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Bürokratie tötet Wein

Weinbau-Legende: Peter Vinding-Diers.
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Der Captain traf den ehemaligen Kriegsberichterstatter und Winzerlegende Peter Vinding-Diers, der auf drei Kontinenten Wein machte und 2005 in Sizilien gelandet ist, wo er einen wundersamen Syrah keltert.
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In den 60er Jahren berichtete der Däne Peter Vinding-Diers als Kriegsreporter aus Vietnam, dem Jemen, Malaysia, Indonesien und Nigeria. Dann fing er an Wein zu machen: Zuerst in Südafrika, dann im Bordelais (Château Rahoul), in Brasilien, Kenia, Spanien, Chile und Ungarn (Royal Tokaji Wine Company).

Peter forschte mit Wissenschaftlern über Hefen und revolutionierte in den 80er-Jahren den Weinbau in Graves. In den frühen 90er-Jahren belebte er mit seinen Ideen das ungarische Tokaj. Ende der 90er-Jahre stieß er den Aufstieg der Ribera del Duero an, als er seinen Neffen Peter Sisseck inspirierte, dort Wein zu machen. Das Ergebnis ist der wahrscheinlich beste Wein Spaniens: Pingus.

2005 kauften Peter und seine Frau Susie ein Stück verwildertes Land mit ungepflegten Olivenbäumen in Sichtweite der großen Esso-Raffinerie zwischen Catania und Syrakus am Ionischen Meer. Winzerromantik sieht erstmal anders aus.

Das Weingut Vinding-Montecarrubo liegt neben dem Krater eines Vulkans, der vor etwa zwei Millionen Jahren erloschen ist. Hunderte von Jahren weideten hier Schafe, überall lagen Felsbrocken herum, die mühsam entfernt werden mussten. Aber die Lage ist perfekt. Sanft neigt sich das Land zum Wasser hin. Blickt man nach Norden, ragt der mächtige Kegel des Ätna in den Himmel. Vom Meer her weht eine kühle Brise, welche die Arbeit in den heißesten Tagen des August erträglich macht und den Rebstöcken Kühlung zufächelt. Hier, im Schatten eines frisch renovierten Stalls, den Peter eben in sein Weingut verwandelte, steht der Captain und ist ganz hingerissen von diesem witzigen alten Herrn, der ohne langes Überlegen druckreife Sätze spricht.

Was fragt man eine Legende zuerst? Richtig: Was können junge Weinmacher von Ihnen lernen? Lasst euch nichts gefallen und zieht euer Ding durch. Ich habe selbst gerade vor 10 Jahren wieder von vorne begonnen und ich bin schon 76 Jahre alt. Viele junge Weinmacher fliehen aus Europa und gehen nach Australien oder andere Länder, wo es weniger Bürokratie gibt. Die Bürokratie erwürgt alles, sie tötet Wein. Sie nimmt den jungen Leuten die Chance ihr eigenes Ding zu machen. Das ist das größte Problem der EU.

Was halten Sie vom Brexit? Er ist das Dümmste, das man sich einfallen lassen konnte. Dieser kranke Nationalismus ist furchterregend. Ich glaube, die Ursache ist ein Mangel an Allgemeinbildung.

Peter baut rund um sein Wohnhaus auf Montecarrubo die Rebsorten Cabernet Franc, Merlot, Syrah und ein bisschen Nero d’Avola an, die regionale Rebsortenstar Siziliens. Der Boden: Löss, vulkanischer Lehm, Kalkstein aus den Überresten eines Korallenriffs. Sein Syrah ist Peters Jackpot.

Tiefdunkel, fast schwarz, am Rand violett. In der Nase schwarze Olive, Schwarze Johannisbeere, Brombeere, Schwarzkirsche, nasser Boden und Lakritze und etwas geröstetes Brot. Im Mund mittelgewichtig und von weicher Textur. Ich schmecke dunkle Schokolade, einen Spritzer Mokka, eine Prise schwarzen Pfeffer und genau jenes Quentchen Säure, dass einen großen Rotwein ausmacht. Dann kommt die Frucht: Blaubeere, Brombeere, dunkle Kirsche und ein Hauch Süße. Ehrfurchtsvoll machende Eleganz legt sich auf meine Zunge, die noch lange haften bleibt. Peter Vinding-Diers Il Vignolo (= der Weinberg) ist nicht gerade günstig, steht aber auf Augenhöhe mit einem viel, viel kostspieligeren Hermitage.

Die Klone für diesen Wein bekam er von seinem Freund Pierre-Marie Guillaume, der an der Côte-Rôtie eine weltberühmte Rebschule betreibt. Die Trauben von Peters biodynamisch bearbeiteten Buschreben werden mit der eigenen Hefe vergoren und in Barriques bzw. 600-Liter-Halbstücke von einem Küfer im Pomerol gelegt. Peter erzählt, dass sich die Weine in den verschiedenen Fässern stark unterschiedlich entwickeln und ihm bei der Komposition eine breite Klaviatur mannigfaltiger Geschmacksmelodien zur Verfügung steht.

Sie machen seit 52 Jahren Wein und haben die spannendsten Jahrzehnte des modernen Weinbaus durchlebt. Wie sieht die Zukunft aus? Ich glaube, wir werden uns mehr auf die Weinberge konzentrieren und weniger auf die Keller. Es werden resistentere Weine kommen mit weniger Alkohol. Das ist die Zukunft. Ich glaube nicht an smarte neue Rebsorten, wir sollten besser in die Vergangenheit gehen und dort nach vergessenen Sorten suchen. Es gibt nämlich großartige Rebsorten, die keiner mehr kennt.

In der Champagne forscht man nach neuen Sorten, um dem Klimawandel zu begegnen… Die in der Champagne waren immer schon sehr langsam beim Begreifen. Sizilien ist der Ort, wo man sich auf die Vergangenheit konzentrieren kann. Es gibt hier Massen alter Parzellen, wo man sich auf die Jagd nach unbekannten Rebsorten machen kann. Die mikrobiologische Erforschung dieser Weine ist die Zukunft.

Wie man hört, arbeiten Sie aktuell an einem aufregenden Bio-Projekt. Was genau machen Sie da? Ich forsche mit einem renommierten Labor an einer Methode, die Kupferpräparate als Pflanzenschutz im Bio-Weinbau überflüssig macht. Es wäre fantastisch, wenn wir endlich vom Kupfer befreit werden. Wir züchten Bakterien, mehr verrate ich nicht. Es funktioniert! Die Rebstöcke sind glücklich. Ich bin sehr enthusiastisch.

Was können Winzer dazu beitragen, dass die Welt ein wenig besser wird? Weine mit weniger Alkohol herstellen und Menschen damit glücklich machen. Das ist unser Job! Mit einem guten Weinberg geht das. Wein macht Freude. Das wusste schon Martin Luther: Wer nicht liebt Wein, Weib, Gesang, der bleibt ein Narr sein Leben lang.

 


Datum: 24.5.2019
 

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