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Schlumberger: das Luxus-Experiment

Ein Hoch auf die Bahamas: Schlumberger-Ex-Finanzvorstand Wolfgang Spiller.
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Die österreichische Sektmarke Schlumberger wird von einem schwedischen Pharma-Milliardär kontrolliert, dessen Stiftung auf den Bahamas sitzt. Netterweise steht der Mann auf Schaumwein und lässt auf einer Nordseeinsel Sekt herstellen. In Wien entstand ein neuer Premium-Sekt, den der Captain probierte.
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Der Captain hat wieder mal Schaumwein verkostet, sein Hobby. Diesmal aus Österreich, von einer uralten Sektkellerei mit dem Namen Schlumberger. In Deutschland fragen die Leute, vor allem solche aus der Wirtschaftswelt, welche Schlumberger-Firma das denn nun sei, denn es gibt ein Milliarden-Unternehmen gleichen Namens, das mit Erdöl-Bohrungen viel Geld verdient. Aber nein, die Sektkellerei Schlumberger ist ein Produkt der sinnesfrohen K-und-K-Monarchie. Eigentlich wollte ihr Gründer, der in Stuttgart geborene Robert Alwin Schlumberger, in der Champagne bleiben, denn er arbeitete bereits bei Ruinart und hatte eine strahlende Karriere als Kellermeister und mehr vor sich, als er bei einer Schifffahrt am Rhein sich in ein Mädel aus Wien verguckte, dessen Eltern ihr nicht gestatteten, ins ferne Frankreich zu ziehen. Deshalb entschied sich Schlumberger 1842 – ganz modern – zu seinem Mädchen zu ziehen, um an der Donau zu heiraten. Wie romantisch!

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Es war die Geburtsstunde einer großen Marke, die in den letzten Jahren nicht unbedingt für Premium-Sekte stand, aber sauberes Mittelmaß für die Erstkommunion-Party ablieferte. So ein Ruf nagt natürlich, selbst wenn man gute Geschäfte macht. Wohl deshalb entschied man sich bei Schlumberger, einen Hammersekt zu lancieren, der das Bild zurechtrückt. Nach dem Motto: Wenn wir wollen, dann können wir auch. Selbst wenn die Herstellung von so einem Getränk betriebswirtschaftlich erstmal totaler Unsinn ist, weil der Aufwand in keinem Verhältnis zum Erlös steht, mag das Unterfangen sinnvoll sein. Denn gelungene PR zahlt früher oder später aufs Ergebnis ein. Meistens. Manchmal. Nie. Man weiß es vorher nicht.

Lange Zeit gehörte die börsennotierte Schlumberger-Gruppe (inkl. einer gleichnamigen deutschen Weinvertriebsgesellschaft und der österreichischen Sektmarke Hochriegl) zur Schweizer Underberg AG. Bis der milliardenschwere, schwedische Pharma-Erbe mit Hang zu Sprudelweinen Frederik Dag Arfst Paulsen → nach dem Unternehmen griff und alle anderen Aktionäre durch einen sogenannten Squeeze-out rausdrängte, bevor er die Firma von der Börse nahm. Seitdem wird Schlumberger via Jersey aus einer Stiftung auf den Bahamas ferngesteuert. Oder einem Briefkasten, der dort hängt.

Der schöngeistige Paulsen ist in zweiter Ehe mit einer Ukrainerin verheiratet (laut Wikipedia, da stimmt aber auch nicht immer alles), lebt in der Westschweiz bei Lausanne und hält sich durch familiäre Bindung (sein Vater floh vor den Nazis nach Schweden) gerne auf der rauen Nordseeinsel Föhr auf, wo er ein Kunstmuseum und Sekt-Weingut ins Leben rief und dabei vom Rheingau-Winzer und weltweit agierenden Berater Jens Heinemeyer (Weingut Solveigs in Geisenheim) unterstützt wurde. Ex-Ministerpräsident Peter Harry Carstensen, in dessen Amtszeit die Schleswig-Holstein-CDU hohe Parteispenden aus dem Geldspeicher von Paulsen erhielt, soll den weinrechtlich nicht unkomplizierten Weg für die Rebpflanzungen auf Föhr geebnet haben. Inzwischen ist Carstensen ebenfalls „Berater“ des Weinguts.

Die skandinavische Finanzpresse taxiert das Vermögen Paulsens auf über 5 Milliarden Euro. Der Rotwein-Kenner, der (neben vielen anderen Investments) viel Geld in den georgischen Weinbau steckt, tritt in Interviews dezent und bescheiden auf. Seine Entourage agiert ruppiger, wie man in der → friesischen Regionalpresse nachlesen kann. Über Paulsens herrschaftliches Hotel-Weingut Waalem und einen Sekt von dort berichtete der Captain hier:

Waalem: Milliardärs-Sekt aus Föhr

Soviel über die jüngere Geschichte des Hauses Schlumberger und seinen schillernden Besitzer.

Der Sekt R. Schlumberger Chardonnay Große Reserve Brut ist ein Edelschäumer, dessen Trauben aus dem Weinviertel kommen, dort tut sich ja einiges. Warum der Wein Reserve heißt, ist nicht ganz klar, denn die Grundweine kommen alle aus demselben Jahrgang 2015 und sind keine Reserve-Weine wie in der Champagne, wo man zum Mixen auf viele zurückgelegte Fässer älterer Jahrgänge zugreift. Der österreichische Weinjournalist Roland Graf klärt den Captain auf: Der Begriff hat nichts mit den Reserve-Weinen der Champagne (oder anderer Regionen) zu tun. Er ist die oberste Qualitätsstufe der österreichischen Sekt-Pyramide. Allerdings wurden die Stufen schrittweise eingeführt, die Große Reserve mit ihrem 30-monatigen Hefelager gibt es erst seit zwei Jahrgängen. Unter anderem vorgeschrieben: Handlese, höchstens 12 Gramm Restzuckergehalt etc.

Der Ösi-Sprudel (vier Gramm Dosage-Zucker, 30 Monate Hefelager) kostet knapp 40 Euro, also genauso viel wie ein günstiger Champagner, der was kann. Und so hat’s dem Captain geschmeckt: Herrliches Goldgelb im Glas, sehr feine Perlen. In der Nase geeiste Melonensuppe mit Vanille-Eis und Sahne, deutliche Hefenase nach ofenfrischem Weißbrot, Salatgurke, Wacholder. Ein Sekt, der wie Gin Tonic mit Gurke riecht. Im Mund sanftes Perlenspiel, die Textur von Perlmutt, also der Innenseite einer Auster, kandierter Ingwer, Aprikose, Birne, Banane, Ananas und unreife Himbeeren. Dazu kommt eine handfeste Gerbstoff-Aromatik. Dieser Wein ist wie ein glühender Sommerabend, fast schon monumental. Herrlich zu einer knusprigen Spanferkel-Schwarte, weil er so gelbfruchtig, cremig, würzig und natürlich schäumend ist. Im Abgang, der lang dauert, noch Mandarine und viel Ingwer.

Es wurden von diesem selbstbewussten Chardonnay-Schäumer nur 5.000 Flaschen verkorkt. Der Captain trank Nummer 1.830, es ist also noch was da.

 

Datum: 31.7.2020 (Update 7.8.2020)
 

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