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Portugal: Kaminwein für die kalten Tage

Schöner und reicher Winzer: José Luís Santos Lima Oliveira da Silva
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Der Captain trinkt preiswerten Kuschel-Rotwein aus der Mitte Portugals und wirft sein Kopfkino an.
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Draußen wirbeln die Schneeflocken im eisigen Wind. Das Schiff liegt gut vertäut an seinem Charlottenburger Liegeplatz. Der Captain blickt aus dem Bullauge seiner gut beheizten Kajüte und hat plötzlich Lust ein altes Erzählformat wiederaufleben zu lassen, das es hier vor Jahren gab und dann eingeschlafen ist: den inneren Dialog.

Es ist herbeifantasierte Geselligkeit, eindeutig die beste Alternative zum Selbstgespräch und passt in diese Zeit der Isolation. Draußen schlurft jemand über den Gang und pocht an die gusseiserne Tür. Herein! Der Erste Offizier betritt den Raum und streckt dem Captain grinsend eine Flasche Wein vors Gesicht. Schau mal, was ich unten gefunden habe! Der wäre doch was für deinen Abendwein-Letter…
Der Captain: Nicht so nah, bitte. Ich kann nichts erkennen.
Erster: Trotz Designerbrille?
Der Captain: Lass den Quatsch. Du kommst auch noch in das Alter.
Erster: Schaun wer mal. Wenn das mit der Impfgeschwindigkeit so weitergeht, sterbe ich an Altersschwäche, bevor mir Spahns Spritzen das Leben retten.
Der Captain: Langweiliges Etikett. Was ist das?
Erster: Portugal, kostet nur Sieben Euro Fuffzich. Heißt Bons Ventos Vinho Regional Lisboa und kommt aus der Weingutsgruppe Casa Santos Lima.
Der Captain: Welche Gegend?
Erster: Lisboa.
Der Captain: Jössas! Die Heimat der Discounterplörre.
Erster: Ja, aber nicht nur.

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Der Captain: Bitte, meine Leser wollen nicht mit minderwertigem Zeug belästigt werden. Hau ab damit und bring mir was aus dem Alentejo oder Dão. Die Weine von dort sind gerade superhip.
Erster: Klar, aber bist du nicht immer auf der Suche nach Überraschungen? Hippe Weine sind was für die Weinblogger. Du bist der Captain.
Der Captain: Herrschaftszeiten, dann reiß ihn halt auf und schütt mir ein.
Erster: Welches Glas?
Der Captain: Bordeaux von Zalto.
Erster: Wollen wir nicht die Josephine ausprobieren? Hat auch der Kurt Zalto entworfen, nachdem er im Zwist seine alte Firme verließ.
Der Captain: Ein anderes Mal. Dann vergleichen wir die Streithanseln miteinander und lesen uns dabei aus den Klageschriften vor.
Erster: Das wird ein Spaß. Wie ich hörte, haben sich Riedel und Josephinenhütte auch verklagt. Bei den Glasleuten geht’s gerade zu wie im Denver Clan.
Der Captain: Alles zu seiner Zeit. Ich muss mich erst durch den Papierkram arbeiten. Wird ein ziemlich langer Artikel.
Erster: Woher kommt eigentlich der schlechte Ruf der Anbauregion Lisboa?
Der Captain: Na von den billigen Massenweinen halt, die dort schon ewig abgefüllt werden. Früher, um die Garnisonen der Hauptstadt zu versorgen, wo die Soldaten ausharrten, bis sie zu irgendwelchen Aufständen in den Kolonien geschippert wurden, um die Einheimischen zu massakrieren.
Erster: Und, wie schmeckt er dir?
Der Captain: Ziemlich ordentlich. Mir gefällt vor allem seine kräutrige Bitterkeit, die der Süße ihre einschläfernde Molligkeit nimmt. Der ist was für meine beliebte Unter-10-Euro-Kategorie. Gibt ja nicht sooo viel, was ich dort abfeiere. Ein gemütliches Kamingetränk aus den Rebsorten Touriga Nacional, Castelão, Tinta Miúda, Camarate. Im Glas tiefdunkles Rot. In der Nase rotbeerig und schmelzig. Ich schmecke dunkle Kirsche, Himbeere, Pflaumenmus – in Österreich Powidl genannt. Sehr saftig, leicht pfeffrig und ein bisschen nach Rosenpaprika mit sanfter Süße. Am Gaumen geröstete Kräuter und Zwiebel, gedämpfter Spinat. Gut balancierter und schmackhafter Rotwein, der für diese Qualität erstaunlich wenig kostet.
Erster: Wusstest du eigentlich, dass es bis in die 1980er-Jahre keine trockenen Weine aus dem Dourotal gab? Und jetzt geht dort die Luzie ab…
Der Captain: Ja, die mächtigen Portweinhäuser herrschten dort wie bestimmte arabische Großfamilien über Neukölln. Dann kam die EU und räumte auf.
Erster: Obacht! Keine Verallgemeinerungen bitte. Hier lesen viele sensible Menschen mit.
Der Captain: Ich hör ja schon auf.
Der Erste schaut jetzt ebenfalls durch die Luke raus: Ein Schneegestöber ist das draußen. Da kommt dieser Abendwein gerade recht. Wer ist das eigentlich auf dem Foto da oben?
Der Captain: Auch so ein Clanchef. Aber ein netter. Der heißt José Luís Santos Lima Oliveira da Silva und herrscht über 600 Hektar Weinland in allen wichtigen Anbaugebieten des Landes.
Erster: Warum haben die immer so lange Namen?
Der Captain: In Portugal und Brasilien kann eine Person bis zu sechs Namen haben. Zwei Vornamen und vier Familiennamen – er oder sie können zwei Namen von der Mutter und zwei vom Vater tragen. Manchmal werden auch Namen von Ahnen als Ehrerbietung weitergeführt.
Erster: Was du alles weißt…
Der Captain: Ja, deshalb bin ich auch der Captain. Schenk mir noch was ein.

 

Datum: 9.2.2021
 

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