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Roberto Henríquez: Chiles Blut

Winzer Roberto Henríquez
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Der Captain trinkt urtümlichen Naturwein aus dem Süden Chiles und berichtet von seiner Reise in diese Region.
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Der Captain trinkt Wein aus Chile. Ein Land, an das er sich gerne erinnert, weil er es ausgiebig bereiste und betrank und dabei atemberaubende Weine kennengelernte, die es NIE nach Deutschland schaffen werden, weil:

  1. es zu wenige mutige Importeure dafür gibt.
  2. Wein aus Chile wegen minderwertiger Supermarktware ein mieses Image hat und
  3. der deutsche Weinfreund generell geizig ist.

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Ein guter Wein aus dem Fachhandel kostet in Chile 50 USD. Darunter gibt es sicher auch Leckerbissen, die sind jedoch nicht leicht zu finden. Glückliches Spartrinkerland Deutschland, wo man schon für 15 Euro richtig guten Wein bekommt.

Umso erfreulicher ist mein Abendwein Molino del Ciego von Roberto Henríquez, der glücklicherweise einen mutigen Importeur gefunden hat und obendrein nicht arg viel kostet.

Es ist kein klassisch-dicht gewobener roter Brummer, wie es derer viele gibt, sondern ein moderner Naturwein, der sich auf altmodische Techniken des wine makings zurückbesinnt und von Uralt-Rebstöcken kommt. Angeblich sind die 100 Jahre alt, aber da es in diesem Teil der Weinwelt bis heute wenige Aufzeichnungen darüber gibt, wer wann und wo was gepflanzt hat, muss man das einfach glauben oder nicht.

Wer übrigens jemals nach Santiago (Hauptstadt von Chile) kommt, muss unbedingt die Weinbar Bocanaríz (= Mundnase) aufsuchen, weil dieser Ort die beste Gelegenheit ist, um den önologischen Reichtum dieses Landes glasweise zu ergründen.

Seltsames Santiago, eine merkwürdige Großstadt ist das, mit Straßenschluchten zwischen Wolkenkratzern, blitzsauberen Villenvierteln und gut versteckten Armenvierteln. Tagelang fragte sich der Captain, was hier anders ist als in anderen Metropolen, bis er endlich draufkam: Es gibt fast keine Werbetafeln in Santiago. Und das in Südamerika, wo die Städte quasi zugenagelt sind mit schriller Reklame.

Nach einer netten Party mit viel ortsansässigem deutschen Adel durchquerte der Captain die Weinregionen Valle Central und Valle Sur mit der Region Itata, bis er nach Osorno kam, um die Familie eines Freundes zu besuchen, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts aus Deutschland eingewandert war und seither als Viehzüchter und Forstwirte am Rande des Waldes in einem heimeligen Holzhaus lebt und in der guten Stube eigentümliches Deutsch spricht, wie man es aus alten Schwarzweißfilmen kennt.


Der Captain durchquerte Orte mit kuriosen Namen (wie zum Beispiel Nueva Braunau), aß Schwarzwälder Kirschtorte in einem deutschen Kaffeehaus am Fuße eines Vulkans, sah riesige Hirschherden majestätisch über Lichtungen traben und unterhielt sich mit älteren Damen unter einem großen Ölgemälde, das so ähnlich aussah, wie oben das kolorierte Foto des blutrünstigen Diktators Augusto Pinochet.

Auf die etwas verwunderte Frage, was das Bild denn da mache, hieß es: Der General hat uns damals das Leben gerettet. Ihm sind wir sehr dankbar.

Und es folgten Erzählungen aus der Ära des sozialistischen Präsidenten Salvador Allende, als immer wieder von der Unidad Popular aufgehetzter Mob mit brennenden Fackeln vor den Höfen stand und die Menschen darin um ihr Leben fürchteten. Geschichte einmal andersherum.

Kurz nachdem der Captain zurück nach Deutschland reiste, brachen im Süden Chiles Unruhen aus, die sich in den Norden ausbreiteten und bis heute anhalten.

Was hat das alles mit Wein zu tun? Nichts. Der Captain findet nur, dass Texte, in denen es ausschließlich um Wein geht, meistens totlangweilig sind. Sowohl beim Lesen als auch beim Schreiben.

Die ersten Reben in Itata wurden 1550 von spanischen Siedlern gepflanzt. Dabei handelte es sich hauptsächlich um Listán Prieto und Moscatel, die von den Kanarischen Inseln über Peru eingeführt wurden. Die Stöcke gediehen im gemäßigten Klima auf Hügeln rund um den Hafen von Concepción. Der chilenische Unabhängigkeitskrieg (1810 bis 1821) verwüstete die Region und führte bis heute zur Zersplitterung der Weinberge. Winzer wie Roberto Henríquez knüpfen an diese Historie an. Er lernte und arbeitete bei Winzern in Kanada, Südafrika und an der Loire, bevor er wieder nach Hause ging, um sich den traditionellen Pipeño-Methoden des alten chilenischen Weinbaus zu widmen. Molino del Ciego (Name meines Abendweins) war eine kleine Stadt, in der das einheimische Volk der Mapuche die Spanier vor über 400 Jahren besiegte. Winzer Roberto ist Nachkomme dieses indigenen Volkes und benennt viele seiner Weine nach historischen Orten.

Trink diesen urtümlichen Saft. Es ist Wein, hinter dem viel Geschichte steht, die nicht immer nett zu den Menschen ist: Preisgekrönter und spontanvergorener chilenischer Orange Wine (Naturwein) von alten Rebstöcken (angeblich 100 Jahre alt) der Sorte Sémillon, aus der man in Frankreich richtig große Süßweine macht. Zum Beispiel den weltberühmten Château d’Yquem, dem noch etwas Sauvignon Blanc hinzugefügt wird. Im Glas dunkelgelb wie mittellange gezogener Earl-Grey-Tee. In der Nase volle Kanne Koriandersamen, gelbe Currypaste, Altbier und grob geschrotete Senfkörner. Wie außergewöhnlich und exotisch! Im Mund retronasal. Was heißt das? Antwort: genauso wie in der Nase. Ich spüre Natur-Apfelsaft, viel Vegetabilität von Selleriepürree, Kardamon und eine würzige Tanninstruktur wie bei Rotwein. Dieser Wein ist ein Ruf nach türkischen Speisen mit ihren Würzaromen, Kräuternoten, Röstigkeit und cremigen Joghurtdips. Der Orient im Glas.

 

Datum: 20.2.2021