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Nippel-Alarm auf Schloss Castell

Ferdinand Fürst zu Castell-Castell mit Gräfin Amalia.
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Der Captain (nicht mehr jung) trank Wein für junge Leute, der aus dem Weingut einer alten Familie kommt. Ihr Chef ist ist ein echter Fürst, der Weinmarketing für die Zukunft macht.
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Weinfreunde, die im TV die ARD-Verfilmung des Lebens der Ottilie von Faber-Castell sahen und große Fernsehunterhaltung mit tollen Schauspielern erlebten (Martin Wuttke, Christin Suckow, Leslie Malton etc.), wird es im Ohr geklingelt haben: Castell – gibt es da nicht auch Wein?

Und ob! Der hartherzige Ehrgeizling Alexander zu Castell-Rüdenhausen aus dem ARD-Schinken (der Charakter wurde für das Drehbuch wohl arg überzeichnet) gehört einem Geschlecht an, dass aus dem tiefsten Mittelalter kommt und eng mit dem Weinbau verbunden ist. Der historische Hintergrund ist etwas verwirrend: Aus Castell wurde Castell-Rüdenhausen. Dann wurde aus Castell-Rüdenhausen Castell-Remlingen und Castell-Rüdenhausen, dann Castell-Castell und Castell-Rüdenhausen und später (als Ottilie ihren Alexander heiratete) wurde aus Faber und Castell-Rüdenhausen Faber-Castell. Das ist der Grund, warum heute auf Adelspartys gelegentlich Leute mit Namen Castell-Castell, Castell-Rüdenhausen und Faber-Castell zusammentreffen und sich Küsschen auf die Wangen geben.

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Weinfreunde, die im TV die ARD-Verfilmung des Lebens der Ottilie von Faber-Castell sahen und große Fernsehunterhaltung mit tollen Schauspielern erlebten (Martin Wuttke, Christin Suckow, Leslie Malton etc.), wird es im Ohr geklingelt haben: Castell – gibt es da nicht auch Wein?

Und ob! Der hartherzige Ehrgeizling Alexander zu Castell-Rüdenhausen aus dem ARD-Schinken (der Charakter wurde für das Drehbuch wohl arg überzeichnet) gehört einem Geschlecht an, dass aus dem tiefsten Mittelalter kommt und eng mit dem Weinbau verbunden ist. Der historische Hintergrund ist etwas verwirrend: Aus Castell wurde Castell-Rüdenhausen. Dann wurde aus Castell-Rüdenhausen Castell-Remlingen und Castell-Rüdenhausen, dann Castell-Castell und Castell-Rüdenhausen und später (als Ottilie ihren Alexander heiratete) wurde aus Faber und Castell-Rüdenhausen Faber-Castell. Das ist der Grund, warum heute auf Adelspartys gelegentlich Leute mit Namen Castell-Castell, Castell-Rüdenhausen und Faber-Castell zusammentreffen und sich Küsschen auf die Wangen geben.

Seit dem 11. Jahrhundert baut die Sippe Wein an. Sie ist sogar Silvaner-Pionier. Die ersten Rebstöcke der Sorte wurden 1659 (vermutlich aus Österreich) herbeigeschafft und unter castellschem Kommando in den fränkischen Boden gesteckt, wo sie bis heute famos gedeihen.

Den Castell-Castells gehört das Fürstlich Castell’sche Domänenamt in Unterfranken, kurz Weingut Castell genannt. Es war um den großen Betrieb etwas still geworden. Die Weine des Hauses rückten aus dem Fokus eingefleischter Weinkenner, um es mal höflich auszudrücken. Aber das ändert sich gerade. Neulich verkostete der Captain einen aufregenden Wein, der entschlossen von Aufbruch zeugt. Es ist ein Gemischter Satz, der im Granitfass vergor:

In der Nase naturtrüber Birnensaft, Sauerkraut, Stachelbeere, weiße Zwiebel, Minze, etwas Gewürznelke. Im Mund rauchig, kräutrig und irre mineralisch. Faszinierend! Ich spüre ganz viel Saft, Reife und kalte Minestrone. Mit zunehmender Wärme Viskosität wie bei einem lange gelagerten Wein. Dann Bachkiesel, nasser Aschenbecher, dabei adstringierend wie ein junger roter Bordeaux, mildes Kräutersalz, Frankfurter grüne Soße, gelber Apfel, hach! Einer der interessantesten Weine, die der Captain 2019 bisher trank.

Dieser Exot in Kleinstauflage, dessen Rebstöcke auf der Parzelle einer uralten Dame wachsen, die einer mit Castell verbundenen Weinbaugenossenschaft angehört, ist jedoch nicht die einzige Innovation, die sich Bankier, Waldbesitzer und Winzer Ferdinand zu Castell-Castell mit seinen Beratern einfallen ließ, um die lange Weinbauvergangenheit des Hauses mit der Zukunft zu verknüpfen. 2018 kam erstmals die Weinserie „Die Gefährten“ heraus. Ein wohldurchdachtes Produkt für junge Weintrinker. Die Gefährten sind vier Weine, die jeweils etwas über 10 Euro kosten: Silvaner, Riesling, eine Cuvée aus Weiß- und Grauburgunder und eine rote Mischung.

Was hat das alles mit der reißerischen Überschrift zu tun, die über diesem Text steht? Die Antwort sowie eine Erklärung der Idee hinter den vier Gefährten (die eigentlich Gefährtinnen sind) findet man in diesem Video:

Ein schöner Satz des Fürsten in meinem kurzen Clip lautet: Eine Familie und ein Familienunternehmen ist natürlich ohne Frauen völlig undenkbar.

Was bewog den Fürsten zu diesem innovativen Schritt?

Deutschlands Weinkonsum sinkt, meldete das deutsche Weininstitut (DWI). Im Jahr ca. ein Glas weniger pro Kopf, wenn man davon ausgeht, dass jeder einzelne von 82 Mio. Menschen, die hier leben, Wein trinkt, was natürlich Quatsch ist. Um die Weinabstinenzler bereinigt ist der Verzicht pro Nase noch deutlich höher.

Die Weinwirtschaft befindet sich im Verdrängungswettbewerb. Anders als in China, wo jeden Tag mehr Menschen dem Zauber des Weins erliegen und der Markt für Produzenten wächst, nimmt die Bevölkerung Deutschlands ab und trinkt obendrein immer weniger Wein. Den Betreibern junger deutscher Betriebe kann diese Nachricht egal sein, für sie ist ein schrumpfender Absatzmarkt vielleicht die kleinste aus einer Vielzahl von Herausforderungen. Für etablierte Weingüter mit alterndem Kundenstamm jedoch verengt die Kombination aus demografischem Wandel und sinkendem Gesamtzuspruch ganz erheblich die Perspektive. Kluge Strategen erkennen das Problem und leiten Gegenmaßnahmen ein. Einer davon ist Wilhelm Weil, der 2017 die Weinlinie „Junior“ kreierte, die exklusiv bei EDEKA im Regal steht. Man hat allerdings schon länger nichts mehr davon gehört und ich weiß nicht, ob dem energischen Vorstoß ein nennenswerter Erfolg beschieden ist.

Anti-Aging mit Robert Weil

Auf Schloss Castell hingegen frohlockt man aus lauter Kehle. „Die Gefährten“ ist ein Renner, heißt es. Genaue Zahlen will man nicht rausrücken. Aber als der Captain im vergangenen Winter Castell besuchte, um ein paar Raritäten aus dem Keller seiner Durchlaucht zu probieren (dazu ein anderes Mal mehr) und bei dieser Gelegenheit auch von den Gefährten zu kosten begehrte, stand nicht mal jeder der vier verschiedenen Weine zur Verfügung. Ein halbes Jahr später ist erst recht Schicht im Schacht. Das Weingut meldet stolz: 6 Monate bevor der neue Jahrgang auf den Markt kommt, ist die Cuvée aus Weiß- und Grauburgunder ausverkauft. Ebenso der Silvaner, von dem es nur noch wenige Flaschen gibt.

Und wie schmeckt das fürstliche Projekt? Der Captain trank die weiße Burgunder-Cuvée, die zu 20% im großen Holzfass lag. In der Nase weich und schmelzig. Ich rieche Steinobst und leichte Mineralik. Im Mund süffig. Weiche Birne, gelber Apfel, zarte Nussigkeit, ordentlicher Trinkfluss. Die Säure hält sich erwartungsgemäß im Hintergrund. Im Abgang Mandarine und feine Süße.

Und welcher Frau der Familie ist dieser Wein gewidmet?

Marie-Louise, der Mutter des aktuellen Fürsten. Die tiefreligiöse Dame schrieb ein Buch über Vergebung und Versöhnung und erfreut sich guter Gesundheit. Nach dem Zusammenbruch der Nazi-Diktatur baute sie gemeinsam mit ihrem Mann Albrecht das vom Krieg gezeichnete Weingut wieder auf. Ein angestellter Historiker arbeitet die Geschichte der Castell-Castells auf und macht auch nicht vor den Verknüpfungen der Familie mit dem Hitler-Regime halt. Ein → Buch, initiiert von der Familie selbst, dokumentiert die Mitschuld am Schicksal ermoderter jüdischer Kunden der Castell-Bank. Fürst Albrecht, der 2016 verstarb, sprach aus, womit man sich in vielen anderen Firmen immer noch schwer tut: Wir haben uns schuldig gemacht durch Lieblosigkeit, Gleichgültigkeit und Unterlassung. Davor zieht der Captain respektvoll seinen Hut.

 


Datum: 14.9.2019 (Update 19.9.2019)
 

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