiedlich sie beim näheren Hinschauen dann doch waren, funktionierte das einfach nicht.

Gut, es gab vor dem Abi die Kifferphase in Ibbenbühren. Und mal ne Pille auf den legendären Parties der Angewandten Kunsthochschule in Wien. Doch im Grunde ihres Herzens wollten sie mit Aufputsch-Chemie oder pflanzlichen Downern aller Art nichts zu tun haben. Und auch das verband sie: Wein lieber als Bier. Je nach Jahreszeit einen schönen Roten oder nen frischen Weißen. Auch darum waren sie ja ins frühlingshafte Ahrtal gekommen. Die Anstrengung mit dem Angenehmen verbinden. Und natürlich, um Jenni und Rebekka wieder zu sehen, die nach dem Diplom nacheinander nach Berlin-Kreuzberg und in den Wedding gezogen waren. Nach ihrer letztlich dann doch gescheiterten Langzeitbeziehung mit diesem Werbeagentur-Narzissten brauchte Jenny schließlich auch massive Ablenkung. Wahrheiten aus der Küchenpsychologie, das Alleinsein nicht „einsam“ bedeutet. Und dass man sein Leben nicht an Beziehung messen sollte. Und dass Typen eh alles Flaschen und Bindungsversager sind.

„Jaja, das Leben kann auch schön sein!“, sagte Rebekka mehr zu sich selbst aus der hinteren Wanderposition. Als ewiger Single hatte sie es immer wieder fertig gebracht, jede vielversprechende Liebschaft in wenigen Monaten in ein Gefängnis umzudeuten. Und bevor die Mannsbilder sich versahen, war sie auch schon wieder über alle Berge. Das schöne Neu-Begriff „Ghosting“, also eine ehedem durchaus enge soziale Bindung ohne erklärende Worte zu beenden, hätte von ihr stammen können. Damit konfrontiert, meinte Jenny dann für gewöhnlich: „Schon 1962 sind Männer Zigaretten holen gegangen und erst 30 Jahre später per Postkarte aus Buenos Aires wieder aufgetaucht.“ Mit hippen Trends brauchte man ihr nicht kommen. Mit Online-Dating-Maschinen wie Tinder oder wie die alle heißen allerdings auch nicht. Sie bevorzugte da den guten-alten-Augenkontakt an der Bar. Mit Frauen, wie hier eben in die Runde gestellt, hatte sie es noch nie versucht. Nene, dann lieber einen schönen Roten!

Über den Autor: Ralf Niemczyk schreibt in Berlin für das Popmagazin „Rolling Stone“ und die „Welt am Sonntag“. Als freier Autor verfasste der Kölner für den KiWi-Verlag zwei Fachbücher: Eins über die Rap-Formation Die Fantastischen Vier und „From Skratch – Das DJ-Handbuch“.

 


Datum: 13.4.2019
 

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