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Saalwächter: die Reifeprüfung

Junge, Junge: Winzer Carsten Saalwächter.
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Der Captain defloriert günstigen Rotwein von einem jungen Winzer, den er bis vor Kurzem gar nicht kannte - und ist ganz hingerissen von viel burgundischem Glanz im Glas.
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Der Captain war Wein einkaufen. Das tut er manchmal, um sich nicht komplett von der Realität der Konsumenten abzukapseln. Ja, der Captain geht in den stationären Weinfachhandel und kauft mit seinem ersparten Geld ganz normal ein, obwohl sich zu Hause die Kisten mit Weinflaschen stapeln, die ihm Winzer schickten, damit er verkoste.

Die Wahl fiel auf deutschen Rotwein von einem Hersteller, dessen Namen der Captain bis dahin nie gehört oder gelesen hatte. Er griff zu, weil ihm das Etikett gefiel. So viel Souveränität und Würde sah der Captain selten auf einer deutschen Flasche kleben. Erst später, beim Rumgugeln, merkte er, welche Entdeckung der Captain da gemacht hatte, denn andere Entdecker waren ihm bereits zuvorgekommen. Das passiert.

Nun rück es raus, Captain! Um welchen Wein und Winzer geht es hier? Es handelt sich um einen günstigen (aber geschmacklich hinreißend-noblen) Einstiegs-Spätburgunder aus dem ersten eigenen Jahrgang des Nachwuchswinzers Carsten Saalwächter, der im Juni 2020 seinen 28. Geburtstag feiert.

Einige sehr gute Händler führen Saalwächter-Weine im Sortiment. Auch das Team des Vinum-Weinguide war auf den jungen Herrn aufmerksam geworden. Man erklärte den überraschten Ingelheimer zur „Entdeckung des Jahres“, obwohl der gar keine Flaschen zur Begutachtung eingeschickt hatte.

So funktioniert das nämlich normalerweise: Winzer zahlen eine sogenannte Einstellgebühr an die Verlage der Weinführer und werden daraufhin von den Profi-Verkostern bewertet. Eine merkwürdige Praxis, über die der Captain ein viel beachtetes Interview führte, das für etwas Wirbel sorgte:

Sterben die Weinführer?

Um das Nebenthema abzuschließen: Dass Carsten Saalwächter ohne eigenes Zutun (Geld) zur Ehre dieser Auszeichnung kam, spricht für das Qualitätsbewusstsein der zuständigen Weinguide-Redakteure. Aber nicht für das Geschäftsmodell der Weinführer insgesamt.

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Jetzt aber ohne weitere Abschweifung zur Person Carsten Saalwächter. Wie ein junger Schi-Adler, der soeben seine erste Goldmedaille gewann, steht Carsten im Oktober 2019 mit geröteten Wangen auf der Bühne und weiß noch nicht recht, wie er den Leuten seinen Erfolg erklären soll:

Dabei ist diese Karriere im Rückblick schnell erklärt. Carsten Saalwächter folgte einer einfachen Logik: Schau bei den Besten der Besten, wie die ihren Job machen und tu es ihnen nach.

Carsten ist Winzersohn und Scheidungskind. Mit drei Jahren verließ er das väterliche Gut, um bei der Mutter in Stuttgart aufzuwachsen. Heute sieht er das als Vorteil, denn keine eingelernten Muster störten ihn, den Autodidakten und Zuschauer ohne Önologie-Abschluss. Er zog einfach nur von Weingut zu Weingut, um sich Wissen abzuholen.

Nun, diese Weingüter heißen: Schnaitmann, Ziereisen, Stodden, Friedrich Becker, Benedikt Baltes, Chat Sauvage, Clos de Lambrays (unter Therry Brouin), Jean Chartron. Jedem Weinkenner läuft bei diesen Namen das Wasser im Mund zusammen. Jetzt fragt man sich natürlich: Hatte der junge Mann einflussreiche Fürsprecher, die ihm Türen öffneten? Mitnichten. Saalwächter: Ich bewarb mich überall selbst und hatte wohl auch sehr viel Glück. Life lessonfür alle Leser: Wer wagt, gewinnt.

Nach seiner lehrreichen Wanderzeit drückte Saalwächter kurz die Schulbankank in Veitshöchheim (Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau), um sich ein wenig Weinbautheorie anzuhören, eckte jedoch beim Lehrkörper mit aufmüpfigen Ideen vom Weinmachen an. Die Lust auf diese Art Fortbildung verging ihm dann schnell.

Welcher Meister war der wichtigste? Ganz klar Querkopf → Hanspeter Ziereisen, wo Carsten mit 18 ein ausgedehntes Praktikum absolvierte: Ich hatte keine Ahnung vom Wein. Aber jeden Abend standen drei bis vier Flaschen für 500 Euro am Tisch, monatelang. Ich lernte dort enorm viel. Hanspeter kam aus dem Nichts, genauso wie ich.

Dann kehrte Carsten zurück ins Weingut und begann herumzuprobieren. Der Vater (kluger Mann) übergibt ihm seither Parzelle für Parzelle, damit der Bub ins Winzersein reinwächst. Inzwischen sind es knapp 6 Hektar, deren Feldfrüchte 18.000 Flaschen füllen.

Übrigens, das wunderschöne Etikett, welches dem Captain ins Auge sprang, lieferte keine teure Marketingagentur. Saalwächter: Für das Geld, was die verlangen, kann man ja fast ein neues Weingut hinstellen. In sorgfältiger Tüftelei entwarf Carsten jedes Detail am Papier selbst und bat dann einen Künstler, das Werk zu vollenden. Da wurde nichts am PC entworfen, das war mir wichtig! Genauso denkt Saalwächter über Wein: Keine Schönung, keine Filtration, alles Handarbeit.

Reden kann man viel, weshalb der Captain jetzt trinkt. Und zwar den einfachen Einstiegs-Spätburgunder 2017 aus deutschen und französischen Klonen. Es ist der erste Jahrgang des jungen Winzers. Erwähnte ich das schon? Im Glas hellrot, fast ziegelfarben und wolkig-trüb. In der Nase würzig, rotfruchtig. Ich rieche deutlich schwarzen Pfeffer. Viel Schmelz, Sauerkirsche, Rote Johannisbeere (Ribisel), Karamell, etwas Lakritze. Im Mund zunächst staubtrocken und karg, dann folgt samtige Weichheit und ein Hauch Extraktsüße. Es dominiert Kirsche, dann Schwarze Johannisbeere und dezent angebrannte Graubrotkruste, die Würze einbringt. Weiter hinten leichte Nussigkeit. Präsente Säure, aber völlig unaufdringlich, ein Gerüst für die Frucht aufbauend, die von feinen Bitterstoffen emporgetragen wird. Das ist moderner, deutscher Spätburgunder, dem die Weine aus dem Burgund zum Vorbild dienen. Für diese Qualität ein echtes Schnäppchen.

Wer weiß, wie dieser Wein schmecken würde, wäre Carsten als Kind im Weingut geblieben? Der Winzer ahnt es selbst: Mehr Frucht, weniger Säure, glasklar und etwas süßlich. Meine Stilistik ist völlig undeutsch und frankophil. Klar, Carsten holt aus seinen Böden in Ingelheim (Rheinhessen) und Assmannshausen (ca. ein Hektar im Rheingau auf der anderen Seite des Rheins) deutsche Trauben nach Hause. Aber dann: schonende Pressung über viele Stunden mit der alten Spindelpresse, spontane Vergärung im Holzfass, meistens die ganzen Trauben, also inklusive Rappen (Stielgerüst), um den Wein zu würzen und seine Struktur zu stützen. Das Ergebnis ist diese Kühle und gebirgsbachfrische Klarheit im Mund.

Wo im Kopf beginnt Carsten Saalwächters Anderssein? Ihn irritiert die Fixiertheit der Kollegen auf Zahlen. Bei deutschen Jungwinzerproben geht es immer nur um Alkoholgehalt, Säurewert, Restzucker und welche Mittel zu welchem Zeitpunkt angewendet wurden. Ständig wird über den Wein gesprochen, ganz selten über die Lage. Aber der Boden zählt, das ist alles. So ein Alkoholgehalt sagt nichts. Man muss kosten, ob er passt. Dann sind auch 14 Volumenprozent nicht zu viel.

 

Datum: 17.11.2020
 

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