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Rueda: Weißwein wie ein kühles Laken

Sommer, bitte kommen!
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Der Captain trinkt seidig-kühlen Weißwein aus der heißen Mitte Spaniens. Der hat Substanz!
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Bevor ich dir heute einen bemerkenswert-frischen und stoffigen Weißwein aus der Mitte Spaniens vorstelle, biege ich kurz zu einem faszinierenden und rätselhaften Thema ab: Enttäuschung mit Urlaubswein.

Der Urlaub mit den Eltern in Rimini, dort den lässigen Gianni oder die fröhliche Gianna kennen gelernt, geflirtet, verliebt, herumgemacht, heimgefahren, Brieffreundschaft gepflegt, Besuch in Deutschland bekommen, Herzklopfen gehabt, große Enttäuschung erlebt. Und dann die Frage: Warum hat die Urlaubsliebe nicht gehalten? Die Antwort gab Dr. Sommer in der BRAVO: Weil Du auf Urlaub warst. Und im Urlaub ist alles anders. Wir haben es alle erlebt. Und werden trotzdem nicht klüger. Da sitzt man in der Hitze im Strandrestaurant unter dem Sonnenschirm und trinkt einen unglaublich leckeren, spritzigen, knochentrockenen Weißwein, der zu dem köstlichen Branzinofilet serviert wird, das vor Minuten noch gemeinsam mit Oliven und Tomaten im Ofen schmorte. Man lehnt sich zurück, schaut auf das Meer, hört die Wellen, das quietschvergnügte Schreien der Badenden. Und ist einfach nur glücklich. Wie heißt der Wein zu diesem Glück? Ah, ein Galestro aus der Toskana. Von dem kann man sicher ein paar Flaschen mitnehmen. Oder haben die den Wein sogar bei uns im Supermarkt? Daheim in Bielefeld oder Berlin, zu Hause auf der Couch oder in der Küche, schmeckt dieser leckere Galestro aber völlig anders. Man traut es sich fast gar nicht sagen: Der Wein rinnt wie säuerliches, leicht parfümiertes Wasser die Kehle runter. Langweiliger geht’s nicht!

Das Phänomen der Urlaubswein-Enttäuschung soll nun erforscht werden, meldet die weltweit renommierte Hochschule Geisenheim, Deutschlands Winzerschmiede im Rheingau.

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In diesem Projekt mit dem Arbeitstitel „Damit der Wein wie im Urlaub schmeckt“ will man mit Hilfe der sogenannten augmented reality dem Phänomen der unterschiedlichen Wahrnehmungen von ein und demselben Wein unter veränderten Bedingungen auf den Grund gehen. Ein nicht unwichtiger player der deutschen Weinwirtschaft unterstützt das Vorhaben: die Pieroth Wein AG in Burg Layen an der Nahe.Ein kluger Schachzug, verfügt man bei Pieroth ja über einschlägige Erfahrung beim Einsatz geschmacksverändernder Maßnahmen im Wein. Weingeschichte: 1985 war das Unternehmen in den Glykol-Skandal verwickelt. In einem Abfüllbetrieb von Pieroth wurden deutsche Weine im großen Stil mit gepanschtem Glykol-Wein aus Österreich verschnitten. Beinahe ging Pieroth daran zugrunde, fing sich aber wieder. Der Firmenname wurde in WIV Wein International umgedichtet, um ein wenig Ruhe zu haben. Als genügend Gras über die Angelegenheit gewachsen war, firmierte man 2018 um und heißt seitdem wieder Pieroth. „Glücklich ist, wer vergisst…“ singt Peter Alexander in einer Film-Version der Operette „Die Fledermaus“ (siehe Video) und greift zu einem Glaserl süßlichen Weißweins.

Das ist Alfreds Trinklied aus der Operette „Die Fledermaus“ von Johann Strauss:

Trinke, Liebchen, trinke schnell,
Trinken macht die Augen hell.
Sind die schönen Äuglein klar,
Siehst du alles licht und wahr.
Siehst, wie heiße Lieb‘ ein Traum,
Der uns äffet sehr,
Siehst, wie ew’ge Treue Schaum –
So was gibt’s nicht mehr!
Flieht auch manche Illusion,
Die dir einst dein Herz erfreut,
Gibt der Wein dir Tröstung schon
Durch Vergessenheit.
Glücklich ist, wer vergisst,
Was doch nicht zu ändern ist!

Zitat aus der Pressemitteilung der Hochschule Geisenheim: „Ziel des Projektes ist es, mithilfe des Projektpartners, dem Institut für Visual Computing der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg herauszufinden, wie sich die Wahrnehmung von Wein in unterschiedlichen Kontexten verändert und welche Verkostungssituationen, wie beispielsweise im Weingut, im Restaurant, der Bar oder im Urlaub, eine optimale Bewertung eines Weines ermöglicht.“ Schöne, neue Weinwelt.

Als der Captain in einer dunklen, eisigen und verschneiten Winternacht vor wenigen Tagen den formidablen Abendwein Verdejo – 10 meses sobre lías von Rodríguez de Vera, Malprende in seiner Berliner Kajüte probierte, konnte dieser Trank seinem natürlichen Habitat ferner nicht sein. Denn die Trauben wuchsen auf einer 1.000 Meter hoch gelegenen Pflanzung in der Region Rueda im heißen Herzen Spaniens. Trotzdem nicht die Spur von Urlaubswein-Frust, was wohl daran lag, dass hier sehr sorgfältig auf Qualität geachtet wurde.

Viele Monate konnte sich der Saft mit den Heferesten aus der Vergärung vollsaugen und Struktur entwickeln. Das Ergebnis ist ein etwas untypischer Verdejo (siehe Info-Kasten unten) von aufregender Kühle und stoffiger Substanz. Im Glas glänzendes und sattes Gelb. In der Nase Kalk und Steinobst. Ich rieche gelben Apfel, Mandarine, Weiße Johannisbeere. Im Mund kühlfruchtig und vegetabil-würzig. Ich schmecke milde Säure, delikate Fruchtnoten von Grapefruit, Limette, Sternfrucht und zartbittere Noten von Mesokarp – so nennt man das Weiße zwischen Schale und Fruchtfleisch von Zitrusfrüchten. Am Gaumen mittlerer Druck. Ein Weißwein so nüchtern-schön und wohltuend wie ein frisches, glattgezogenes und kühles Laken. Gefällt mir sehr gut.

Verdejo ist eine sehr alte Rebsorte, die angeblich vor über 1.000 Jahren aus Nordafrika auf die iberische Halbinsel gebracht wurde. Die Traube verlor in den frühen 1900er-Jahren an Beliebtheit, als oxidative Weißweine nach Sherry-Art en vogue waren. Glücklicherweise wurde Verdejo in den 1970er Jahren gerettet, zum Teil mit Hilfe des Rioja-Produzenten Marques de Riscal, der Verdejo als spanische Alternative zu Chardonnay und Sauvignon Blanc aufbaute. Verdejo ergibt (bei entsprechender Behandlung) subtile und doch atemberaubende Weißweine mit Aromen von Limette, Zitrone, Grapefruit, Gras, Fenchel und Zitrusblüten.

Das Foto ganz oben ist übrigens ein Werbebildchen der Weingutsgruppe Rodríguez de Vera, das meiner Meinung nach die klassische Urlaubswein-Romantik stimmig in Szene setzt. Man beachte den nachlässigen Griff zum Glas.

 

Datum: 16.1.2021