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Die geniale Schaum-Schlägerin

Sabrina Schach auf einem Oldtimer-Trekker von Porsche.
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Sabrina Schach bediente Promis in einem Londoner Nobelclub mit edlen Schäumern, dann beschloss sie selber welche zu machen. Heute ist sie Chefin im Weingut "Meine Freiheit" und setzt Benchmarks für deutschen Sekt.
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Was macht eine, die in London für Gwyneth Paltrow einen Weinkeller verwaltete, für Madonna veganen Rotwein auswählte und den Beckhams und Prinz Harry halbsüßen Riesling einschenkte? Im Rheingau Trekker fahren.

Die gebürtige Saarländerin Sabrina Schach (Jahrgang 1983) leidet selten unter Metropolen-Entzug, seit sie nach Geisenheim gezogen ist, um hier eine Karriere als Weinmacherin anzustreben. Nur manchmal, zum Beispiel am Samstagmorgen, wenn durchs offene Fenster die Vögel zwitschern und aus der Ferne ein paar Maschinengeräusche hereinwehen, vermisst sie das bunte Treiben Londons und die Auswahl an Möglichkeiten, den Tag zu verschwenden. Dann zieht sie ihre High Heels an, legt knallroten Lippenstift auf – und bleibt zu Hause. Ich bin gerne Bäurin, aber nach der Arbeit will ich einfach nur Frau sein, sagt Schach und checkt im privaten Sektdepot, welche Flasche man jetzt aufmachen könnte, um ein bisschen Stimmung zu tanken.

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Heute ist die 1,78-Meter-Frau Betriebsleiterin im Weingut Meine Freiheit des Quereinsteigers und Sanierungsexperten Sascha Magsamen, der einem anspruchsvollen Hauptjob im Finanzviertel von Frankfurt nachgeht und 10 Jahre nach Gründung des Betriebs jemanden suchte, der sich voll und ganz dem Weingut widmen und die Weinberge auf Öko trimmen kann. Diese Person fand er im Sommer 2019 im Rüdesheimer Sekthaus Solter und noch einige andere assets (Managersprech), die er gleich miteinpackte: ein eingespieltes Weinbergsteam, wertvolle Parzellen (Assmanshäuser Höllenberg, Geisenheimer Rotenberg etc.), jede Menge Kellertechnik und Schachs Premiumsekte (man munkelt von mehreren zehntausend Flaschen), die nun unter dem aufgepeppten Label von Meine Freiheit vermarktet werden. Seither gebietet die neue Weingutschefin Schach über 20 Hektar Rebpflanzungen im Rheingau und an der Nahe.

Aufgepeppt ist allerdings ein Hilfsbegriff. Die neuen Etiketten von Meine Freiheit sind ein kühner Wurf, der nicht jedem gefallen wird. Der Captain findet den Look jedenfalls genial. Nicht nur, weil diese Flaschen in jedem Weinregal leuchtende Hingucker sind, sondern auch weil sie kongenial die eigenwillige Stilistik der Schach-Sekte wiedergeben: elegant, verschachtelt-komplex, unangepasst und mit strahelndem Kern. Eine preisgekrönte Industriedesignerin zeichnet für die Gestaltung verantwortlich.

Sabrinas Arbeitsplatz im Londoner Arts Club in Mayfair (Gwyneth Paltrow sitzt im Beirat) umfasste die Arbeit einer Sommelière. Die englische Sitte, jeden Wein zu verkosten, bevor er den Gästen eingegossen wird, verschaffte ihr rasch Zugang zu allem, was in Flaschen schwimmt und von Rang und Namen ist. Der Haus-Champagner kam von Krug. Schach liebt edle Weine, doch ihr Herz schlägt besonders für solche, deren Geschmacksbild von Kohlensäure geprägt ist. Nach London und dem praktischem Umgang mit quasi allen Luxusprodukten, die der Weinmarkt hergibt, beschloss Schach dem Thema Schaumwein auf den Grund zu gehen und schrieb sich an der Hochschule Geisenheim ein, um Önologin zu werden. Der erste Job war eine Stelle bei Chat Sauvage, Pionierbetrieb für Pinot Noir und Chardonnay der Spitzenklasse. 2013 nahm der geniale Sektmacher Helmut Solter die junge Frau bei sich im Betrieb auf. Sie hatte bereits mehrere Angebote in der Tasche. Jenes von Solter war das pekuniär schwächste. Aber Schach griff zu. Ich entschied mich gegen das Geld und für Helmuts Charisma, weil er eine brennende Passion für Sekt hatte und restlos überzeugt war, dass man in Deutschland auch aus den klassischen Champagnersorten Chardonnay, Pinot Noir und Meunier fantastische Schaumweine herstellen kann.

So ein atemberaubender Chardonnay aus dem Lesejahr 2013 war es dann auch, der den Captain auf Sabrina Schach und ihre Sektmacherkunst aufmerksam machte. Mitte 2018 erschien dieser Artikel:

Der versexte Sekt

Kaum waren die Trauben für die Grundweine dieser Köstlichkeit gepresst, verstarb Helmut Solter im Oktober 2013 völlig überraschend und kurz vor seinem 63. Geburtstag. Die ganze Verantwortung für Weinberge und Keller landete in den Händen von Sabrina. 6 lange Jahre leitete sie gemeinsam mit Witwe Verena Solter das Unternehmen, wuchs quasi mit den Weinbergen zusammen und rackerte sich im Keller ab, immer getrieben von der Begeisterung für alles, was schäumt. Schach: Die Arbeit ist wunderschön, aber oft aufreibend, besonders beim Stemmen von schweren Geräten im Keller. Dann wünscht man sich manchmal Mann zu sein.

Als Marke und die Rüdesheimer Liegenschaft von Solter an Investoren aus der Immobilienbranche verkauft wurde und unklar blieb, was die neuen Herren im Hause planen, kam das Angebot aus Oestrich-Winkel, wo Meine-Freiheit-Eigentümer Magsamen große Pläne hat: Wir wollen an die Spitze des Rheingau und ich traue Frau Schach zu, dass sie das schafft, sagt der Börsenexperte dem Captain. Man siezt sich, das ist nicht üblich im Mikrokosmos eines deutschen Weinguts. Es entspricht wohl eher den Usancen am Frankfurter Finanzparkett. Als der Captain das ambitionierte Duo im Rheingau besuchte, setzte er beide auf Magsamens futuristischen Porsche-Trekker (1959 zugelassen) und machte Bilder:

Ist das gesteckte Ziel (Weltherrschaft im Rheingau) ein bisschen überzogen? Einer seriösen Antwort kann man sich nur mit einem Schluck Schach-Sekt im Mund und dem Blick in die Vergangenheit nähern. Zunächst also trinken, dann gucken. Der Captain probierte Sabrinas Sekt Chardonnay & Pinot Meunier Brut Nature und notierte: Im Glas satt leuchtendes Dunkelgelb. In der Nase frischer Hefezopf mit Butter und Stachelbeergelee, ein saftiger Apfel, Birnenschale, kalter Kräutertee. Im Mund kraftvoll, herrlich trocken-kräutrig und dabei cremig-weich wie guter Champagner. Kühle Vegetabilität unterlegt von mahagoniglänzender Säure trifft auf dezent-heimelige Holzfassromantik mit buttrigem Schmelz. Im Kern viel vornehm strahlende Frische von junger Ananas, Schwarzer Johannisbeere, Heidelbeere. Sanft zerplatzende Bläschen entladen ein elektrostatisches Mini-Gewitter und zaubern dunkle Schauer auf den Gaumen. Das widerspricht so ziemlich jeder deutschen Sektgewohnheit und mischt das Maul ordentlich auf. Großartige Sektdelikatesse und interessante Kreation, wie man sie selten im Glas hat.

Als Helmut Solter verstarb, fiel Sabrina Schach über Nacht ein schwerwiegendes önologisches Erbe in den Schoss, das die junge Frau hätte erdrücken können. Doch die dachte nicht lange nach. Ich wurde gebraucht, das war die einzige Botschaft, die ich verstand. Da gab es nichts zu überlegen. Solter war eine Charakterfigur im Rheingau-Weinzirkus. Kompromisslos in seinen Qualitätsanspruch stieß er so manchen Winzer vor den Kopf, der mit seinem Grundwein auf den Hof getuckert kam und die Versektung begehrte. Der enge Solter-Freund und Weggefährte Hans Reiner Schultz (heute Präsident der Hochschule Geisenheim) berichtet aus der Zeit zu Beginn der 1980er-Jahre, als eine Handvoll junger Leute in der Ursuppe des deutschen Sektwunders rührte: Helmut Solter lebte von der Lohnversektung und finanzierte aus den Erlösen seine eigenen Sektprojekte. Aber wenn ein Grundwein nicht stimmte, schickte er den Winzer wieder fort. Er hatte seine Ecken und Kanten, war aber ein großzügiger Mensch, der es liebte, viele Gäste bei sich einzuladen.

Schultz und Solter wohnten als junge Weinmacher in einer WG und setzten Mini-Projekte um. Zum Beispiel für Fritz Keller in Baden, für den die beiden den ersten Sekt herstellten. 1988 gründete Solter sein eigenes Sekthaus. Ein großer Auftrag von Deinhard ermöglichte den Einkauf dringend benötigter Spezialgeräte in der Champagne und einer Degorgier-Anlage mit Trockeneis-Kühlung. Beim Captain stand 2013 in einem Nachruf: So entstanden Solter-Sekte nach und nach für ganz viele Winzer im Rheingau. Darunter so namhafte Häuser wie Weil, Breuer, Künstler, Wegeler und Kesseler. Um nur einige zu nennen. Solter brachte alles auf die Flasche. Vom Basissekt bis hin zum lange auf der Hefe gereiften Jahrgangssekt. Sehr viele Weine erzielten Bestnoten in den einschlägigen Führern – Breuers Sekt genießt nach wie vor Kultstatus. Hier entstanden Schaumweine, die für Furore sorgten. Aber Helmut Solter blieb auf dem Boden. Nie war er auch nur im Ansatz abgehoben, immer war da dieser unglaubliche Enthusiasmus für das Produkt und nicht für das Drumherum.

Für knapp 100 Kunden wandelte Helmut Solter deren Weine in Prickler um. Viele blieben nach seinem Tod und wurden von Sabrina betreut. Auch für ihre Freundin und Kollegin Theresa Breuer bereitete sie bis zuletzt begehrte Schäumer zu. Was nun bei Solter unter der neuen Führung geschieht, verfolgt die Branche mit Neugier.

Die Sektszene ist im Aufbruch und dazu trägt auch der Klimawandel bei. Hochschul-Präsident Schultz: In den frühen 1980er-Jahre langten die angepeilten Mostgewichte im Rheingau gerade für die Versektung. Für Experimente mit Barriquefässern und Dosage-Zugaben war kein Spielraum. Das hat man sich erst später in der Champagne abgeschaut. Die → fraktionierte Pressung, das Comeback der Korbpresse – solche Entwicklungen stellten sich erst später ein.

Eine Menge junge und schon etwas ältere deutsche Sektmacher drängt nach vorne. Doch der Markt ist klein, was am fehlenden Verständnis des Publikums liegt. Sekt ist Sekt – ob sorgfältig verarbeitet und 6 Jahre gereift, oder in den hausgroßen Riesentanks der Sektfabriken verquirlt und in Flaschen gedrückt. Den Unterschied zu vermitteln fällt nicht leicht. Sabrina Schach hat einen Vorschlag, der vom alten Solter stammen könnte: Das ganze Gerede nützt wenig, man muss einfach geilen Sekt machen, der ganz anders schmeckt, als die Leute gewöhnt sind. Dann spricht sich rum, was in Deutschland bei Schaumwein möglich ist.

 

Datum: 21.7.2020
 

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