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Sachsen: die schräge Mischung

Was haben wir denn da im Glas, Frédéric Fourré?
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Rudolf Knoll stellt dem Captain und seinen Lesern einen Winzer mit abwechslungsreicher Vita vor: Frédéric Fourré aus Paris baut seit 18 Jahren in Radebeul (bei Meissen) Weine mit eigenwilligem Charakter an.
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Weinrechtlich vegitieren Tropfen, die aus roten und weißen Rebsorten zusammengemischt wurden, ein Dasein am Rande der Legalität. Zumindest in Deutschland. Generell ist nämlich das Verschneiden von Rot und Weiß verboten, doch der EU-Staatenbund ist ein tolerantes Herrschaftsgebiet, das regionale Abweichler gewähren lässt, wenn sie eine entsprechende Historie vorweisen können. So kommt es zum deutschen Rotling, der oft mit Rosé verwechselt wird und meist nur in Supermarktqualitäten vorkommt. In Sachsen heißt der Rotling Schieler und muss im → Gemischten Satz angebaut werden. Dieses Wort wiederum dürfen deutsche Winzer nicht anwenden, denn es gehört den Österreichern. Dann gibt es noch den Schillerwein aus Württemberg (traditionell aus Riesling und Trollinger, oft aber auch eine bunte Mischung), dem Vorgänger des → Badisch Rotgold, der in der Regel aus Grauburgunder und Spätburgunder zusammengemixt wird. Alles klar?

Für alle, denen das noch nicht verwirrend genug ist, kann ich noch komplizierter werden und füge dieser Story einen Franzosen hinzu, der in Sachsens malerischem Weinstädtchen Radebeul auf 2,5 Hektar Steillage Weine herstellt, die bei Privatkunden und in der Gastronomie geschätzt werden.

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Die Rede ist von Winzer Frédéric Fourré aus Dresden, der in Paris zur Welt kam und seit 22 Jahren an der Elbe lebt. Von seinem Schieler soll hier die Rede sein, den er freilich nicht so nennt, denn in seichten Gewässern will Frédéric seine Weine nicht angesiedelt sehen. Er hat eigene Ideen – und ganz nebenbei eine höchst abwechslungsreiche Lebensgeschichte, die ich gleich erzähle. Doch zunächst öffne und probiere ich Fourrés rot-weiße Mischung Tu Le Mérites aus 50% Grauburgunder, 18% weiß gekeltertem Spätburgunder, 18% Riesling und 14% Scheurebe. Eine schräge Mixtur, die auf den ersten Blick wenig Sinn macht. Doch im Mund offenbart sich der Wein als raffiniertes Getränk. Er gleicht dem beweglichen Barockengel am Flaschenetikett, mit seinen sanften, leicht mollig anmutenden Formen, dabei tänzerisch und elegant. In der Nase Zitrus, Orange, Kräutertee, Mandeln und Nüsse. Auf der Zunge – mit viel Extrakt untermalt – reife Früchte, Ananas und im Abgang etwas Ingwer. Nicht gänzlich trocken, aber auch nicht süß oder übermäßig fruchtig, sondern von ausgewogenem Geschmacksbild. Der Winzer empfiehlt Kalbsbraten dazu. Ich finde, das ist eine treffliche Wahl.

Es begann an seinem 8. Geburtstag im Januar 1979. Frédérics Vater, Koch und Restaurantchef am Fuß des Montmartre, schenkte ihm damals eine kleine Zigarrenkiste mit alten Weinetiketten, darunter ein längst vergilbtes Exemplar aus dem Jahrgang 1921 von Mouton-Rothschild. Frédéric war fasziniert und sollte ein intensiver Sammler werden. Das Hobby fiel ihm leicht, weil er Zugriff auf viele Flaschen bekommen sollte. Fragt man ihn heute, wieviel zusammengekommen ist, sagt er: Keine Ahnung, vielleicht dreihunderttausend.

Zunächst aber war der junge Mann für den Beruf des Kochs vorgesehen. Doch im Restaurant seines Vaters bekam er mit, wie schwer dieser Job war. Da hörte er lieber Sommeliers zu, die begeistert von ihrer Arbeit erzählten. Er machte das Abitur, absolvierte die Hotelfachschule in Paris, arbeitete dann beim elsässischen Winzer und Gastronom Philippe Blanck als Kellner, Patissier und Sommelier und tankte anschließend im Roussillon im französischen Süden weiter Weinbauwissen.

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Dann lernte er Sidonie kennen, eine junge Ballerina in Paris. Es wurde Liebe und kompliziert, als sie 1993 ein Engagement an die Dresdner Semperoper erhielt. Frédéric pendelte zwischen Paris und Dresden, ein anstrengendes Unterfangen. 1998 hatte er die Schnauze voll und siedelte um. Ohne Kenntnis der deutschen Sprache, aber mit dem Willen, sie zu lernen. Er bekam einen Hotel-Job im Taschenbergpalais und besuchte vormittags die Sprachschule. Abwechslung in sein Leben brachte die Bekanntschaft mit Karl Friedrich Aust, auch so ein Exot unter Sachsens Winzern und irgendwie seelenverwandt. Aust brachte Frédéric dazu, sich mit Wein zu versuchen. 2002 präsentierte der Autodidakt seinen ersten Jahrgang. Von Anfang an setzte er dabei auf einen vielseitigen, noch aus DDR-Zeiten stammenden Sortenmix, entdeckte die Vorzüge von Traminer, wagte sich irgendwann an den Grünen Veltliner, weil der so gut zu seinem Lieblingsgericht Sushi passt. Allerdings fiel der Sachsen-Veltliner völlig anders aus als der klassisch-pfeffrige Österreicher. Selbst der im Westen längst nicht mehr geliebten Morio-Muskat gewann Fourré etwas ab.

Dann Hochzeit, Sohn und Tochter kamen zur Welt und irgendwann war der Liebeszauber vorbei. Die Hingabe zum Weinbau jedoch lebte auf. Frederic fand eine neue Partnerin: Amrei Niessen, geboren in Stuttgart, dann Weltenbummlerin und erste Bekanntschaft mit Wein in Sachsen, wo ihre Eltern in den Weinbergen von Radebeul ein Haus bewohnten und der Vater ab und zu Glasballons mit Eigenbau-Wein füllte. Amrei beschloss Weinprofi zu werden und studierte in Geisenheim Önologie. Thema der Abschlussarbeit: Schafbeweidung in den Weinbergen, die beide in ihren Radebeuler Fluren auch umsetzen. Seit 2013 werden die Fourré-Weine in der Kellerei von Schloss Proschwitz ausgebaut. Das Ziel ist ein gemeinsames Weingut mit Haus und Hof, damit die Weine eine richtige Heimat bekommen. So wie ihr Macher Frédéric Fourré an der Elbe eine fand.

Weinjournalist Rudolf Knoll (Jahrgang 1947) schrieb 55 Weinbücher, drei neue sind derzeit in Arbeit. Der gebürtige Münchner war in den 1970er-Jahren Fußball-Reporter und wechselte dann ins Weinfach. Seit 1984 schreibt Knoll für das Weinmagazin Vinum und organsiert den Deutschen Rotweinpreis.

 

Datum: 26.5.2020
 

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